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Sandrart, Joachim von: L’Academia Todesca. della Architectura, Scultura & Pittura: Oder Teutsche Academie der Edlen Bau- Bild- und Mahlerey-Künste. Bd. 1,1. Nürnberg, 1675.

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Ferner zu mehrerm Zieraht in den Friesen der Jonica, Corinthia und Composita, weiset die vier und zwanzigste Platte/ in der Figur A, wie den großen Festinen mehr ansehens zu geben: worbey zu beobachten ist/ daß die Engel/ welche die Festinen aufheben/ allemahl oberhalb der Colonnen stehen und zutreffen sollen/ also/ daß alles zwischen beeden mit dem Stier-Kopf oder Rose abgetheilet werde.

Gleichen Verstand hat es mit den Leuchtern und Greiffen/ wie bey C zu beobachten. Bey dem Laubwerk B ist vornemlich zu merken/ daß dessen Grube/ mit D bemerket/ gerad über die Colonne stehe/ und folgends das Laubwerk daraus wachsend fortlauffe/ so weit es nötig. Im übrigen sind die ausführlichen Abmerkungen/ in den Piedestalen von der Jonica und Corinthia zu sehen.

Ferner hatten die Antichen im Gebrauch/ zu den Portalen oder Sepulturen/ andere Arten der Ornamenten/ an statt der Säulen/ zu gebrauchen/ welche sie Terminen genennet/ deren einige/ Figuren mit Körben voll Früchten auf dem Haupt/ an statt des Capitels/ andere nur halbe Figuren/ das übrige hinab/ bis zu der Bassa, piramidalisch/ auch Baumstammachtig/ gestaltet/ und gebrauchten zu dieser Manier/ Bildere/ Jungfrauen/ Satyren/ Kindlein/ auch Monstrose Groteschachtige Schnackereyen und Zierlichkeiten/ wie sie solche/[Spaltenumbruch] nach Gelegenheit des Orts und des Werkmeisters Gedanken/ gut befunden haben.

VI. Gothica, die Gothische. Noch ist eine und die sechste Art/ Gothica genant/ welche von den Alten/ nach Verlust der Bau-Kunst/ an Geschicklichkeit und Verstand sehr weit abgewichen/ weil sie keine richtige Ordnung/Proportion Ist ungeschickt/ und hält keine proportion. und Maß beobachtet/ und eben so bald unter das Haupt-Thor/ auf welchem der gröste Last liget/ kleine schmale Säulen/ hingegen in einem Lust-Garten/ zu geringen Portalien/ Centner-schwere Maststücke setzet. Ja sie behänget die Säulen/ mit Weinreben und Weinblättern/ bald so dick und häuffig/ als ob ein ganzes Weingebirg darauf gebauet wäre; bald aber so zart/ subtil und wenig/ als wann es kleine aus geschnittene Kartenblätlein wären. In diesem Irrgarten haben unsere alte Teutsche lang und viel gewallet/ und solches für eine Zier gehalten: wie dann fast alle alte Gebäude/ auch die fürnehmste/ mit dergleichen Unordnung erfüllet sind.

Ward von den Gothen in Italien eingeführet. Diese Unform haben die Gothen in Italien gebracht: Dann/ nachdem sie Rom verheeret und zerstöret/ und fast alle Römische Künstler in selbigen Kriegszeiten umgekommen/ haben sie nachgehends diese schnöde Art zu bauen eingeführet: womit sie ihnen/ durch ganz Wälschland/ mehr dann tausend millionen Flüche auf den Nacken gebürdet und gezogen.

Das III. Capitel.
Von der Bau-Richtigkeit.

Innhalt.

Examen eines vollkommenen Baues: Dessen Ort/ Grund/ Austheilung/ Dicke und Höhe. Fürbild eines vollkommenen Baues: der soll einem wol-proportionirten Menschen gleich sehen. Das Auswendige: Das Thor und die Porte/ die Fenster und Zierahten/ der Dachstul. Das Inwendige: der Vorhof und Hof/ die Stiegen. Correspondenz der Gemächer. Von diminution der Mauren/ und deren Abtheilung. Wie die Angulen oder Eck-Mauren einzurichten. Tafel der Baukunst-Wörter.

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ICh würde mich in eine sonderbare Weite einlassen/ wann ich von allen particular-Sachen/ so der Architectur oder Baukunst zugehörig/ reden wolte. Demnach will ich zugegen allein beybringen/ wie und worinn ein vollkommener Bau zu erkennen/ und was zu einem schönen und nutzlichen Gebäude gehörig sey. Wann man nun von einem Bau urtheilen will/ ob er von einem kunstreichen und vollkommenen Meister geführet worden/ und ob der seinem vernünftigen Bauherrn ein Genügen geleistet/ so sind darbey folgende Stücke zu erwägen.

Examen eines vollkommenen Baues. Erstlich ob er den Ort wol aus gesehen und abgemessen/ daß er ihn fähig und weit genug habe/ seinen Bau dahin zu bringen? Ferner/ ob er den [Spaltenumbruch] Dessen Ort/ Grund/ und Austheilung; Grund/ und dessen Güte/ in acht genommen? Wiederum/ ob er nicht geirret/ in Austheilung der Gemächer und Zimmer? Ob er in acht gezogen/ was für eine Dicke des Gemäuers/ die Höhe und Dicke und Höhe. Tieffe seines Grunds und Fundaments ertrage? Wie die Höhe der Säulen abzutheilen? Ob die Fenster und Portalien in gleicher und zimlicher Größe/ und ob sie ordentlich ausgezeichnet? Abermals ob die Notwendigkeit jedes Gemaches ausführlich vorhanden? Ob Keller/ Küchen/ Speis und andere Kammern/ auch der sonst nötige Abtritt/ recht ausgetheilet? Ob der Gemächer Porten und Thüren/ wol auf einander correspondiren und einstimmen? Wann nun diß alles nicht geschehen/ würden fast große Fehler zu finden seyn. Es würde sehr ungeformt und übel stehen/ zu einem herrlichen Spatzir- und Lust-Saale eine niedere/

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Ferner zu mehrerm Zieraht in den Friesen der Jonica, Corinthia und Composita, weiset die vier und zwanzigste Platte/ in der Figur A, wie den großen Festinen mehr ansehens zu geben: worbey zu beobachten ist/ daß die Engel/ welche die Festinen aufheben/ allemahl oberhalb der Colonnen stehen und zutreffen sollen/ also/ daß alles zwischen beeden mit dem Stier-Kopf oder Rose abgetheilet werde.

Gleichen Verstand hat es mit den Leuchtern und Greiffen/ wie bey C zu beobachten. Bey dem Laubwerk B ist vornemlich zu merken/ daß dessen Grube/ mit D bemerket/ gerad über die Colonne stehe/ und folgends das Laubwerk daraus wachsend fortlauffe/ so weit es nötig. Im übrigen sind die ausführlichen Abmerkungen/ in den Piedestalen von der Jonica und Corinthia zu sehen.

Ferner hatten die Antichen im Gebrauch/ zu den Portalen oder Sepulturen/ andere Arten der Ornamenten/ an statt der Säulen/ zu gebrauchen/ welche sie Terminen genennet/ deren einige/ Figuren mit Körben voll Früchten auf dem Haupt/ an statt des Capitels/ andere nur halbe Figuren/ das übrige hinab/ bis zu der Bassa, piramidalisch/ auch Baumstammachtig/ gestaltet/ und gebrauchten zu dieser Manier/ Bildere/ Jungfrauen/ Satyren/ Kindlein/ auch Monstrose Groteschachtige Schnackereyen und Zierlichkeiten/ wie sie solche/[Spaltenumbruch] nach Gelegenheit des Orts und des Werkmeisters Gedanken/ gut befunden haben.

VI. Gothica, die Gothische. Noch ist eine und die sechste Art/ Gothica genant/ welche von den Alten/ nach Verlust der Bau-Kunst/ an Geschicklichkeit und Verstand sehr weit abgewichen/ weil sie keine richtige Ordnung/Proportion Ist ungeschickt/ und hält keine proportion. und Maß beobachtet/ und eben so bald unter das Haupt-Thor/ auf welchem der gröste Last liget/ kleine schmale Säulen/ hingegen in einem Lust-Garten/ zu geringen Portalien/ Centner-schwere Maststücke setzet. Ja sie behänget die Säulen/ mit Weinreben und Weinblättern/ bald so dick und häuffig/ als ob ein ganzes Weingebirg darauf gebauet wäre; bald aber so zart/ subtil und wenig/ als wann es kleine aus geschnittene Kartenblätlein wären. In diesem Irrgarten haben unsere alte Teutsche lang und viel gewallet/ und solches für eine Zier gehalten: wie dann fast alle alte Gebäude/ auch die fürnehmste/ mit dergleichen Unordnung erfüllet sind.

Ward von den Gothen in Italien eingeführet. Diese Unform haben die Gothen in Italien gebracht: Dann/ nachdem sie Rom verheeret und zerstöret/ und fast alle Römische Künstler in selbigen Kriegszeiten umgekommen/ haben sie nachgehends diese schnöde Art zu bauen eingeführet: womit sie ihnen/ durch ganz Wälschland/ mehr dann tausend millionen Flüche auf den Nacken gebürdet und gezogen.

Das III. Capitel.
Von der Bau-Richtigkeit.

Innhalt.

Examen eines vollkommenen Baues: Dessen Ort/ Grund/ Austheilung/ Dicke und Höhe. Fürbild eines vollkommenen Baues: der soll einem wol-proportionirten Menschen gleich sehen. Das Auswendige: Das Thor und die Porte/ die Fenster und Zierahten/ der Dachstul. Das Inwendige: der Vorhof und Hof/ die Stiegen. Correspondenz der Gemächer. Von diminution der Mauren/ und deren Abtheilung. Wie die Angulen oder Eck-Mauren einzurichten. Tafel der Baukunst-Wörter.

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ICh würde mich in eine sonderbare Weite einlassen/ wann ich von allen particular-Sachen/ so der Architectur oder Baukunst zugehörig/ reden wolte. Demnach will ich zugegen allein beybringen/ wie und worinn ein vollkommener Bau zu erkennen/ und was zu einem schönen und nutzlichen Gebäude gehörig sey. Wann man nun von einem Bau urtheilen will/ ob er von einem kunstreichen und vollkommenen Meister geführet worden/ und ob der seinem vernünftigen Bauherrn ein Genügen geleistet/ so sind darbey folgende Stücke zu erwägen.

Examen eines vollkommenen Baues. Erstlich ob er den Ort wol aus gesehen und abgemessen/ daß er ihn fähig und weit genug habe/ seinen Bau dahin zu bringen? Ferner/ ob er den [Spaltenumbruch] Dessen Ort/ Grund/ und Austheilung; Grund/ und dessen Güte/ in acht genommen? Wiederum/ ob er nicht geirret/ in Austheilung der Gemächer und Zimmer? Ob er in acht gezogen/ was für eine Dicke des Gemäuers/ die Höhe und Dicke und Höhe. Tieffe seines Grunds und Fundaments ertrage? Wie die Höhe der Säulen abzutheilen? Ob die Fenster und Portalien in gleicher und zimlicher Größe/ und ob sie ordentlich ausgezeichnet? Abermals ob die Notwendigkeit jedes Gemaches ausführlich vorhanden? Ob Keller/ Küchen/ Speis und andere Kammern/ auch der sonst nötige Abtritt/ recht ausgetheilet? Ob der Gemächer Porten und Thüren/ wol auf einander correspondiren und einstimmen? Wann nun diß alles nicht geschehen/ würden fast große Fehler zu finden seyn. Es würde sehr ungeformt und übel stehen/ zu einem herrlichen Spatzir- und Lust-Saale eine niedere/

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[[I, Buch 1 (Architektur), S. 17]/0116] Ferner zu mehrerm Zieraht in den Friesen der Jonica, Corinthia und Composita, weiset die vier und zwanzigste Platte/ in der Figur A, wie den großen Festinen mehr ansehens zu geben: worbey zu beobachten ist/ daß die Engel/ welche die Festinen aufheben/ allemahl oberhalb der Colonnen stehen und zutreffen sollen/ also/ daß alles zwischen beeden mit dem Stier-Kopf oder Rose abgetheilet werde. Gleichen Verstand hat es mit den Leuchtern und Greiffen/ wie bey C zu beobachten. Bey dem Laubwerk B ist vornemlich zu merken/ daß dessen Grube/ mit D bemerket/ gerad über die Colonne stehe/ und folgends das Laubwerk daraus wachsend fortlauffe/ so weit es nötig. Im übrigen sind die ausführlichen Abmerkungen/ in den Piedestalen von der Jonica und Corinthia zu sehen. Ferner hatten die Antichen im Gebrauch/ zu den Portalen oder Sepulturen/ andere Arten der Ornamenten/ an statt der Säulen/ zu gebrauchen/ welche sie Terminen genennet/ deren einige/ Figuren mit Körben voll Früchten auf dem Haupt/ an statt des Capitels/ andere nur halbe Figuren/ das übrige hinab/ bis zu der Bassa, piramidalisch/ auch Baumstammachtig/ gestaltet/ und gebrauchten zu dieser Manier/ Bildere/ Jungfrauen/ Satyren/ Kindlein/ auch Monstrose Groteschachtige Schnackereyen und Zierlichkeiten/ wie sie solche/ nach Gelegenheit des Orts und des Werkmeisters Gedanken/ gut befunden haben. Noch ist eine und die sechste Art/ Gothica genant/ welche von den Alten/ nach Verlust der Bau-Kunst/ an Geschicklichkeit und Verstand sehr weit abgewichen/ weil sie keine richtige Ordnung/Proportion und Maß beobachtet/ und eben so bald unter das Haupt-Thor/ auf welchem der gröste Last liget/ kleine schmale Säulen/ hingegen in einem Lust-Garten/ zu geringen Portalien/ Centner-schwere Maststücke setzet. Ja sie behänget die Säulen/ mit Weinreben und Weinblättern/ bald so dick und häuffig/ als ob ein ganzes Weingebirg darauf gebauet wäre; bald aber so zart/ subtil und wenig/ als wann es kleine aus geschnittene Kartenblätlein wären. In diesem Irrgarten haben unsere alte Teutsche lang und viel gewallet/ und solches für eine Zier gehalten: wie dann fast alle alte Gebäude/ auch die fürnehmste/ mit dergleichen Unordnung erfüllet sind. VI. Gothica, die Gothische. Ist ungeschickt/ und hält keine proportion. Diese Unform haben die Gothen in Italien gebracht: Dann/ nachdem sie Rom verheeret und zerstöret/ und fast alle Römische Künstler in selbigen Kriegszeiten umgekommen/ haben sie nachgehends diese schnöde Art zu bauen eingeführet: womit sie ihnen/ durch ganz Wälschland/ mehr dann tausend millionen Flüche auf den Nacken gebürdet und gezogen. Ward von den Gothen in Italien eingeführet.Das III. Capitel. Von der Bau-Richtigkeit. Innhalt. Examen eines vollkommenen Baues: Dessen Ort/ Grund/ Austheilung/ Dicke und Höhe. Fürbild eines vollkommenen Baues: der soll einem wol-proportionirten Menschen gleich sehen. Das Auswendige: Das Thor und die Porte/ die Fenster und Zierahten/ der Dachstul. Das Inwendige: der Vorhof und Hof/ die Stiegen. Correspondenz der Gemächer. Von diminution der Mauren/ und deren Abtheilung. Wie die Angulen oder Eck-Mauren einzurichten. Tafel der Baukunst-Wörter. ICh würde mich in eine sonderbare Weite einlassen/ wann ich von allen particular-Sachen/ so der Architectur oder Baukunst zugehörig/ reden wolte. Demnach will ich zugegen allein beybringen/ wie und worinn ein vollkommener Bau zu erkennen/ und was zu einem schönen und nutzlichen Gebäude gehörig sey. Wann man nun von einem Bau urtheilen will/ ob er von einem kunstreichen und vollkommenen Meister geführet worden/ und ob der seinem vernünftigen Bauherrn ein Genügen geleistet/ so sind darbey folgende Stücke zu erwägen. Erstlich ob er den Ort wol aus gesehen und abgemessen/ daß er ihn fähig und weit genug habe/ seinen Bau dahin zu bringen? Ferner/ ob er den Grund/ und dessen Güte/ in acht genommen? Wiederum/ ob er nicht geirret/ in Austheilung der Gemächer und Zimmer? Ob er in acht gezogen/ was für eine Dicke des Gemäuers/ die Höhe und Tieffe seines Grunds und Fundaments ertrage? Wie die Höhe der Säulen abzutheilen? Ob die Fenster und Portalien in gleicher und zimlicher Größe/ und ob sie ordentlich ausgezeichnet? Abermals ob die Notwendigkeit jedes Gemaches ausführlich vorhanden? Ob Keller/ Küchen/ Speis und andere Kammern/ auch der sonst nötige Abtritt/ recht ausgetheilet? Ob der Gemächer Porten und Thüren/ wol auf einander correspondiren und einstimmen? Wann nun diß alles nicht geschehen/ würden fast große Fehler zu finden seyn. Es würde sehr ungeformt und übel stehen/ zu einem herrlichen Spatzir- und Lust-Saale eine niedere/ Examen eines vollkommenen Baues. Dessen Ort/ Grund/ und Austheilung; Dicke und Höhe.

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Zitationshilfe: Sandrart, Joachim von: L’Academia Todesca. della Architectura, Scultura & Pittura: Oder Teutsche Academie der Edlen Bau- Bild- und Mahlerey-Künste. Bd. 1,1. Nürnberg, 1675, S. [I, Buch 1 (Architektur), S. 17]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/sandrart_academie0101_1675/116>, abgerufen am 20.10.2021.