Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Rohde, Erwin: Psyche. Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen. Freiburg u. a., 1894.

Bild:
<< vorherige Seite

korener. Immer bleiben es einzelne Begünstigte, die in dieses
Reich eingehen; es bleibt poetischer Wunsch, in dichterischer
Freiheit schaltend, der eine immer grössere Zahl der Licht-
gestalten der Sage in der Verklärung ewigen Lebens festzuhalten
trieb. Religiöse Verehrung kann bei der Ausbildung dieser
Sagen nicht mehr Einfluss gehabt haben als bei der Erzählung
von der Entrückung des Menelaos; wenn in späteren Zeiten z. B.
dem Achill auf einer, für Leuke erklärten Insel an den Donau-
mündungen ein Cult dargebracht wurde, so war der Cult eben
Folge, nicht Anlass und Ursache der Dichtung. Iphigenia
allerdings war der Beiname einer Mondgöttin; aber der Dichter,
der von der Entrückung der gleichnamigen Tochter Agamem-
nons erzählte, ahnte jedenfalls nichts von deren Identität mit
einer Göttin -- sonst würde er sie eben nicht für Agamem-
nons Tochter gehalten haben -- und ist keinenfalls durch
einen irgendwo angetroffenen Cult der göttlichen Iphigenia
veranlasst worden (wie man sich wohl denkt), seine sterbliche
Iphigenia jure postliminii durch den Entrückungsapparat wieder
unsterblich zu machen. Das gerade war ihm und seinen Zeit-
genossen das Bedeutende, der eigentliche Kern seiner, sei es
frei erfundenen oder aus vorhandenen Motiven zusammenge-
fügten Erzählung, dass sie Kunde gab von der Erhebung eines
sterblichen Mädchens, der Tochter sterblicher Eltern, zu un-
sterblichem Leben, -- nicht zu religiöser Verehrung, die der,
in's ferne Taurierland Gebannten sich auf keine Weise hätte
bemerklich machen können 1).

Wie weit übrigens die geschäftige Sagenausspinnung der
schliesslich in genealogische Poesie sich verlaufenden Helden-
dichtung das Motiv der Entrückung und Verklärung ausgenutzt
haben mag, können wir, bei unseren ganz ungenügenden Hülfs-
mitteln, nicht mehr ermessen. Wenn schon so leere Gestalten
wie Telegonos der Verewigung für würdig gehalten wurden,
so sollte man meinen, dass in der Vorstellung der Dichter
allen Helden der Sage fast ein Anspruch auf diese Art

1) S. Anhang 9.
6*

korener. Immer bleiben es einzelne Begünstigte, die in dieses
Reich eingehen; es bleibt poetischer Wunsch, in dichterischer
Freiheit schaltend, der eine immer grössere Zahl der Licht-
gestalten der Sage in der Verklärung ewigen Lebens festzuhalten
trieb. Religiöse Verehrung kann bei der Ausbildung dieser
Sagen nicht mehr Einfluss gehabt haben als bei der Erzählung
von der Entrückung des Menelaos; wenn in späteren Zeiten z. B.
dem Achill auf einer, für Leuke erklärten Insel an den Donau-
mündungen ein Cult dargebracht wurde, so war der Cult eben
Folge, nicht Anlass und Ursache der Dichtung. Iphigenia
allerdings war der Beiname einer Mondgöttin; aber der Dichter,
der von der Entrückung der gleichnamigen Tochter Agamem-
nons erzählte, ahnte jedenfalls nichts von deren Identität mit
einer Göttin — sonst würde er sie eben nicht für Agamem-
nons Tochter gehalten haben — und ist keinenfalls durch
einen irgendwo angetroffenen Cult der göttlichen Iphigenia
veranlasst worden (wie man sich wohl denkt), seine sterbliche
Iphigenia jure postliminii durch den Entrückungsapparat wieder
unsterblich zu machen. Das gerade war ihm und seinen Zeit-
genossen das Bedeutende, der eigentliche Kern seiner, sei es
frei erfundenen oder aus vorhandenen Motiven zusammenge-
fügten Erzählung, dass sie Kunde gab von der Erhebung eines
sterblichen Mädchens, der Tochter sterblicher Eltern, zu un-
sterblichem Leben, — nicht zu religiöser Verehrung, die der,
in’s ferne Taurierland Gebannten sich auf keine Weise hätte
bemerklich machen können 1).

Wie weit übrigens die geschäftige Sagenausspinnung der
schliesslich in genealogische Poesie sich verlaufenden Helden-
dichtung das Motiv der Entrückung und Verklärung ausgenutzt
haben mag, können wir, bei unseren ganz ungenügenden Hülfs-
mitteln, nicht mehr ermessen. Wenn schon so leere Gestalten
wie Telegonos der Verewigung für würdig gehalten wurden,
so sollte man meinen, dass in der Vorstellung der Dichter
allen Helden der Sage fast ein Anspruch auf diese Art

1) S. Anhang 9.
6*
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0099" n="83"/>
korener. Immer bleiben es einzelne Begünstigte, die in dieses<lb/>
Reich eingehen; es bleibt poetischer Wunsch, in dichterischer<lb/>
Freiheit schaltend, der eine immer grössere Zahl der Licht-<lb/>
gestalten der Sage in der Verklärung ewigen Lebens festzuhalten<lb/>
trieb. Religiöse Verehrung kann bei der Ausbildung dieser<lb/>
Sagen nicht mehr Einfluss gehabt haben als bei der Erzählung<lb/>
von der Entrückung des Menelaos; wenn in späteren Zeiten z. B.<lb/>
dem Achill auf einer, für Leuke erklärten Insel an den Donau-<lb/>
mündungen ein Cult dargebracht wurde, so war der Cult eben<lb/>
Folge, nicht Anlass und Ursache der Dichtung. Iphigenia<lb/>
allerdings war der Beiname einer Mondgöttin; aber der Dichter,<lb/>
der von der Entrückung der gleichnamigen Tochter Agamem-<lb/>
nons erzählte, ahnte jedenfalls nichts von deren Identität mit<lb/>
einer Göttin &#x2014; sonst würde er sie eben nicht für Agamem-<lb/>
nons Tochter gehalten haben &#x2014; und ist keinenfalls durch<lb/>
einen irgendwo angetroffenen Cult der göttlichen Iphigenia<lb/>
veranlasst worden (wie man sich wohl denkt), seine sterbliche<lb/>
Iphigenia <hi rendition="#i">jure postliminii</hi> durch den Entrückungsapparat wieder<lb/>
unsterblich zu machen. Das gerade war ihm und seinen Zeit-<lb/>
genossen das Bedeutende, der eigentliche Kern seiner, sei es<lb/>
frei erfundenen oder aus vorhandenen Motiven zusammenge-<lb/>
fügten Erzählung, dass sie Kunde gab von der Erhebung eines<lb/>
sterblichen Mädchens, der Tochter sterblicher Eltern, zu un-<lb/>
sterblichem Leben, &#x2014; nicht zu religiöser Verehrung, die der,<lb/>
in&#x2019;s ferne Taurierland Gebannten sich auf keine Weise hätte<lb/>
bemerklich machen können <note place="foot" n="1)">S. Anhang 9.</note>.</p><lb/>
            <p>Wie weit übrigens die geschäftige Sagenausspinnung der<lb/>
schliesslich in genealogische Poesie sich verlaufenden Helden-<lb/>
dichtung das Motiv der Entrückung und Verklärung ausgenutzt<lb/>
haben mag, können wir, bei unseren ganz ungenügenden Hülfs-<lb/>
mitteln, nicht mehr ermessen. Wenn schon so leere Gestalten<lb/>
wie Telegonos der Verewigung für würdig gehalten wurden,<lb/>
so sollte man meinen, dass in der Vorstellung der Dichter<lb/>
allen Helden der Sage fast ein Anspruch auf diese Art<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">6*</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[83/0099] korener. Immer bleiben es einzelne Begünstigte, die in dieses Reich eingehen; es bleibt poetischer Wunsch, in dichterischer Freiheit schaltend, der eine immer grössere Zahl der Licht- gestalten der Sage in der Verklärung ewigen Lebens festzuhalten trieb. Religiöse Verehrung kann bei der Ausbildung dieser Sagen nicht mehr Einfluss gehabt haben als bei der Erzählung von der Entrückung des Menelaos; wenn in späteren Zeiten z. B. dem Achill auf einer, für Leuke erklärten Insel an den Donau- mündungen ein Cult dargebracht wurde, so war der Cult eben Folge, nicht Anlass und Ursache der Dichtung. Iphigenia allerdings war der Beiname einer Mondgöttin; aber der Dichter, der von der Entrückung der gleichnamigen Tochter Agamem- nons erzählte, ahnte jedenfalls nichts von deren Identität mit einer Göttin — sonst würde er sie eben nicht für Agamem- nons Tochter gehalten haben — und ist keinenfalls durch einen irgendwo angetroffenen Cult der göttlichen Iphigenia veranlasst worden (wie man sich wohl denkt), seine sterbliche Iphigenia jure postliminii durch den Entrückungsapparat wieder unsterblich zu machen. Das gerade war ihm und seinen Zeit- genossen das Bedeutende, der eigentliche Kern seiner, sei es frei erfundenen oder aus vorhandenen Motiven zusammenge- fügten Erzählung, dass sie Kunde gab von der Erhebung eines sterblichen Mädchens, der Tochter sterblicher Eltern, zu un- sterblichem Leben, — nicht zu religiöser Verehrung, die der, in’s ferne Taurierland Gebannten sich auf keine Weise hätte bemerklich machen können 1). Wie weit übrigens die geschäftige Sagenausspinnung der schliesslich in genealogische Poesie sich verlaufenden Helden- dichtung das Motiv der Entrückung und Verklärung ausgenutzt haben mag, können wir, bei unseren ganz ungenügenden Hülfs- mitteln, nicht mehr ermessen. Wenn schon so leere Gestalten wie Telegonos der Verewigung für würdig gehalten wurden, so sollte man meinen, dass in der Vorstellung der Dichter allen Helden der Sage fast ein Anspruch auf diese Art 1) S. Anhang 9. 6*

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/rohde_psyche_1894
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/rohde_psyche_1894/99
Zitationshilfe: Rohde, Erwin: Psyche. Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen. Freiburg u. a., 1894, S. 83. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rohde_psyche_1894/99>, abgerufen am 28.02.2024.