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Rohde, Erwin: Psyche. Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen. Freiburg u. a., 1894.

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sie italischer Sage, wenn auch wohl erst unter griechischem
Einfluss, vertraut wurde 1). Dass unter Griechen und Halb-
griechen, auch ohne höfische Liebedienerei, volksthümlicher
Glaube dem Gedanken, dass Lieblinge ihrer Träume, wie Ale-
xander der Grosse, nicht dem Tode verfallen, sondern in ein
Reich unverlierbaren Leibeslebens entschwunden seien, nicht
widerstrebte 2), zeigte sich, als im Anfang des dritten Jahr-
hunderts nach Chr. ein Alexander in Moesien wieder erstand,
mit einem Gefolge von Bakchen die Länder durchzog und
überall Glauben an seine Identität mit dem grossen König
fand 3), nicht anders als früher der nicht gestorbene, sondern
nur verschwundene und wieder auf Erden erschienene Kaiser
Nero 4). Als Antinoos, der jugendschöne Geliebte des Hadrian,
in seinem Wellengrabe verschwunden war, galt der nun als

1) Erzählungen vom Verschwinden (non comparuit, nusquam appa-
ruit
= ephanisthe) des Aeneas und Turnus, des Königs Latinus, des Ro-
mulus u. A.: Preller, Röm. Mythol.2 p. 84. 85; 683, 2; 704. (Anchises: Pro-
cop. bell. Goth. 4, 22 extr.).
2) So wie Caesar, nach Sueton, Jul. 88, in deorum numerum relatus
est non ore modo decernentium, sed et persuasione volgi.
3) Cass. Dio. 79, 18. -- Man möchte annehmen, dass eine Prophe-
zeihung von Wiederkehr des grossen Makedoniers umgelaufen sei und zu
solcher Verwirklichung des Vorausgesetzten den Muth und den Zuschau-
enden den Glauben gegeben habe. So war es ja bei dem falschen Nero
und im Mittelalter beim Auftreten des falschen Friedrich u. s. w. Der
abergläubische Cult des Alexander, gerade damals besonders blühend (vgl.
was von der Familie der Macriani erzählt wird bei Trebell. Polio, XXX
tyr. 14, 4--6), scheint diesen Hintergrund gehabt zu haben. Geradezu für
Avataras des, in ihnen wieder aufgelebten Alexander haben sich Cara-
calla (Aur. Vict. epit. 21; vgl. Herod. 4, 8; Cass. Dio 77, 7. 8) und Alexander
Severus gehalten (dieser ist, jedenfalls ominis causa, erst bei seiner Er-
hebung zum Caesar Alexander benannt worden, soll am Todestage Ale-
xanders d. Gr. in dessen Tempel geboren sein: Lamprid. Al. Sev. 5, 1
13, 1. 3. 4, verehrte Al. aufs höchste und, heisst es geradezu bei Lampr.
64, 3, se magnum Alexandrum videri volebat).
4) Die christlichen Erwartungen vom Wiedererscheinen des nur ver-
schwundenen, nicht gestorbenen Nero (als Antichrist) sind bekannt. Sie
begründeten sich aber auf den überall verbreiteten Glauben des Volkes,
den sich die verschiedenen Pseudonerones, die thatsächlich auftraten, zu-
nutze machten (Suet. Ner. 57 Tacit. hist. 1, 2; 2, 8, Lucian adv. indoct. 20).

sie italischer Sage, wenn auch wohl erst unter griechischem
Einfluss, vertraut wurde 1). Dass unter Griechen und Halb-
griechen, auch ohne höfische Liebedienerei, volksthümlicher
Glaube dem Gedanken, dass Lieblinge ihrer Träume, wie Ale-
xander der Grosse, nicht dem Tode verfallen, sondern in ein
Reich unverlierbaren Leibeslebens entschwunden seien, nicht
widerstrebte 2), zeigte sich, als im Anfang des dritten Jahr-
hunderts nach Chr. ein Alexander in Moesien wieder erstand,
mit einem Gefolge von Bakchen die Länder durchzog und
überall Glauben an seine Identität mit dem grossen König
fand 3), nicht anders als früher der nicht gestorbene, sondern
nur verschwundene und wieder auf Erden erschienene Kaiser
Nero 4). Als Antinoos, der jugendschöne Geliebte des Hadrian,
in seinem Wellengrabe verschwunden war, galt der nun als

1) Erzählungen vom Verschwinden (non comparuit, nusquam appa-
ruit
= ἠφανίσϑη) des Aeneas und Turnus, des Königs Latinus, des Ro-
mulus u. A.: Preller, Röm. Mythol.2 p. 84. 85; 683, 2; 704. (Anchises: Pro-
cop. bell. Goth. 4, 22 extr.).
2) So wie Caesar, nach Sueton, Jul. 88, in deorum numerum relatus
est non ore modo decernentium, sed et persuasione volgi.
3) Cass. Dio. 79, 18. — Man möchte annehmen, dass eine Prophe-
zeihung von Wiederkehr des grossen Makedoniers umgelaufen sei und zu
solcher Verwirklichung des Vorausgesetzten den Muth und den Zuschau-
enden den Glauben gegeben habe. So war es ja bei dem falschen Nero
und im Mittelalter beim Auftreten des falschen Friedrich u. s. w. Der
abergläubische Cult des Alexander, gerade damals besonders blühend (vgl.
was von der Familie der Macriani erzählt wird bei Trebell. Polio, XXX
tyr. 14, 4—6), scheint diesen Hintergrund gehabt zu haben. Geradezu für
Avatâras des, in ihnen wieder aufgelebten Alexander haben sich Cara-
calla (Aur. Vict. epit. 21; vgl. Herod. 4, 8; Cass. Dio 77, 7. 8) und Alexander
Severus gehalten (dieser ist, jedenfalls ominis causa, erst bei seiner Er-
hebung zum Caesar Alexander benannt worden, soll am Todestage Ale-
xanders d. Gr. in dessen Tempel geboren sein: Lamprid. Al. Sev. 5, 1
13, 1. 3. 4, verehrte Al. aufs höchste und, heisst es geradezu bei Lampr.
64, 3, se magnum Alexandrum videri volebat).
4) Die christlichen Erwartungen vom Wiedererscheinen des nur ver-
schwundenen, nicht gestorbenen Nero (als Antichrist) sind bekannt. Sie
begründeten sich aber auf den überall verbreiteten Glauben des Volkes,
den sich die verschiedenen Ψευδονέρωνες, die thatsächlich auftraten, zu-
nutze machten (Suet. Ner. 57 Tacit. hist. 1, 2; 2, 8, Lucian adv. indoct. 20).
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[665/0681] sie italischer Sage, wenn auch wohl erst unter griechischem Einfluss, vertraut wurde 1). Dass unter Griechen und Halb- griechen, auch ohne höfische Liebedienerei, volksthümlicher Glaube dem Gedanken, dass Lieblinge ihrer Träume, wie Ale- xander der Grosse, nicht dem Tode verfallen, sondern in ein Reich unverlierbaren Leibeslebens entschwunden seien, nicht widerstrebte 2), zeigte sich, als im Anfang des dritten Jahr- hunderts nach Chr. ein Alexander in Moesien wieder erstand, mit einem Gefolge von Bakchen die Länder durchzog und überall Glauben an seine Identität mit dem grossen König fand 3), nicht anders als früher der nicht gestorbene, sondern nur verschwundene und wieder auf Erden erschienene Kaiser Nero 4). Als Antinoos, der jugendschöne Geliebte des Hadrian, in seinem Wellengrabe verschwunden war, galt der nun als 1) Erzählungen vom Verschwinden (non comparuit, nusquam appa- ruit = ἠφανίσϑη) des Aeneas und Turnus, des Königs Latinus, des Ro- mulus u. A.: Preller, Röm. Mythol.2 p. 84. 85; 683, 2; 704. (Anchises: Pro- cop. bell. Goth. 4, 22 extr.). 2) So wie Caesar, nach Sueton, Jul. 88, in deorum numerum relatus est non ore modo decernentium, sed et persuasione volgi. 3) Cass. Dio. 79, 18. — Man möchte annehmen, dass eine Prophe- zeihung von Wiederkehr des grossen Makedoniers umgelaufen sei und zu solcher Verwirklichung des Vorausgesetzten den Muth und den Zuschau- enden den Glauben gegeben habe. So war es ja bei dem falschen Nero und im Mittelalter beim Auftreten des falschen Friedrich u. s. w. Der abergläubische Cult des Alexander, gerade damals besonders blühend (vgl. was von der Familie der Macriani erzählt wird bei Trebell. Polio, XXX tyr. 14, 4—6), scheint diesen Hintergrund gehabt zu haben. Geradezu für Avatâras des, in ihnen wieder aufgelebten Alexander haben sich Cara- calla (Aur. Vict. epit. 21; vgl. Herod. 4, 8; Cass. Dio 77, 7. 8) und Alexander Severus gehalten (dieser ist, jedenfalls ominis causa, erst bei seiner Er- hebung zum Caesar Alexander benannt worden, soll am Todestage Ale- xanders d. Gr. in dessen Tempel geboren sein: Lamprid. Al. Sev. 5, 1 13, 1. 3. 4, verehrte Al. aufs höchste und, heisst es geradezu bei Lampr. 64, 3, se magnum Alexandrum videri volebat). 4) Die christlichen Erwartungen vom Wiedererscheinen des nur ver- schwundenen, nicht gestorbenen Nero (als Antichrist) sind bekannt. Sie begründeten sich aber auf den überall verbreiteten Glauben des Volkes, den sich die verschiedenen Ψευδονέρωνες, die thatsächlich auftraten, zu- nutze machten (Suet. Ner. 57 Tacit. hist. 1, 2; 2, 8, Lucian adv. indoct. 20).

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Zitationshilfe: Rohde, Erwin: Psyche. Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen. Freiburg u. a., 1894, S. 665. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rohde_psyche_1894/681>, abgerufen am 20.05.2024.