Ranke, Leopold von: Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Bd. 2. Berlin, 1839.Drittes Buch. Fünftes Capitel. Prädicanten, denen die Zunge an den Pranger genageltwird, so daß sie, sich selber verstümmelnd, sich losreißen müssen, wenn sie wieder frei werden wollen. Der Fana- tismus beschränkter Mönche erwachte und suchte im nie- dern wie im obern Deutschland seine Opfer. Welch ein schreckliches Exempel ward an dem armen Heinrich von Zütphen zu Meldorf in Ditmarschen statuirt. Auch hier hatte sich eine kleine Gemeinde gebildet, die diesen Augu- stiner von Bremen auf eine Zeitlang zu sich berief, und von den Regenten des Landes, den Acht und vierzig, die Zusage erlangte, weil man ja doch eine Kirchenversamm- lung erwarte, daß indeß das Evangelium lauter und rein gepredigt werden dürfe. Allein bei weitem stärker waren doch noch die Gegner, der Prior der Dominicaner von Meldorf, die Minoriten von Lunden: in Verbindung mit dem Vicarius des bischöflichen Officials wirkten sie einen entgegengesetzten Beschluß aus, durch den ihnen der arme Mensch, weil er gegen die Mutter Gottes predige, über- lassen wurde. 1 Ein trunkener Volkshaufen -- Mönche trugen ihm die Fackeln voran -- holte hierauf, bei Nacht, im Januar, den Prädicanten aus dem Pfarrhause hervor: unter greulichen Martern, bei denen sich Ungeschick und Grausamkeit vereinigten, brachten sie ihn um. Dem gegenüber aber schritt man nun auch auf der 1 Neocorus herausg. v. Dahlmann II, p. 24. Das Urtheil
des Vogts lautet: Deße Bosewicht hefft geprediget wedder de Mo- der Gadeß unnd wedder den Christen Gloven, uth welkerer Orsake ick ehn vorordele van wegen mines genedigen Herrn Bischops van Bremen thom Vuere. Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel. Prädicanten, denen die Zunge an den Pranger genageltwird, ſo daß ſie, ſich ſelber verſtümmelnd, ſich losreißen müſſen, wenn ſie wieder frei werden wollen. Der Fana- tismus beſchränkter Mönche erwachte und ſuchte im nie- dern wie im obern Deutſchland ſeine Opfer. Welch ein ſchreckliches Exempel ward an dem armen Heinrich von Zütphen zu Meldorf in Ditmarſchen ſtatuirt. Auch hier hatte ſich eine kleine Gemeinde gebildet, die dieſen Augu- ſtiner von Bremen auf eine Zeitlang zu ſich berief, und von den Regenten des Landes, den Acht und vierzig, die Zuſage erlangte, weil man ja doch eine Kirchenverſamm- lung erwarte, daß indeß das Evangelium lauter und rein gepredigt werden dürfe. Allein bei weitem ſtärker waren doch noch die Gegner, der Prior der Dominicaner von Meldorf, die Minoriten von Lunden: in Verbindung mit dem Vicarius des biſchöflichen Officials wirkten ſie einen entgegengeſetzten Beſchluß aus, durch den ihnen der arme Menſch, weil er gegen die Mutter Gottes predige, über- laſſen wurde. 1 Ein trunkener Volkshaufen — Mönche trugen ihm die Fackeln voran — holte hierauf, bei Nacht, im Januar, den Prädicanten aus dem Pfarrhauſe hervor: unter greulichen Martern, bei denen ſich Ungeſchick und Grauſamkeit vereinigten, brachten ſie ihn um. Dem gegenüber aber ſchritt man nun auch auf der 1 Neocorus herausg. v. Dahlmann II, p. 24. Das Urtheil
des Vogts lautet: Deße Boſewicht hefft geprediget wedder de Mo- der Gadeß unnd wedder den Chriſten Gloven, uth welkerer Orſake ick ehn vorordele van wegen mines genedigen Herrn Biſchops van Bremen thom Vuere. <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <p><pb facs="#f0184" n="174"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel</hi>.</fw><lb/> Prädicanten, denen die Zunge an den Pranger genagelt<lb/> wird, ſo daß ſie, ſich ſelber verſtümmelnd, ſich losreißen<lb/> müſſen, wenn ſie wieder frei werden wollen. Der Fana-<lb/> tismus beſchränkter Mönche erwachte und ſuchte im nie-<lb/> dern wie im obern Deutſchland ſeine Opfer. Welch ein<lb/> ſchreckliches Exempel ward an dem armen Heinrich von<lb/> Zütphen zu Meldorf in Ditmarſchen ſtatuirt. Auch hier<lb/> hatte ſich eine kleine Gemeinde gebildet, die dieſen Augu-<lb/> ſtiner von Bremen auf eine Zeitlang zu ſich berief, und<lb/> von den Regenten des Landes, den Acht und vierzig, die<lb/> Zuſage erlangte, weil man ja doch eine Kirchenverſamm-<lb/> lung erwarte, daß indeß das Evangelium lauter und rein<lb/> gepredigt werden dürfe. Allein bei weitem ſtärker waren<lb/> doch noch die Gegner, der Prior der Dominicaner von<lb/> Meldorf, die Minoriten von Lunden: in Verbindung mit<lb/> dem Vicarius des biſchöflichen Officials wirkten ſie einen<lb/> entgegengeſetzten Beſchluß aus, durch den ihnen der arme<lb/> Menſch, weil er gegen die Mutter Gottes predige, über-<lb/> laſſen wurde. <note place="foot" n="1">Neocorus herausg. v. Dahlmann <hi rendition="#aq">II, p.</hi> 24. Das Urtheil<lb/> des Vogts lautet: Deße Boſewicht hefft geprediget wedder de Mo-<lb/> der Gadeß unnd wedder den Chriſten Gloven, uth welkerer Orſake<lb/> ick ehn vorordele van wegen mines genedigen Herrn Biſchops van<lb/> Bremen thom Vuere.</note> Ein trunkener Volkshaufen — Mönche<lb/> trugen ihm die Fackeln voran — holte hierauf, bei Nacht,<lb/> im Januar, den Prädicanten aus dem Pfarrhauſe hervor:<lb/> unter greulichen Martern, bei denen ſich Ungeſchick und<lb/> Grauſamkeit vereinigten, brachten ſie ihn um.</p><lb/> <p>Dem gegenüber aber ſchritt man nun auch auf der<lb/> andern Seite zu entſchiednern Maaßregeln.</p><lb/> </div> </div> </body> </text> </TEI> [174/0184]
Drittes Buch. Fuͤnftes Capitel.
Prädicanten, denen die Zunge an den Pranger genagelt
wird, ſo daß ſie, ſich ſelber verſtümmelnd, ſich losreißen
müſſen, wenn ſie wieder frei werden wollen. Der Fana-
tismus beſchränkter Mönche erwachte und ſuchte im nie-
dern wie im obern Deutſchland ſeine Opfer. Welch ein
ſchreckliches Exempel ward an dem armen Heinrich von
Zütphen zu Meldorf in Ditmarſchen ſtatuirt. Auch hier
hatte ſich eine kleine Gemeinde gebildet, die dieſen Augu-
ſtiner von Bremen auf eine Zeitlang zu ſich berief, und
von den Regenten des Landes, den Acht und vierzig, die
Zuſage erlangte, weil man ja doch eine Kirchenverſamm-
lung erwarte, daß indeß das Evangelium lauter und rein
gepredigt werden dürfe. Allein bei weitem ſtärker waren
doch noch die Gegner, der Prior der Dominicaner von
Meldorf, die Minoriten von Lunden: in Verbindung mit
dem Vicarius des biſchöflichen Officials wirkten ſie einen
entgegengeſetzten Beſchluß aus, durch den ihnen der arme
Menſch, weil er gegen die Mutter Gottes predige, über-
laſſen wurde. 1 Ein trunkener Volkshaufen — Mönche
trugen ihm die Fackeln voran — holte hierauf, bei Nacht,
im Januar, den Prädicanten aus dem Pfarrhauſe hervor:
unter greulichen Martern, bei denen ſich Ungeſchick und
Grauſamkeit vereinigten, brachten ſie ihn um.
Dem gegenüber aber ſchritt man nun auch auf der
andern Seite zu entſchiednern Maaßregeln.
1 Neocorus herausg. v. Dahlmann II, p. 24. Das Urtheil
des Vogts lautet: Deße Boſewicht hefft geprediget wedder de Mo-
der Gadeß unnd wedder den Chriſten Gloven, uth welkerer Orſake
ick ehn vorordele van wegen mines genedigen Herrn Biſchops van
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| Zitationshilfe: | Ranke, Leopold von: Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Bd. 2. Berlin, 1839, S. 174. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/ranke_reformation02_1839/184>, abgerufen am 10.08.2024. |


