Unfern von da hatte sich Thomas Münzer eine Kirche nach den Ideen die einst in Zwickau und Wittenberg un- terlegen waren gegründet. Er gieng nach wie vor von der innerlichen Offenbarung aus, der er allein Werth bei- legte; aber noch entschiedner als früher predigte er die ta- boritische Doctrin, man müsse die Ungläubigen mit dem Schwerd ausrotten und ein Reich aus lauter Gläubi- gen aufrichten.
Es konnte schon an und für sich nicht anders seyn, als daß diese Lehren in ganz Deutschland Anklang und Wieder- holung fanden. Auch im Wirtenbergischen predigte man den Bauern vom israelitischen Jubeljahr. "O lieber Mensch," sagte Dr Mantel, "o armer frommer Mensch, wenn diese Jubeljahre kämen, das wären die rechten Jahre." 1 Otto Brunfels, der sich bisher sehr gemäßigt ausgedrückt, ließ 1524 zu Strasburg eine Anzahl Sätze über den Zehn- ten erscheinen, in denen er denselben für eine Einrichtung des alten Testamentes erklärte, welche durch das neue auf- gehoben sey, und den Geistlichen alles Recht dazu ab- sprach. 2 In Hof treffen wir noch einmal auf Nicolaus Storch, der auch da mit seinen Offenbarungen Glauben fand, und 12 Apostel um sich sammelte, die seine Lehre
ben entgegen ist. 1524. C III heißt es: so dann in der ordnung des Jubel jars im Text offenbarlich außgedruckt wirt das Gebot, das die notürfftig bruderlich lieb fordert, muß alle einrede still halten und allen Christen desgleychen zu thun gebotten ungezweyffelt seyn.
1 Sattler Würtenbergische Geschichte Herz. II, p. 105.
2De ratione decimarum Ottonis Brunfelsii Propositiones. Unter andern prop. 115. Proditores Christi sunt Juda pejores et sacerdotibus Baal, qui pro missis papisticis et canonicis pre- culis decimas recipiunt.
Bauernkrieg.
Unfern von da hatte ſich Thomas Münzer eine Kirche nach den Ideen die einſt in Zwickau und Wittenberg un- terlegen waren gegründet. Er gieng nach wie vor von der innerlichen Offenbarung aus, der er allein Werth bei- legte; aber noch entſchiedner als früher predigte er die ta- boritiſche Doctrin, man müſſe die Ungläubigen mit dem Schwerd ausrotten und ein Reich aus lauter Gläubi- gen aufrichten.
Es konnte ſchon an und für ſich nicht anders ſeyn, als daß dieſe Lehren in ganz Deutſchland Anklang und Wieder- holung fanden. Auch im Wirtenbergiſchen predigte man den Bauern vom iſraelitiſchen Jubeljahr. „O lieber Menſch,“ ſagte Dr Mantel, „o armer frommer Menſch, wenn dieſe Jubeljahre kämen, das wären die rechten Jahre.“ 1 Otto Brunfels, der ſich bisher ſehr gemäßigt ausgedrückt, ließ 1524 zu Strasburg eine Anzahl Sätze über den Zehn- ten erſcheinen, in denen er denſelben für eine Einrichtung des alten Teſtamentes erklärte, welche durch das neue auf- gehoben ſey, und den Geiſtlichen alles Recht dazu ab- ſprach. 2 In Hof treffen wir noch einmal auf Nicolaus Storch, der auch da mit ſeinen Offenbarungen Glauben fand, und 12 Apoſtel um ſich ſammelte, die ſeine Lehre
ben entgegen iſt. 1524. C III heißt es: ſo dann in der ordnung des Jubel jars im Text offenbarlich außgedruckt wirt das Gebot, das die notuͤrfftig bruderlich lieb fordert, muß alle einrede ſtill halten und allen Chriſten desgleychen zu thun gebotten ungezweyffelt ſeyn.
1 Sattler Wuͤrtenbergiſche Geſchichte Herz. II, p. 105.
2De ratione decimarum Ottonis Brunfelsii Propositiones. Unter andern prop. 115. Proditores Christi sunt Juda pejores et sacerdotibus Baal, qui pro missis papisticis et canonicis pre- culis decimas recipiunt.
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Bauernkrieg.
Unfern von da hatte ſich Thomas Münzer eine Kirche
nach den Ideen die einſt in Zwickau und Wittenberg un-
terlegen waren gegründet. Er gieng nach wie vor von
der innerlichen Offenbarung aus, der er allein Werth bei-
legte; aber noch entſchiedner als früher predigte er die ta-
boritiſche Doctrin, man müſſe die Ungläubigen mit dem
Schwerd ausrotten und ein Reich aus lauter Gläubi-
gen aufrichten.
Es konnte ſchon an und für ſich nicht anders ſeyn, als
daß dieſe Lehren in ganz Deutſchland Anklang und Wieder-
holung fanden. Auch im Wirtenbergiſchen predigte man den
Bauern vom iſraelitiſchen Jubeljahr. „O lieber Menſch,“
ſagte Dr Mantel, „o armer frommer Menſch, wenn dieſe
Jubeljahre kämen, das wären die rechten Jahre.“ 1 Otto
Brunfels, der ſich bisher ſehr gemäßigt ausgedrückt, ließ
1524 zu Strasburg eine Anzahl Sätze über den Zehn-
ten erſcheinen, in denen er denſelben für eine Einrichtung
des alten Teſtamentes erklärte, welche durch das neue auf-
gehoben ſey, und den Geiſtlichen alles Recht dazu ab-
ſprach. 2 In Hof treffen wir noch einmal auf Nicolaus
Storch, der auch da mit ſeinen Offenbarungen Glauben
fand, und 12 Apoſtel um ſich ſammelte, die ſeine Lehre
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1 Sattler Wuͤrtenbergiſche Geſchichte Herz. II, p. 105.
2 De ratione decimarum Ottonis Brunfelsii Propositiones.
Unter andern prop. 115. Proditores Christi sunt Juda pejores
et sacerdotibus Baal, qui pro missis papisticis et canonicis pre-
culis decimas recipiunt.
2 ben entgegen iſt. 1524. C III heißt es: ſo dann in der ordnung
des Jubel jars im Text offenbarlich außgedruckt wirt das Gebot, das
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Ranke, Leopold von: Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Bd. 2. Berlin, 1839, S. 185. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/ranke_reformation02_1839/195>, abgerufen am 10.08.2024.
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