Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Samter, Heinrich: Das Reich der Erfindungen. Berlin, 1896.

Bild:
<< vorherige Seite

Die Talbottypie und die moderne Photographie.
er ein sogenanntes "Negativ" erhielt. Von diesem Negativ konnte er,
nachdem es fixiert war, eine beliebige Menge "positiver" Bilder in Wieder-
holung des eben beschriebenen Verfahrens erhalten. Fig. 522 und 523
zeigen ein solches negatives und positives Bild. Nachdem Talbot von
der Daguerreotypie Kunde erhalten hatte, versuchte er sie mit seinem
Verfahren zu verschmelzen und auch direkt mit der Camera Photo-
graphieen auf Jodsilberpapier zu erzeugen. Das unsichtbare Bild ent-
wickelte er mit einer Mischung von Gallussäure und Silbersalz, wo-
durch sich schwarz gefärbtes Silber an allen belichteten Stellen nieder-
schlägt, sodaß wieder ein Negativ entstand, von dem er nach seiner
Fixierung mit Bromkali beliebig viele positive Abzüge im sogenannten
Kopierrahmen in der geschilderten Weise machen konnte.

In den folgenden 50 Jahren bis jetzt sind nun nach allen Richtungen
hin ungeheure Fortschritte auf dem Gebiete der Photographie gemacht
worden. Die photographischen Apparate wurden für die verschiedenen
Zwecke des Gebrauchs bequem eingerichtet, es wurden die mannigfaltigsten
Arten von Linsenkonstruktionen für diesen oder jenen Fall der Praxis
berechnet, es wurde eine große Reihe neuer Stoffe als Träger des
chemischen Lichtprozesses entdeckt, und die Entwicklungs-, Fixierungs- und
Kopiermethoden wurden mehr und mehr verbessert. Nur das wichtigste
soll im folgenden dem Leser mitgeteilt werden.

Die Papiernegative von Talbot erreichten nicht entfernt die Feinheit
von Daguerreotypieen. Man suchte daher bald nach einem passenderen
Träger der lichtempfindlichen Substanz und fand einen solchen in ganz
rein geputzten durchsichtigen Glasplatten. Niepce de St. Victor, einem
Neffen von Nicephore Niepce gelang es im Jahre 1847, mit licht-
empfindlicher Substanz überzogene Glasplatten herzustellen. Er überzog
das Glas mit einer Mischung aus Eiweiß und Jodkalium und legte
die so präparierte Platte in eine Silberlösung, wodurch sie licht-
empfindlich wurde. Die Entwicklung nach geschehener Belichtung geschah
durch Gallussäure, die Fixage durch Bromkali. Die Negative wurden
dann über Chlorsilberpapier gelegt, auf dem das Positiv wie bei Talbot
durch Einwirkung des Lichtes hervorgerufen wurde. Ein Jahr später
erfand Blanquart-Evrard das noch jetzt gebräuchliche Albumin- oder
Eiweißpapier, das weit bessere Kopieen giebt, als gewöhnliches Papier.
Bald wurden auch Eisenvitriol und Pyrogallussäure als gut ent-
wickelnde Substanzen entdeckt. Einen wesentlichen Fortschritt in der
Geschichte der Photographie bezeichnet aber die Erfindung des noch
heute viel geübten Kollodiumverfahrens durch Fry und Archer im
Jahre 1851. Das Kollodium, eine Mischung von Schießbaumwolle
und Äther oder Alkohol, wird über die Platte gegossen, diese darauf
in eine jod- oder bromhaltige Silberlösung getaucht, worauf sich in
der Kollodiumschicht Jod oder Bromsilber niederschlagen wird, sodaß
nun die Platte lichtempfindlich ist. Als Entwickler wurde Eisenvitriol

Die Talbottypie und die moderne Photographie.
er ein ſogenanntes „Negativ“ erhielt. Von dieſem Negativ konnte er,
nachdem es fixiert war, eine beliebige Menge „poſitiver“ Bilder in Wieder-
holung des eben beſchriebenen Verfahrens erhalten. Fig. 522 und 523
zeigen ein ſolches negatives und poſitives Bild. Nachdem Talbot von
der Daguerreotypie Kunde erhalten hatte, verſuchte er ſie mit ſeinem
Verfahren zu verſchmelzen und auch direkt mit der Camera Photo-
graphieen auf Jodſilberpapier zu erzeugen. Das unſichtbare Bild ent-
wickelte er mit einer Miſchung von Gallusſäure und Silberſalz, wo-
durch ſich ſchwarz gefärbtes Silber an allen belichteten Stellen nieder-
ſchlägt, ſodaß wieder ein Negativ entſtand, von dem er nach ſeiner
Fixierung mit Bromkali beliebig viele poſitive Abzüge im ſogenannten
Kopierrahmen in der geſchilderten Weiſe machen konnte.

In den folgenden 50 Jahren bis jetzt ſind nun nach allen Richtungen
hin ungeheure Fortſchritte auf dem Gebiete der Photographie gemacht
worden. Die photographiſchen Apparate wurden für die verſchiedenen
Zwecke des Gebrauchs bequem eingerichtet, es wurden die mannigfaltigſten
Arten von Linſenkonſtruktionen für dieſen oder jenen Fall der Praxis
berechnet, es wurde eine große Reihe neuer Stoffe als Träger des
chemiſchen Lichtprozeſſes entdeckt, und die Entwicklungs-, Fixierungs- und
Kopiermethoden wurden mehr und mehr verbeſſert. Nur das wichtigſte
ſoll im folgenden dem Leſer mitgeteilt werden.

Die Papiernegative von Talbot erreichten nicht entfernt die Feinheit
von Daguerreotypieen. Man ſuchte daher bald nach einem paſſenderen
Träger der lichtempfindlichen Subſtanz und fand einen ſolchen in ganz
rein geputzten durchſichtigen Glasplatten. Niepce de St. Victor, einem
Neffen von Nicéphore Niepce gelang es im Jahre 1847, mit licht-
empfindlicher Subſtanz überzogene Glasplatten herzuſtellen. Er überzog
das Glas mit einer Miſchung aus Eiweiß und Jodkalium und legte
die ſo präparierte Platte in eine Silberlöſung, wodurch ſie licht-
empfindlich wurde. Die Entwicklung nach geſchehener Belichtung geſchah
durch Gallusſäure, die Fixage durch Bromkali. Die Negative wurden
dann über Chlorſilberpapier gelegt, auf dem das Poſitiv wie bei Talbot
durch Einwirkung des Lichtes hervorgerufen wurde. Ein Jahr ſpäter
erfand Blanquart-Evrard das noch jetzt gebräuchliche Albumin- oder
Eiweißpapier, das weit beſſere Kopieen giebt, als gewöhnliches Papier.
Bald wurden auch Eiſenvitriol und Pyrogallusſäure als gut ent-
wickelnde Subſtanzen entdeckt. Einen weſentlichen Fortſchritt in der
Geſchichte der Photographie bezeichnet aber die Erfindung des noch
heute viel geübten Kollodiumverfahrens durch Fry und Archer im
Jahre 1851. Das Kollodium, eine Miſchung von Schießbaumwolle
und Äther oder Alkohol, wird über die Platte gegoſſen, dieſe darauf
in eine jod- oder bromhaltige Silberlöſung getaucht, worauf ſich in
der Kollodiumſchicht Jod oder Bromſilber niederſchlagen wird, ſodaß
nun die Platte lichtempfindlich iſt. Als Entwickler wurde Eiſenvitriol

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <p><pb facs="#f1001" n="983"/><fw place="top" type="header">Die Talbottypie und die moderne Photographie.</fw><lb/>
er ein &#x017F;ogenanntes &#x201E;Negativ&#x201C; erhielt. Von die&#x017F;em Negativ konnte er,<lb/>
nachdem es fixiert war, eine beliebige Menge &#x201E;po&#x017F;itiver&#x201C; Bilder in Wieder-<lb/>
holung des eben be&#x017F;chriebenen Verfahrens erhalten. Fig. 522 und 523<lb/>
zeigen ein &#x017F;olches negatives und po&#x017F;itives Bild. Nachdem Talbot von<lb/>
der Daguerreotypie Kunde erhalten hatte, ver&#x017F;uchte er &#x017F;ie mit &#x017F;einem<lb/>
Verfahren zu ver&#x017F;chmelzen und auch direkt mit der Camera Photo-<lb/>
graphieen auf Jod&#x017F;ilberpapier zu erzeugen. Das un&#x017F;ichtbare Bild ent-<lb/>
wickelte er mit einer Mi&#x017F;chung von Gallus&#x017F;äure und Silber&#x017F;alz, wo-<lb/>
durch &#x017F;ich &#x017F;chwarz gefärbtes Silber an allen belichteten Stellen nieder-<lb/>
&#x017F;chlägt, &#x017F;odaß wieder ein Negativ ent&#x017F;tand, von dem er nach &#x017F;einer<lb/>
Fixierung mit Bromkali beliebig viele po&#x017F;itive Abzüge im &#x017F;ogenannten<lb/>
Kopierrahmen in der ge&#x017F;childerten Wei&#x017F;e machen konnte.</p><lb/>
              <p>In den folgenden 50 Jahren bis jetzt &#x017F;ind nun nach allen Richtungen<lb/>
hin ungeheure Fort&#x017F;chritte auf dem Gebiete der Photographie gemacht<lb/>
worden. Die photographi&#x017F;chen Apparate wurden für die ver&#x017F;chiedenen<lb/>
Zwecke des Gebrauchs bequem eingerichtet, es wurden die mannigfaltig&#x017F;ten<lb/>
Arten von Lin&#x017F;enkon&#x017F;truktionen für die&#x017F;en oder jenen Fall der Praxis<lb/>
berechnet, es wurde eine große Reihe neuer Stoffe als Träger des<lb/>
chemi&#x017F;chen Lichtproze&#x017F;&#x017F;es entdeckt, und die Entwicklungs-, Fixierungs- und<lb/>
Kopiermethoden wurden mehr und mehr verbe&#x017F;&#x017F;ert. Nur das wichtig&#x017F;te<lb/>
&#x017F;oll im folgenden dem Le&#x017F;er mitgeteilt werden.</p><lb/>
              <p>Die Papiernegative von Talbot erreichten nicht entfernt die Feinheit<lb/>
von Daguerreotypieen. Man &#x017F;uchte daher bald nach einem pa&#x017F;&#x017F;enderen<lb/>
Träger der lichtempfindlichen Sub&#x017F;tanz und fand einen &#x017F;olchen in ganz<lb/>
rein geputzten durch&#x017F;ichtigen Glasplatten. Niepce de St. Victor, einem<lb/>
Neffen von Nic<hi rendition="#aq">é</hi>phore Niepce gelang es im Jahre 1847, mit licht-<lb/>
empfindlicher Sub&#x017F;tanz überzogene Glasplatten herzu&#x017F;tellen. Er überzog<lb/>
das Glas mit einer Mi&#x017F;chung aus Eiweiß und Jodkalium und legte<lb/>
die &#x017F;o präparierte Platte in eine Silberlö&#x017F;ung, wodurch &#x017F;ie licht-<lb/>
empfindlich wurde. Die Entwicklung nach ge&#x017F;chehener Belichtung ge&#x017F;chah<lb/>
durch Gallus&#x017F;äure, die Fixage durch Bromkali. Die Negative wurden<lb/>
dann über Chlor&#x017F;ilberpapier gelegt, auf dem das Po&#x017F;itiv wie bei Talbot<lb/>
durch Einwirkung des Lichtes hervorgerufen wurde. Ein Jahr &#x017F;päter<lb/>
erfand Blanquart-Evrard das noch jetzt gebräuchliche Albumin- oder<lb/>
Eiweißpapier, das weit be&#x017F;&#x017F;ere Kopieen giebt, als gewöhnliches Papier.<lb/>
Bald wurden auch Ei&#x017F;envitriol und Pyrogallus&#x017F;äure als gut ent-<lb/>
wickelnde Sub&#x017F;tanzen entdeckt. Einen we&#x017F;entlichen Fort&#x017F;chritt in der<lb/>
Ge&#x017F;chichte der Photographie bezeichnet aber die Erfindung des noch<lb/>
heute viel geübten Kollodiumverfahrens durch Fry und Archer im<lb/>
Jahre 1851. Das Kollodium, eine Mi&#x017F;chung von Schießbaumwolle<lb/>
und Äther oder Alkohol, wird über die Platte gego&#x017F;&#x017F;en, die&#x017F;e darauf<lb/>
in eine jod- oder bromhaltige Silberlö&#x017F;ung getaucht, worauf &#x017F;ich in<lb/>
der Kollodium&#x017F;chicht Jod oder Brom&#x017F;ilber nieder&#x017F;chlagen wird, &#x017F;odaß<lb/>
nun die Platte lichtempfindlich i&#x017F;t. Als Entwickler wurde Ei&#x017F;envitriol<lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[983/1001] Die Talbottypie und die moderne Photographie. er ein ſogenanntes „Negativ“ erhielt. Von dieſem Negativ konnte er, nachdem es fixiert war, eine beliebige Menge „poſitiver“ Bilder in Wieder- holung des eben beſchriebenen Verfahrens erhalten. Fig. 522 und 523 zeigen ein ſolches negatives und poſitives Bild. Nachdem Talbot von der Daguerreotypie Kunde erhalten hatte, verſuchte er ſie mit ſeinem Verfahren zu verſchmelzen und auch direkt mit der Camera Photo- graphieen auf Jodſilberpapier zu erzeugen. Das unſichtbare Bild ent- wickelte er mit einer Miſchung von Gallusſäure und Silberſalz, wo- durch ſich ſchwarz gefärbtes Silber an allen belichteten Stellen nieder- ſchlägt, ſodaß wieder ein Negativ entſtand, von dem er nach ſeiner Fixierung mit Bromkali beliebig viele poſitive Abzüge im ſogenannten Kopierrahmen in der geſchilderten Weiſe machen konnte. In den folgenden 50 Jahren bis jetzt ſind nun nach allen Richtungen hin ungeheure Fortſchritte auf dem Gebiete der Photographie gemacht worden. Die photographiſchen Apparate wurden für die verſchiedenen Zwecke des Gebrauchs bequem eingerichtet, es wurden die mannigfaltigſten Arten von Linſenkonſtruktionen für dieſen oder jenen Fall der Praxis berechnet, es wurde eine große Reihe neuer Stoffe als Träger des chemiſchen Lichtprozeſſes entdeckt, und die Entwicklungs-, Fixierungs- und Kopiermethoden wurden mehr und mehr verbeſſert. Nur das wichtigſte ſoll im folgenden dem Leſer mitgeteilt werden. Die Papiernegative von Talbot erreichten nicht entfernt die Feinheit von Daguerreotypieen. Man ſuchte daher bald nach einem paſſenderen Träger der lichtempfindlichen Subſtanz und fand einen ſolchen in ganz rein geputzten durchſichtigen Glasplatten. Niepce de St. Victor, einem Neffen von Nicéphore Niepce gelang es im Jahre 1847, mit licht- empfindlicher Subſtanz überzogene Glasplatten herzuſtellen. Er überzog das Glas mit einer Miſchung aus Eiweiß und Jodkalium und legte die ſo präparierte Platte in eine Silberlöſung, wodurch ſie licht- empfindlich wurde. Die Entwicklung nach geſchehener Belichtung geſchah durch Gallusſäure, die Fixage durch Bromkali. Die Negative wurden dann über Chlorſilberpapier gelegt, auf dem das Poſitiv wie bei Talbot durch Einwirkung des Lichtes hervorgerufen wurde. Ein Jahr ſpäter erfand Blanquart-Evrard das noch jetzt gebräuchliche Albumin- oder Eiweißpapier, das weit beſſere Kopieen giebt, als gewöhnliches Papier. Bald wurden auch Eiſenvitriol und Pyrogallusſäure als gut ent- wickelnde Subſtanzen entdeckt. Einen weſentlichen Fortſchritt in der Geſchichte der Photographie bezeichnet aber die Erfindung des noch heute viel geübten Kollodiumverfahrens durch Fry und Archer im Jahre 1851. Das Kollodium, eine Miſchung von Schießbaumwolle und Äther oder Alkohol, wird über die Platte gegoſſen, dieſe darauf in eine jod- oder bromhaltige Silberlöſung getaucht, worauf ſich in der Kollodiumſchicht Jod oder Bromſilber niederſchlagen wird, ſodaß nun die Platte lichtempfindlich iſt. Als Entwickler wurde Eiſenvitriol

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/samter_erfindungen_1896
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/samter_erfindungen_1896/1001
Zitationshilfe: Samter, Heinrich: Das Reich der Erfindungen. Berlin, 1896, S. 983. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/samter_erfindungen_1896/1001>, abgerufen am 14.08.2022.