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Rohde, Erwin: Psyche. Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen. Freiburg u. a., 1894.

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Es scheint, dass die höchste Vorstellung von Wesen und
Würde, Herkunft und über alles Zeitmaass hinaus sich in die

scheint mir aus aufmerksamem und unbefangenem Studium des gesamm-
ten Werkes unverkennbar sich zu ergeben, und durch Krohn und Pfleiderer
vollständig bewiesen zu sein. Dass der erste Entwurf eines Staatsideals dem
Plato selbst als eine abgeschlossene Arbeit galt (die wohl auch bereits
für sich veröffentlicht war: Gellius 14, 3, 3) beweist der Eingang des
Timaeos. Hier wird (unter Voraussetzung einer ganz anderen Einkleidung
des Dialogs und ganz anderen Einleitung als uns jetzt in I cap. 1--II cap. 9
vorliegt) der Inhalt der Untersuchung in der Politeia von II cap. 10 bis
genau zu V 460 C recapitulirt und ausdrücklich bemerkt (p. 19 A/B),
bis dahin und nicht weiter sei "gestern" das Gespräch gegangen. Die
Stufen der Ausbildung des ganzen Werkes scheinen sich folgender Maassen
von einander abzusetzen. 1) Entwurf des Staates der phulakes (kurz ge-
sagt), eingekleidet in ein Gespräch zwischen Sokrates, Kriton, Timaeos,
Hermokrates und einem weiteren Genossen; inhaltlich (abgesehen von der
Einleitung) wesentlich übereinstimmend mit Rep. II cap. 10 bis V 460 C.
2) Fortsetzung dieses Entwurfes durch die Erzählung von Altathen und
den Atlantikern. Deren Vollendung wurde, weil mittlerweile die Politeia
selbst weitergeführt worden war, verschoben, die Ausführung des Timaeos
über die Welterschaffung sehr locker in den angelegten, jetzt frei verfüg-
baren Rahmen (erst spät) eingefügt, die Rahmenerzählung, in Timaios und
Kritias, aber niemals zu Ende geführt. 3) Fortführung des ersten Ent-
wurfs noch wesentlich nach den ursprünglichen Grundsätzen, Rep. V
460 D--471 C (hier auch 466 E ff. eine kurze Ausführung über das Ver-
halten der Stadt im Kriege, als Ersatz für die im Timaios beabsichtigte
genauere Ausmalung dieses Gegenstandes [Tim. 20 B f.]); VIII. IX (grössten-
theils) X, zweiter Theil (p. 608 C ff.). 4) Krönung des ganzen Gebäudes
durch die, freilich in den älteren Theilen der Anlage nicht vorausgesetzte,
in Wahrheit jene älteren Theile in ihrer unbedingten Geltung und Selbst-
genugsamkeit aufhebende, nicht nur sie ergänzende Einführung der philo-
sophoi und ihrer Art der "Tugend": V 471 C--VII extr.; IX 580 D bis 588 A;
X. erster Theil (bis 608 B). -- Zuletzt Redaction des Ganzen; Voraus-
schickung (nicht nothwendig erst zur Zeit des letzten Abschlusses) der
neuen Einleitung, I cap. 1 bis II cap. 9; nothdürftige Ausgleichung der
disparaten Bestandtheile durch einzelne kleine Verweisungen, Einschrän-
kungen u. dgl.; auch wohl sprachliche Revision und Glättung des Ganzen.
-- Dieses Ganze verräth seine Entstehung durch Ueberwachsen eines
ersten Planes durch einen, aus der fortschreitenden Entwicklung des Ver-
fassers selbst entsprungenen zweiten Plan noch deutlich genug. Plato
konnte gleichwohl beanspruchen, dass man das ganze Gebäude trotz der
vielfachen An- und Ausbauten in einem abweichenden Style, so wie er es
schliesslich (als ein merkwürdiges Denkmal der Wandlungen seines eignen

Es scheint, dass die höchste Vorstellung von Wesen und
Würde, Herkunft und über alles Zeitmaass hinaus sich in die

scheint mir aus aufmerksamem und unbefangenem Studium des gesamm-
ten Werkes unverkennbar sich zu ergeben, und durch Krohn und Pfleiderer
vollständig bewiesen zu sein. Dass der erste Entwurf eines Staatsideals dem
Plato selbst als eine abgeschlossene Arbeit galt (die wohl auch bereits
für sich veröffentlicht war: Gellius 14, 3, 3) beweist der Eingang des
Timaeos. Hier wird (unter Voraussetzung einer ganz anderen Einkleidung
des Dialogs und ganz anderen Einleitung als uns jetzt in I cap. 1—II cap. 9
vorliegt) der Inhalt der Untersuchung in der Πολιτεία von II cap. 10 bis
genau zu V 460 C recapitulirt und ausdrücklich bemerkt (p. 19 A/B),
bis dahin und nicht weiter sei „gestern“ das Gespräch gegangen. Die
Stufen der Ausbildung des ganzen Werkes scheinen sich folgender Maassen
von einander abzusetzen. 1) Entwurf des Staates der φύλακες (kurz ge-
sagt), eingekleidet in ein Gespräch zwischen Sokrates, Kriton, Timaeos,
Hermokrates und einem weiteren Genossen; inhaltlich (abgesehen von der
Einleitung) wesentlich übereinstimmend mit Rep. II cap. 10 bis V 460 C.
2) Fortsetzung dieses Entwurfes durch die Erzählung von Altathen und
den Atlantikern. Deren Vollendung wurde, weil mittlerweile die Πολιτεία
selbst weitergeführt worden war, verschoben, die Ausführung des Timaeos
über die Welterschaffung sehr locker in den angelegten, jetzt frei verfüg-
baren Rahmen (erst spät) eingefügt, die Rahmenerzählung, in Τίμαιος und
Κριτίας, aber niemals zu Ende geführt. 3) Fortführung des ersten Ent-
wurfs noch wesentlich nach den ursprünglichen Grundsätzen, Rep. V
460 D—471 C (hier auch 466 E ff. eine kurze Ausführung über das Ver-
halten der Stadt im Kriege, als Ersatz für die im Τίμαιος beabsichtigte
genauere Ausmalung dieses Gegenstandes [Tim. 20 B f.]); VIII. IX (grössten-
theils) X, zweiter Theil (p. 608 C ff.). 4) Krönung des ganzen Gebäudes
durch die, freilich in den älteren Theilen der Anlage nicht vorausgesetzte,
in Wahrheit jene älteren Theile in ihrer unbedingten Geltung und Selbst-
genugsamkeit aufhebende, nicht nur sie ergänzende Einführung der φιλό-
σοφοι und ihrer Art der „Tugend“: V 471 C—VII extr.; IX 580 D bis 588 A;
X. erster Theil (bis 608 B). — Zuletzt Redaction des Ganzen; Voraus-
schickung (nicht nothwendig erst zur Zeit des letzten Abschlusses) der
neuen Einleitung, I cap. 1 bis II cap. 9; nothdürftige Ausgleichung der
disparaten Bestandtheile durch einzelne kleine Verweisungen, Einschrän-
kungen u. dgl.; auch wohl sprachliche Revision und Glättung des Ganzen.
— Dieses Ganze verräth seine Entstehung durch Ueberwachsen eines
ersten Planes durch einen, aus der fortschreitenden Entwicklung des Ver-
fassers selbst entsprungenen zweiten Plan noch deutlich genug. Plato
konnte gleichwohl beanspruchen, dass man das ganze Gebäude trotz der
vielfachen An- und Ausbauten in einem abweichenden Style, so wie er es
schliesslich (als ein merkwürdiges Denkmal der Wandlungen seines eignen
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[558/0574] Es scheint, dass die höchste Vorstellung von Wesen und Würde, Herkunft und über alles Zeitmaass hinaus sich in die 1) 1) scheint mir aus aufmerksamem und unbefangenem Studium des gesamm- ten Werkes unverkennbar sich zu ergeben, und durch Krohn und Pfleiderer vollständig bewiesen zu sein. Dass der erste Entwurf eines Staatsideals dem Plato selbst als eine abgeschlossene Arbeit galt (die wohl auch bereits für sich veröffentlicht war: Gellius 14, 3, 3) beweist der Eingang des Timaeos. Hier wird (unter Voraussetzung einer ganz anderen Einkleidung des Dialogs und ganz anderen Einleitung als uns jetzt in I cap. 1—II cap. 9 vorliegt) der Inhalt der Untersuchung in der Πολιτεία von II cap. 10 bis genau zu V 460 C recapitulirt und ausdrücklich bemerkt (p. 19 A/B), bis dahin und nicht weiter sei „gestern“ das Gespräch gegangen. Die Stufen der Ausbildung des ganzen Werkes scheinen sich folgender Maassen von einander abzusetzen. 1) Entwurf des Staates der φύλακες (kurz ge- sagt), eingekleidet in ein Gespräch zwischen Sokrates, Kriton, Timaeos, Hermokrates und einem weiteren Genossen; inhaltlich (abgesehen von der Einleitung) wesentlich übereinstimmend mit Rep. II cap. 10 bis V 460 C. 2) Fortsetzung dieses Entwurfes durch die Erzählung von Altathen und den Atlantikern. Deren Vollendung wurde, weil mittlerweile die Πολιτεία selbst weitergeführt worden war, verschoben, die Ausführung des Timaeos über die Welterschaffung sehr locker in den angelegten, jetzt frei verfüg- baren Rahmen (erst spät) eingefügt, die Rahmenerzählung, in Τίμαιος und Κριτίας, aber niemals zu Ende geführt. 3) Fortführung des ersten Ent- wurfs noch wesentlich nach den ursprünglichen Grundsätzen, Rep. V 460 D—471 C (hier auch 466 E ff. eine kurze Ausführung über das Ver- halten der Stadt im Kriege, als Ersatz für die im Τίμαιος beabsichtigte genauere Ausmalung dieses Gegenstandes [Tim. 20 B f.]); VIII. IX (grössten- theils) X, zweiter Theil (p. 608 C ff.). 4) Krönung des ganzen Gebäudes durch die, freilich in den älteren Theilen der Anlage nicht vorausgesetzte, in Wahrheit jene älteren Theile in ihrer unbedingten Geltung und Selbst- genugsamkeit aufhebende, nicht nur sie ergänzende Einführung der φιλό- σοφοι und ihrer Art der „Tugend“: V 471 C—VII extr.; IX 580 D bis 588 A; X. erster Theil (bis 608 B). — Zuletzt Redaction des Ganzen; Voraus- schickung (nicht nothwendig erst zur Zeit des letzten Abschlusses) der neuen Einleitung, I cap. 1 bis II cap. 9; nothdürftige Ausgleichung der disparaten Bestandtheile durch einzelne kleine Verweisungen, Einschrän- kungen u. dgl.; auch wohl sprachliche Revision und Glättung des Ganzen. — Dieses Ganze verräth seine Entstehung durch Ueberwachsen eines ersten Planes durch einen, aus der fortschreitenden Entwicklung des Ver- fassers selbst entsprungenen zweiten Plan noch deutlich genug. Plato konnte gleichwohl beanspruchen, dass man das ganze Gebäude trotz der vielfachen An- und Ausbauten in einem abweichenden Style, so wie er es schliesslich (als ein merkwürdiges Denkmal der Wandlungen seines eignen

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Zitationshilfe: Rohde, Erwin: Psyche. Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen. Freiburg u. a., 1894, S. 558. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rohde_psyche_1894/574>, abgerufen am 22.02.2024.