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[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 7. Göttingen, 1751.

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Der drey und achtzigste Brief
von
Obrist Morden, zur Fortsetzung.

Wir sind eben von der Vollziehung des letzten
traurigen Gebrauchs zurückgekommen.
Mein Vetter Jakob und seine Schwester, Herr
und Fr. Hervey nebst ihrer Tochter, einer jungen

Fräu-
"telkeit und Einbildung an, die in ihr, ohne daß sie
"es gewußt, verborgen gelegen, bis ihre Trübsal, wel-
"che sie genöthigt, in sich selbst hineinzuschauen, die-
"selbe ans Licht gebracht habe.
"Sie läßt sich weitläuftig über den Vortheil her-
"aus, den ein bescheidnes, furchtsames und mistraui-
"sches Gemüth von den Drangsalen hat.
"Sie tröstet sie wegen ihres frühzeitigen Todes,
"weil sie ihren Lauf in der Prüfungszeit, wie sie
"sagt, bey so frühen Jahren vollendet hat: da viele
"durch den Schein der göttlichen Gnadensonne nicht
"besser zur Reife kommen, bis sie 50, 60, oder 70
"Jahr alt sind.
"Jch hoffe, schreibt sie, mein Vater werde die
"Bitte genehm halten, welche ich an ihn in meinem
"Testament gethan habe, daß er Sie in meiner
"Hollän-




Der drey und achtzigſte Brief
von
Obriſt Morden, zur Fortſetzung.

Wir ſind eben von der Vollziehung des letzten
traurigen Gebrauchs zuruͤckgekommen.
Mein Vetter Jakob und ſeine Schweſter, Herr
und Fr. Hervey nebſt ihrer Tochter, einer jungen

Fraͤu-
„telkeit und Einbildung an, die in ihr, ohne daß ſie
„es gewußt, verborgen gelegen, bis ihre Truͤbſal, wel-
„che ſie genoͤthigt, in ſich ſelbſt hineinzuſchauen, die-
„ſelbe ans Licht gebracht habe.
„Sie laͤßt ſich weitlaͤuftig uͤber den Vortheil her-
„aus, den ein beſcheidnes, furchtſames und mistraui-
„ſches Gemuͤth von den Drangſalen hat.
„Sie troͤſtet ſie wegen ihres fruͤhzeitigen Todes,
„weil ſie ihren Lauf in der Pruͤfungszeit, wie ſie
„ſagt, bey ſo fruͤhen Jahren vollendet hat: da viele
„durch den Schein der goͤttlichen Gnadenſonne nicht
„beſſer zur Reife kommen, bis ſie 50, 60, oder 70
„Jahr alt ſind.
„Jch hoffe, ſchreibt ſie, mein Vater werde die
„Bitte genehm halten, welche ich an ihn in meinem
„Teſtament gethan habe, daß er Sie in meiner
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[603/0609] Der drey und achtzigſte Brief von Obriſt Morden, zur Fortſetzung. Donnerſtags, Abends, den 14ten September. Wir ſind eben von der Vollziehung des letzten traurigen Gebrauchs zuruͤckgekommen. Mein Vetter Jakob und ſeine Schweſter, Herr und Fr. Hervey nebſt ihrer Tochter, einer jungen Fraͤu- (**) (**) „telkeit und Einbildung an, die in ihr, ohne daß ſie „es gewußt, verborgen gelegen, bis ihre Truͤbſal, wel- „che ſie genoͤthigt, in ſich ſelbſt hineinzuſchauen, die- „ſelbe ans Licht gebracht habe. „Sie laͤßt ſich weitlaͤuftig uͤber den Vortheil her- „aus, den ein beſcheidnes, furchtſames und mistraui- „ſches Gemuͤth von den Drangſalen hat. „Sie troͤſtet ſie wegen ihres fruͤhzeitigen Todes, „weil ſie ihren Lauf in der Pruͤfungszeit, wie ſie „ſagt, bey ſo fruͤhen Jahren vollendet hat: da viele „durch den Schein der goͤttlichen Gnadenſonne nicht „beſſer zur Reife kommen, bis ſie 50, 60, oder 70 „Jahr alt ſind. „Jch hoffe, ſchreibt ſie, mein Vater werde die „Bitte genehm halten, welche ich an ihn in meinem „Teſtament gethan habe, daß er Sie in meiner „Hollaͤn-

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Zitationshilfe: [Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 7. Göttingen, 1751, S. 603. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa07_1751/609>, abgerufen am 22.02.2024.