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Rohde, Erwin: Psyche. Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen. Freiburg u. a., 1894.

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II. Volksglaube.

Philosophische Lehren und Lebensanschauungen blieben
in jenen Zeiten nicht ausschliesslich Besitz eng gezogener Schul-
kreise. Niemals wieder in dem Maasse und Umfang wie in dieser
hellenistischen Periode hat Philosophie in irgend einer Gestalt
zur Grundlage und zum einheitgebendem Zusammenhalt einer
allgemeinen Bildung gedient, deren in freierer Lebensstellung
Niemand entbehren mochte. Was an zusammenhängenden und
in fester Formel abgeschlossenen Gedanken über Gebiete des
Seins und Lebens, die sich unmittelbarer Wahrnehmung ent-
ziehen, unter den Gebildeten der Zeit in Umlauf war, war
philosophischer Lehre entlehnt. In einem gewissen Maasse gilt
dies auch von den verbreiteten Vorstellungen über Wesen und
Schicksal der menschlichen Seele. Aber auf dem Gebiet des
Unerforschlichen kann es der Philosophie nie gelingen, den
Glauben, einen irrationalen Glauben, der aber hier auf seinem
wahren Mutterboden steht, völlig zu ersetzen oder zu ver-
drängen, selbst bei den philosophisch Gebildeten nicht, und gar
nicht bei den Vielen, denen ein Streben nach uninteressirter
Erkenntniss allezeit unverständlich bleibt. Auch in dieser
Blüthezeit philosophischer Allerweltsbildung erhielt sich der
Seelenglaube des Volkes, unberührt durch philosophische Be-
trachtung und Belehrung.

Er hatte seine Wurzeln nicht in irgendwelcher Speculation,
sondern in den thatsächlichen Vorgängen des Seelencults. Der
Seelencult aber, wie er für eine frühere Zeit griechischen Lebens
oben geschildert ist 1), blieb ungeschwächt und unverändert in

1) S. p. 200 ff.
II. Volksglaube.

Philosophische Lehren und Lebensanschauungen blieben
in jenen Zeiten nicht ausschliesslich Besitz eng gezogener Schul-
kreise. Niemals wieder in dem Maasse und Umfang wie in dieser
hellenistischen Periode hat Philosophie in irgend einer Gestalt
zur Grundlage und zum einheitgebendem Zusammenhalt einer
allgemeinen Bildung gedient, deren in freierer Lebensstellung
Niemand entbehren mochte. Was an zusammenhängenden und
in fester Formel abgeschlossenen Gedanken über Gebiete des
Seins und Lebens, die sich unmittelbarer Wahrnehmung ent-
ziehen, unter den Gebildeten der Zeit in Umlauf war, war
philosophischer Lehre entlehnt. In einem gewissen Maasse gilt
dies auch von den verbreiteten Vorstellungen über Wesen und
Schicksal der menschlichen Seele. Aber auf dem Gebiet des
Unerforschlichen kann es der Philosophie nie gelingen, den
Glauben, einen irrationalen Glauben, der aber hier auf seinem
wahren Mutterboden steht, völlig zu ersetzen oder zu ver-
drängen, selbst bei den philosophisch Gebildeten nicht, und gar
nicht bei den Vielen, denen ein Streben nach uninteressirter
Erkenntniss allezeit unverständlich bleibt. Auch in dieser
Blüthezeit philosophischer Allerweltsbildung erhielt sich der
Seelenglaube des Volkes, unberührt durch philosophische Be-
trachtung und Belehrung.

Er hatte seine Wurzeln nicht in irgendwelcher Speculation,
sondern in den thatsächlichen Vorgängen des Seelencults. Der
Seelencult aber, wie er für eine frühere Zeit griechischen Lebens
oben geschildert ist 1), blieb ungeschwächt und unverändert in

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[[626]/0642] II. Volksglaube. Philosophische Lehren und Lebensanschauungen blieben in jenen Zeiten nicht ausschliesslich Besitz eng gezogener Schul- kreise. Niemals wieder in dem Maasse und Umfang wie in dieser hellenistischen Periode hat Philosophie in irgend einer Gestalt zur Grundlage und zum einheitgebendem Zusammenhalt einer allgemeinen Bildung gedient, deren in freierer Lebensstellung Niemand entbehren mochte. Was an zusammenhängenden und in fester Formel abgeschlossenen Gedanken über Gebiete des Seins und Lebens, die sich unmittelbarer Wahrnehmung ent- ziehen, unter den Gebildeten der Zeit in Umlauf war, war philosophischer Lehre entlehnt. In einem gewissen Maasse gilt dies auch von den verbreiteten Vorstellungen über Wesen und Schicksal der menschlichen Seele. Aber auf dem Gebiet des Unerforschlichen kann es der Philosophie nie gelingen, den Glauben, einen irrationalen Glauben, der aber hier auf seinem wahren Mutterboden steht, völlig zu ersetzen oder zu ver- drängen, selbst bei den philosophisch Gebildeten nicht, und gar nicht bei den Vielen, denen ein Streben nach uninteressirter Erkenntniss allezeit unverständlich bleibt. Auch in dieser Blüthezeit philosophischer Allerweltsbildung erhielt sich der Seelenglaube des Volkes, unberührt durch philosophische Be- trachtung und Belehrung. Er hatte seine Wurzeln nicht in irgendwelcher Speculation, sondern in den thatsächlichen Vorgängen des Seelencults. Der Seelencult aber, wie er für eine frühere Zeit griechischen Lebens oben geschildert ist 1), blieb ungeschwächt und unverändert in 1) S. p. 200 ff.

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Zitationshilfe: Rohde, Erwin: Psyche. Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen. Freiburg u. a., 1894, S. [626]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rohde_psyche_1894/642>, abgerufen am 04.03.2024.