Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 7. Göttingen, 1751.

Bild:
<< vorherige Seite



hier, oder nach diesem für unsere Missethaten
gestraft werden müssen: so ist es besser hier, als
nach diesem. Jst mir denn nicht daran gele-
gen, daß ich gedenke, meine Strafe sey nicht allein
schon angegangen, sondern auch vollendet: indem
das, was ich gelitten habe, und noch leide, nicht zu
beschreiben ist?

Jch will nur ein Beyspiel anführen, wie mir
vergolten ist - - Jch, der ich auf eine unmensch-
liche Art dem Frauenzimmer, das ihres gleichen
nicht hat, auf eine ganze Woche den Verlust der
Sinne verurfachte, bin hier mit dem Verlust mei-
ner eignen Sinne gestraft worden - - Als eine
Vorbereitung zu - - Wer weiß, was? - -
Wann, o wann werde ich eine frohe Stunde
haben?

Jch werde, als ausnehmend schwach, gehal-
ten: und ausnehmend schwach bin ich auch.
Der hinterlassene Brief von dem lieben Kinde
liegt mir fest im Sinne. Alle ihre trefflichen
Vorzüge kommen mir stündlich in die Gedanken.

Dennoch darf ich diesen traurigen Gedanken
nicht nachhängen. Jch finde, daß mein Kopf
wieder wunderlich arbeitet. - - Weg, Feder!


Jch fange wieder an mit einem frohern Muth,
hoffe ich - - Mowbray und Tourville haben
eben itzo - -

Aber was Mowbray und Tourville! - -
Was ist die Welt? - - Was ist ein jeder in
derselben?

J[unleserliches Material - 3 Zeichen fehlen]
U u 4



hier, oder nach dieſem fuͤr unſere Miſſethaten
geſtraft werden muͤſſen: ſo iſt es beſſer hier, als
nach dieſem. Jſt mir denn nicht daran gele-
gen, daß ich gedenke, meine Strafe ſey nicht allein
ſchon angegangen, ſondern auch vollendet: indem
das, was ich gelitten habe, und noch leide, nicht zu
beſchreiben iſt?

Jch will nur ein Beyſpiel anfuͤhren, wie mir
vergolten iſt ‒ ‒ Jch, der ich auf eine unmenſch-
liche Art dem Frauenzimmer, das ihres gleichen
nicht hat, auf eine ganze Woche den Verluſt der
Sinne verurfachte, bin hier mit dem Verluſt mei-
ner eignen Sinne geſtraft worden ‒ ‒ Als eine
Vorbereitung zu ‒ ‒ Wer weiß, was? ‒ ‒
Wann, o wann werde ich eine frohe Stunde
haben?

Jch werde, als ausnehmend ſchwach, gehal-
ten: und ausnehmend ſchwach bin ich auch.
Der hinterlaſſene Brief von dem lieben Kinde
liegt mir feſt im Sinne. Alle ihre trefflichen
Vorzuͤge kommen mir ſtuͤndlich in die Gedanken.

Dennoch darf ich dieſen traurigen Gedanken
nicht nachhaͤngen. Jch finde, daß mein Kopf
wieder wunderlich arbeitet. ‒ ‒ Weg, Feder!


Jch fange wieder an mit einem frohern Muth,
hoffe ich ‒ ‒ Mowbray und Tourville haben
eben itzo ‒ ‒

Aber was Mowbray und Tourville! ‒ ‒
Was iſt die Welt? ‒ ‒ Was iſt ein jeder in
derſelben?

J[unleserliches Material – 3 Zeichen fehlen]
U u 4
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0685" n="679"/><milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/><hi rendition="#fr">hier,</hi> oder <hi rendition="#fr">nach die&#x017F;em</hi> fu&#x0364;r un&#x017F;ere Mi&#x017F;&#x017F;ethaten<lb/>
ge&#x017F;traft werden mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en: &#x017F;o i&#x017F;t es be&#x017F;&#x017F;er <hi rendition="#fr">hier,</hi> als<lb/><hi rendition="#fr">nach die&#x017F;em.</hi> J&#x017F;t mir denn nicht daran gele-<lb/>
gen, daß ich gedenke, meine Strafe &#x017F;ey nicht allein<lb/>
&#x017F;chon angegangen, &#x017F;ondern auch vollendet: indem<lb/>
das, was ich gelitten habe, und noch leide, nicht zu<lb/>
be&#x017F;chreiben i&#x017F;t?</p><lb/>
            <p>Jch will nur ein Bey&#x017F;piel anfu&#x0364;hren, wie mir<lb/><hi rendition="#fr">vergolten</hi> i&#x017F;t &#x2012; &#x2012; Jch, der ich auf eine unmen&#x017F;ch-<lb/>
liche Art dem Frauenzimmer, das ihres gleichen<lb/>
nicht hat, auf eine ganze Woche den Verlu&#x017F;t der<lb/>
Sinne verurfachte, bin hier mit dem Verlu&#x017F;t mei-<lb/>
ner eignen Sinne ge&#x017F;traft worden &#x2012; &#x2012; Als eine<lb/>
Vorbereitung zu &#x2012; &#x2012; Wer weiß, was? &#x2012; &#x2012;<lb/>
Wann, o wann werde ich eine frohe Stunde<lb/>
haben?</p><lb/>
            <p>Jch werde, als ausnehmend &#x017F;chwach, gehal-<lb/>
ten: und ausnehmend &#x017F;chwach <hi rendition="#fr">bin</hi> ich auch.<lb/>
Der hinterla&#x017F;&#x017F;ene Brief von dem lieben Kinde<lb/>
liegt mir fe&#x017F;t im Sinne. Alle ihre trefflichen<lb/>
Vorzu&#x0364;ge kommen mir &#x017F;tu&#x0364;ndlich in die Gedanken.</p><lb/>
            <p>Dennoch darf ich die&#x017F;en traurigen Gedanken<lb/>
nicht nachha&#x0364;ngen. Jch finde, daß mein Kopf<lb/>
wieder wunderlich arbeitet. &#x2012; &#x2012; Weg, Feder!</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <dateline> <hi rendition="#et">Freytags, den 15ten Sept.</hi> </dateline><lb/>
            <p><hi rendition="#in">J</hi>ch fange wieder an mit einem frohern Muth,<lb/>
hoffe ich &#x2012; &#x2012; Mowbray und Tourville haben<lb/>
eben itzo &#x2012; &#x2012;</p><lb/>
            <p>Aber was Mowbray und Tourville! &#x2012; &#x2012;<lb/>
Was i&#x017F;t die Welt? &#x2012; &#x2012; Was i&#x017F;t ein jeder in<lb/>
der&#x017F;elben?</p><lb/>
            <fw place="bottom" type="sig">U u 4</fw>
            <fw place="bottom" type="catch">J<gap reason="illegible" unit="chars" quantity="3"/></fw><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[679/0685] hier, oder nach dieſem fuͤr unſere Miſſethaten geſtraft werden muͤſſen: ſo iſt es beſſer hier, als nach dieſem. Jſt mir denn nicht daran gele- gen, daß ich gedenke, meine Strafe ſey nicht allein ſchon angegangen, ſondern auch vollendet: indem das, was ich gelitten habe, und noch leide, nicht zu beſchreiben iſt? Jch will nur ein Beyſpiel anfuͤhren, wie mir vergolten iſt ‒ ‒ Jch, der ich auf eine unmenſch- liche Art dem Frauenzimmer, das ihres gleichen nicht hat, auf eine ganze Woche den Verluſt der Sinne verurfachte, bin hier mit dem Verluſt mei- ner eignen Sinne geſtraft worden ‒ ‒ Als eine Vorbereitung zu ‒ ‒ Wer weiß, was? ‒ ‒ Wann, o wann werde ich eine frohe Stunde haben? Jch werde, als ausnehmend ſchwach, gehal- ten: und ausnehmend ſchwach bin ich auch. Der hinterlaſſene Brief von dem lieben Kinde liegt mir feſt im Sinne. Alle ihre trefflichen Vorzuͤge kommen mir ſtuͤndlich in die Gedanken. Dennoch darf ich dieſen traurigen Gedanken nicht nachhaͤngen. Jch finde, daß mein Kopf wieder wunderlich arbeitet. ‒ ‒ Weg, Feder! Freytags, den 15ten Sept. Jch fange wieder an mit einem frohern Muth, hoffe ich ‒ ‒ Mowbray und Tourville haben eben itzo ‒ ‒ Aber was Mowbray und Tourville! ‒ ‒ Was iſt die Welt? ‒ ‒ Was iſt ein jeder in derſelben? J___ U u 4

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa07_1751
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa07_1751/685
Zitationshilfe: [Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 7. Göttingen, 1751, S. 679. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa07_1751/685>, abgerufen am 21.02.2024.