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[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 7. Göttingen, 1751.

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ehrteste Eltern. Er lasse Euch bey Veränderung
Eures ledigen Standes eine Gattinn finden, die
so wohl einem jeden als Euch selbst angenehm
sey. Er lasse Euch in einer Hoffnungsvollen
Nachkommenschaft glücklich seyn, und unter der-
selben keine Clarissa haben, die Euch Euer Ver-
gnügen vergälle, wenn sie Euch das meiste Ver-
gnügen geben sollte: sondern gebe, daß mein Bey-
spiel den lieben Kindern, die ich ehemals noch bey
meinem Leben zu sehen und zu umarmen hoffete,
zu einer Warnung vor dem Bösen diene, wovon
diese betrügliche Welt überfließet. Dieß ist das
Gebeth

Eurer ergebenen Schwester
Clarissa Harlowe.


Der siebzigste Brief
An Fräulein Harlowe.

Nun möget Jhr, meine liebe Arabelle, wohl von
Eurer strengen Tugend nicht gebunden seyn,
daß ihr nicht eine mitleidige Thräne über die
vergangenen Fehler und Leiden Eurer ehemals
unglücklichen Schwester vergießen solltet: indem
sie Euch itzo niemals mehr beleidigen kann. Die
göttliche Gnade, welche ihr zuerst Reue einflößte;
und das war eine frühzeitige Reue, weil sie vor
ihrem Leiden vorherging; Reue über einen Fehler,

den



ehrteſte Eltern. Er laſſe Euch bey Veraͤnderung
Eures ledigen Standes eine Gattinn finden, die
ſo wohl einem jeden als Euch ſelbſt angenehm
ſey. Er laſſe Euch in einer Hoffnungsvollen
Nachkommenſchaft gluͤcklich ſeyn, und unter der-
ſelben keine Clariſſa haben, die Euch Euer Ver-
gnuͤgen vergaͤlle, wenn ſie Euch das meiſte Ver-
gnuͤgen geben ſollte: ſondern gebe, daß mein Bey-
ſpiel den lieben Kindern, die ich ehemals noch bey
meinem Leben zu ſehen und zu umarmen hoffete,
zu einer Warnung vor dem Boͤſen diene, wovon
dieſe betruͤgliche Welt uͤberfließet. Dieß iſt das
Gebeth

Eurer ergebenen Schweſter
Clariſſa Harlowe.


Der ſiebzigſte Brief
An Fraͤulein Harlowe.

Nun moͤget Jhr, meine liebe Arabelle, wohl von
Eurer ſtrengen Tugend nicht gebunden ſeyn,
daß ihr nicht eine mitleidige Thraͤne uͤber die
vergangenen Fehler und Leiden Eurer ehemals
ungluͤcklichen Schweſter vergießen ſolltet: indem
ſie Euch itzo niemals mehr beleidigen kann. Die
goͤttliche Gnade, welche ihr zuerſt Reue einfloͤßte;
und das war eine fruͤhzeitige Reue, weil ſie vor
ihrem Leiden vorherging; Reue uͤber einen Fehler,

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[500/0506] ehrteſte Eltern. Er laſſe Euch bey Veraͤnderung Eures ledigen Standes eine Gattinn finden, die ſo wohl einem jeden als Euch ſelbſt angenehm ſey. Er laſſe Euch in einer Hoffnungsvollen Nachkommenſchaft gluͤcklich ſeyn, und unter der- ſelben keine Clariſſa haben, die Euch Euer Ver- gnuͤgen vergaͤlle, wenn ſie Euch das meiſte Ver- gnuͤgen geben ſollte: ſondern gebe, daß mein Bey- ſpiel den lieben Kindern, die ich ehemals noch bey meinem Leben zu ſehen und zu umarmen hoffete, zu einer Warnung vor dem Boͤſen diene, wovon dieſe betruͤgliche Welt uͤberfließet. Dieß iſt das Gebeth Eurer ergebenen Schweſter Clariſſa Harlowe. Der ſiebzigſte Brief An Fraͤulein Harlowe. Nun moͤget Jhr, meine liebe Arabelle, wohl von Eurer ſtrengen Tugend nicht gebunden ſeyn, daß ihr nicht eine mitleidige Thraͤne uͤber die vergangenen Fehler und Leiden Eurer ehemals ungluͤcklichen Schweſter vergießen ſolltet: indem ſie Euch itzo niemals mehr beleidigen kann. Die goͤttliche Gnade, welche ihr zuerſt Reue einfloͤßte; und das war eine fruͤhzeitige Reue, weil ſie vor ihrem Leiden vorherging; Reue uͤber einen Fehler, den

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Zitationshilfe: [Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 7. Göttingen, 1751, S. 500. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa07_1751/506>, abgerufen am 22.02.2024.