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[Rabener, Gottlieb Wilhelm]: Sammlung satirischer Schriften. Bd. 4. Leipzig, 1755.

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Zweytes Buch.
5.

Endlich hat Hypsäus (4) den Schritt ge-
than, den er sich seit langer Zeit zu thun wünschte.
Er hat heute das ansehnliche Amt überkommen.
Zwar den Verstand hat er nicht, der zu dem Amte
erfodert wird; aber den hat er sich auch eben nicht
gewünscht. Genug, daß er die Besoldung und
den Rang hat. Er wird dafür sorgen, daß er
jemanden miethet, der in seinem Namen den Ver-
stand und Fleiß anwendet, den das Amt erfodert.
Nunmehr glaubt Hypsäus vollkommen glücklich
zu seyn. Aber seine große Dummheit, und Nach-
läßigkeit wird nun destomehr in die Augen fallen,
je ansehnlicher der Posten ist, in welchem er ste-
het. Die Stadt fängt an, öffentlich über ihn
zu lachen, da sie ihn vorher nur im Stillen ver-
spottet hat. Die Einkünfte muß er denen abge-
ben, die für ihn arbeiten. Er wird also auf den
ersten April künftigen Jahres von seiner Ehren-
stelle nichts übrig haben, als die Schande, und die
Verantwortung.

6.

Sehen sie jenen Mann mit der tückischen und
menschenfeindlichen Miene, welcher sich die Stirne
wischt, und sich ganz ermüdet auf das Canapee
wirft? Das ist Neran! (5) Erst vor einer Mi-
nute hat er das große Werk zu Stande gebracht,
an dem er seit einem halben Jahre gearbeitet hat.

Durch
(4) Der Herr Rath M - - mit der wichtigen Miene eines
O - -
(5) Der Mann ist mir zu tückIsch, den mag ich nicht
nennen.
J i 5
Zweytes Buch.
5.

Endlich hat Hypſaͤus (4) den Schritt ge-
than, den er ſich ſeit langer Zeit zu thun wuͤnſchte.
Er hat heute das anſehnliche Amt uͤberkommen.
Zwar den Verſtand hat er nicht, der zu dem Amte
erfodert wird; aber den hat er ſich auch eben nicht
gewuͤnſcht. Genug, daß er die Beſoldung und
den Rang hat. Er wird dafuͤr ſorgen, daß er
jemanden miethet, der in ſeinem Namen den Ver-
ſtand und Fleiß anwendet, den das Amt erfodert.
Nunmehr glaubt Hypſaͤus vollkommen gluͤcklich
zu ſeyn. Aber ſeine große Dummheit, und Nach-
laͤßigkeit wird nun deſtomehr in die Augen fallen,
je anſehnlicher der Poſten iſt, in welchem er ſte-
het. Die Stadt faͤngt an, oͤffentlich uͤber ihn
zu lachen, da ſie ihn vorher nur im Stillen ver-
ſpottet hat. Die Einkuͤnfte muß er denen abge-
ben, die fuͤr ihn arbeiten. Er wird alſo auf den
erſten April kuͤnftigen Jahres von ſeiner Ehren-
ſtelle nichts uͤbrig haben, als die Schande, und die
Verantwortung.

6.

Sehen ſie jenen Mann mit der tuͤckiſchen und
menſchenfeindlichen Miene, welcher ſich die Stirne
wiſcht, und ſich ganz ermuͤdet auf das Canapee
wirft? Das iſt Neran! (5) Erſt vor einer Mi-
nute hat er das große Werk zu Stande gebracht,
an dem er ſeit einem halben Jahre gearbeitet hat.

Durch
(4) Der Herr Rath M ‒ ‒ mit der wichtigen Miene eines
O ‒ ‒
(5) Der Mann iſt mir zu tuͤckIſch, den mag ich nicht
nennen.
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[505[503]/0527] Zweytes Buch. 5. Endlich hat Hypſaͤus (4) den Schritt ge- than, den er ſich ſeit langer Zeit zu thun wuͤnſchte. Er hat heute das anſehnliche Amt uͤberkommen. Zwar den Verſtand hat er nicht, der zu dem Amte erfodert wird; aber den hat er ſich auch eben nicht gewuͤnſcht. Genug, daß er die Beſoldung und den Rang hat. Er wird dafuͤr ſorgen, daß er jemanden miethet, der in ſeinem Namen den Ver- ſtand und Fleiß anwendet, den das Amt erfodert. Nunmehr glaubt Hypſaͤus vollkommen gluͤcklich zu ſeyn. Aber ſeine große Dummheit, und Nach- laͤßigkeit wird nun deſtomehr in die Augen fallen, je anſehnlicher der Poſten iſt, in welchem er ſte- het. Die Stadt faͤngt an, oͤffentlich uͤber ihn zu lachen, da ſie ihn vorher nur im Stillen ver- ſpottet hat. Die Einkuͤnfte muß er denen abge- ben, die fuͤr ihn arbeiten. Er wird alſo auf den erſten April kuͤnftigen Jahres von ſeiner Ehren- ſtelle nichts uͤbrig haben, als die Schande, und die Verantwortung. 6. Sehen ſie jenen Mann mit der tuͤckiſchen und menſchenfeindlichen Miene, welcher ſich die Stirne wiſcht, und ſich ganz ermuͤdet auf das Canapee wirft? Das iſt Neran! (5) Erſt vor einer Mi- nute hat er das große Werk zu Stande gebracht, an dem er ſeit einem halben Jahre gearbeitet hat. Durch (4) Der Herr Rath M ‒ ‒ mit der wichtigen Miene eines O ‒ ‒ (5) Der Mann iſt mir zu tuͤckIſch, den mag ich nicht nennen. J i 5

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Zitationshilfe: [Rabener, Gottlieb Wilhelm]: Sammlung satirischer Schriften. Bd. 4. Leipzig, 1755, S. 505[503]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rabener_sammlung04_1755/527>, abgerufen am 28.02.2021.