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Sachs, Julius: Geschichte der Botanik. München, 1875.

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der Organe von Caesalpin bis auf Linne.
gedrängter Kürze und in Form von Lehrsätzen streng logisch
geordnet ein System der theoretischen Botanik vorträgt. Wir
müssen auf den Inhalt dieser Schrift schon deßhalb näher ein-
gehen, weil in ihr die Grundlage der späteren Linne'schen
Nomenclatur der Pflanzentheile enthalten ist. Da der ganze
Inhalt der Isagoge mit gesperrter Schrift unter ausdrücklicher
Nennung der Quelle in Ray's historia plantarum angeführt
ist, so unterliegt es gar keinem Zweifel, daß Linne die Lehren
des Jungius schon in seiner Jugend, jedenfalls vor 1738,
genau kennen gelernt hat. Es ist aber eben so wichtig für die
Kenntniß der Geschichte zu wissen, daß die Nomenclatur Linne's
sich ganz wesentlich auf Jungius stützt, wie zu erfahren, daß
die allgemeinsten philosophischen Sätze botanischen Inhalts bei
Linne aus Caesalpin stammen. Zudem wird in der Ge-
schichte der Lehre von der Sexualität ausführlich nachgewiesen
werden, daß es Rudolph Jakob Camerarius war, auf
welchen seine Kenntniß der Sexualität zurückzuführen ist.

Das erste Capitel der Isagoge behandelt die Unterscheidung
der Pflanzen von den Thieren. Die Pflanze ist nach Jungius
ein lebender, nicht empfindender Körper; oder sie ist ein an
einen bestimmten Ort, oder eine bestimmte Unterlage befestigter
Körper, von wo aus sie sich ernähren, wachsen und fortpflanzen
kann. Die Pflanze ernährt sich, insofern sie die aufgenommene
Nahrung in Substanz ihrer Theile umwandelt, um dasjenige
zu ersetzen, was von der Eigenwärme und dem innern Feuer
verflüchtigt worden ist. Eine Pflanze wächst, wenn sie mehr
Substanz ansetzt, als verflüchtigt worden ist, sie wird dabei
größer und bildet neue Theile. Das Wachsthum der Pflanze
unterscheidet sich aber von dem der Thiere dadurch, daß nicht
alle Theile gleichzeitig wachsen, denn Blätter und Sprosse hören,
sobald sie reif geworden sind, auf zu wachsen; dann aber werden
neue Blätter, Sprosse und Blüthen erzeugt. -- Man sage von
einer Pflanze, sie pflanze sich fort, wenn sie eine ihr specifisch
ähnliche erzeugt; dieß sei die breitere Fassung des Begriffs.
Wir sehen auch hier wie bei Caesalpin, daß der Speciesbegriff

Sachs, Geschichte der Botanik. 5

der Organe von Caeſalpin bis auf Linné.
gedrängter Kürze und in Form von Lehrſätzen ſtreng logiſch
geordnet ein Syſtem der theoretiſchen Botanik vorträgt. Wir
müſſen auf den Inhalt dieſer Schrift ſchon deßhalb näher ein-
gehen, weil in ihr die Grundlage der ſpäteren Linné'ſchen
Nomenclatur der Pflanzentheile enthalten iſt. Da der ganze
Inhalt der Isagoge mit geſperrter Schrift unter ausdrücklicher
Nennung der Quelle in Ray's historia plantarum angeführt
iſt, ſo unterliegt es gar keinem Zweifel, daß Linné die Lehren
des Jungius ſchon in ſeiner Jugend, jedenfalls vor 1738,
genau kennen gelernt hat. Es iſt aber eben ſo wichtig für die
Kenntniß der Geſchichte zu wiſſen, daß die Nomenclatur Linné's
ſich ganz weſentlich auf Jungius ſtützt, wie zu erfahren, daß
die allgemeinſten philoſophiſchen Sätze botaniſchen Inhalts bei
Linné aus Caeſalpin ſtammen. Zudem wird in der Ge-
ſchichte der Lehre von der Sexualität ausführlich nachgewieſen
werden, daß es Rudolph Jakob Camerarius war, auf
welchen ſeine Kenntniß der Sexualität zurückzuführen iſt.

Das erſte Capitel der Isagoge behandelt die Unterſcheidung
der Pflanzen von den Thieren. Die Pflanze iſt nach Jungius
ein lebender, nicht empfindender Körper; oder ſie iſt ein an
einen beſtimmten Ort, oder eine beſtimmte Unterlage befeſtigter
Körper, von wo aus ſie ſich ernähren, wachſen und fortpflanzen
kann. Die Pflanze ernährt ſich, inſofern ſie die aufgenommene
Nahrung in Subſtanz ihrer Theile umwandelt, um dasjenige
zu erſetzen, was von der Eigenwärme und dem innern Feuer
verflüchtigt worden iſt. Eine Pflanze wächſt, wenn ſie mehr
Subſtanz anſetzt, als verflüchtigt worden iſt, ſie wird dabei
größer und bildet neue Theile. Das Wachsthum der Pflanze
unterſcheidet ſich aber von dem der Thiere dadurch, daß nicht
alle Theile gleichzeitig wachſen, denn Blätter und Sproſſe hören,
ſobald ſie reif geworden ſind, auf zu wachſen; dann aber werden
neue Blätter, Sproſſe und Blüthen erzeugt. — Man ſage von
einer Pflanze, ſie pflanze ſich fort, wenn ſie eine ihr ſpecifiſch
ähnliche erzeugt; dieß ſei die breitere Faſſung des Begriffs.
Wir ſehen auch hier wie bei Caeſalpin, daß der Speciesbegriff

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[65/0077] der Organe von Caeſalpin bis auf Linné. gedrängter Kürze und in Form von Lehrſätzen ſtreng logiſch geordnet ein Syſtem der theoretiſchen Botanik vorträgt. Wir müſſen auf den Inhalt dieſer Schrift ſchon deßhalb näher ein- gehen, weil in ihr die Grundlage der ſpäteren Linné'ſchen Nomenclatur der Pflanzentheile enthalten iſt. Da der ganze Inhalt der Isagoge mit geſperrter Schrift unter ausdrücklicher Nennung der Quelle in Ray's historia plantarum angeführt iſt, ſo unterliegt es gar keinem Zweifel, daß Linné die Lehren des Jungius ſchon in ſeiner Jugend, jedenfalls vor 1738, genau kennen gelernt hat. Es iſt aber eben ſo wichtig für die Kenntniß der Geſchichte zu wiſſen, daß die Nomenclatur Linné's ſich ganz weſentlich auf Jungius ſtützt, wie zu erfahren, daß die allgemeinſten philoſophiſchen Sätze botaniſchen Inhalts bei Linné aus Caeſalpin ſtammen. Zudem wird in der Ge- ſchichte der Lehre von der Sexualität ausführlich nachgewieſen werden, daß es Rudolph Jakob Camerarius war, auf welchen ſeine Kenntniß der Sexualität zurückzuführen iſt. Das erſte Capitel der Isagoge behandelt die Unterſcheidung der Pflanzen von den Thieren. Die Pflanze iſt nach Jungius ein lebender, nicht empfindender Körper; oder ſie iſt ein an einen beſtimmten Ort, oder eine beſtimmte Unterlage befeſtigter Körper, von wo aus ſie ſich ernähren, wachſen und fortpflanzen kann. Die Pflanze ernährt ſich, inſofern ſie die aufgenommene Nahrung in Subſtanz ihrer Theile umwandelt, um dasjenige zu erſetzen, was von der Eigenwärme und dem innern Feuer verflüchtigt worden iſt. Eine Pflanze wächſt, wenn ſie mehr Subſtanz anſetzt, als verflüchtigt worden iſt, ſie wird dabei größer und bildet neue Theile. Das Wachsthum der Pflanze unterſcheidet ſich aber von dem der Thiere dadurch, daß nicht alle Theile gleichzeitig wachſen, denn Blätter und Sproſſe hören, ſobald ſie reif geworden ſind, auf zu wachſen; dann aber werden neue Blätter, Sproſſe und Blüthen erzeugt. — Man ſage von einer Pflanze, ſie pflanze ſich fort, wenn ſie eine ihr ſpecifiſch ähnliche erzeugt; dieß ſei die breitere Faſſung des Begriffs. Wir ſehen auch hier wie bei Caeſalpin, daß der Speciesbegriff Sachs, Geſchichte der Botanik. 5

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Zitationshilfe: Sachs, Julius: Geschichte der Botanik. München, 1875, S. 65. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/sachs_botanik_1875/77>, abgerufen am 29.02.2024.