Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Sandrart, Joachim von: L’Academia Todesca. della Architectura, Scultura & Pittura: Oder Teutsche Academie der Edlen Bau- Bild- und Mahlerey-Künste. Bd. 1,1. Nürnberg, 1675.

Bild:
<< vorherige Seite
[Spaltenumbruch]

Wie die Größe der auf einander gesetzten Dinge nach der Höhe zu finden?Alle Dinge/ welche/ wie allbereit zum öftern gemeldet worden/ von unserm Gesicht abstehen/ pflegen in der Höhe um soviel sich zu verkleinern/ als deren spatium der Distanz in unserm Gesicht enthält. Deswegen alle Dinge/ die von uns entfernet sind/ wann sie eben so groß/ als die/ so nahe bey uns/ erscheinen sollen/ vermittels der Kunst/ wie aus gegenüberstehender Figur zu ersehen/ müßen dazu eingerichtet werden. Wann der Architectus, Mahler oder Bildhauer von unten auf einige Sachen auf die andern setzen will/ und begehret/ daß selbige ingesamt/ das obere/ mittlere und untere/ dem Gesicht in gleicher Größe vorkommen und mit einander correspondiren sollen: so erwehle er zuvor den Ort oder Stand/ wohin der Thurn/ Colonna, Statua, Gemähl/ oder sonst andere Dinge von ornamenten/ Fenstern/ Buchstaben und dergleichen/ kommen sollen. Alsdann nehme er die Distanz des gemeldten Orts/ an welchem die Sach am bästen kan gesehen werden/ in fleißige obacht: alda sey die Höhe des Auges/ und werde das Centrum genannt. Von dannen ziehe er/ mit einem Cirkel/ den vierten Theil der Runde eines Cirkels/ als Lit. A bemerket. Auf selbiger Runde theile er ab/ mit Tüpfeln/ soviel gleiche Theile/ als viel deren sein Werk bedarf/ nach Größe des untersten Stuckes. Ferner ziehe er/ von dem Ort/ wo sein erstes Stuck unten stehet/ eine gerade Linie auf den ersten Punct seiner Austheilung und seines Centri: alsdann hat er die Größe des ersten Stuckes. Auf solche weise/ ziehe er/ von dem Auge/ wieder eine andere gerade Linie/ durch des Cirkels andern Punct/ gegen die Colonna hinan: wo alsdann diese Linie gegenstossen wird/ da ist des andern Stucks gerechte Höhe. Und also wiederhole er etlichmal den Zug der Linie/ durch des Cirkels Punct/ gegen die Colonna hinan: so wird es sich jedesmal um soviel vergrössern/ als es durch die Höhe verlieret. Auf solche weise kan der Architectus, Mahler oder Bildhauer/ mit allen Theilen verfahren: da sie ihme dann ingesamt in gleicher Größe erscheinen werden. Wo er diese Regel in fleißige obachtung nimmet/ so kan er/ in allen dergleichen Sachen/ die gerechteste Maß aufs bäste und bequemlichste finden.

Dergleichen sorgfältiger Warnemung/ haben[Spaltenumbruch] Exempel dessen/ an den Statuen von Alexander und Bucephalo, sich die Antichen fast in allen ihren Gebäuen bedienet: unter denen wir/ an statt eines Exempels/ anziehen die zwey Statuen und schöne Werke des großen Alexanders und seines Pferdes Bucephali in Marmolstein/ welche fast 4 mahl die Größe von eines lebendigen Manns Länge haben. Diese Statuen stehen zu Rom/ auf dem Berg Quirinal, unter freyem Himmel/aufgerichtet/ und sind von den beyden Griechen Phidia und Praxitele, gebildet. Ich habe dieselben/ als ich hinauf gestiegen/ genau abgemessen/ und befunden/ daß deren Häupter um soviel größer in proportion sind/ als viel sie durch deren große und hohe Distanz verlieren/ und also unsern Augen in gerechter Ebenmaß erscheinen. Eben dergleichen observanz fande ich an der verwunderlichen und der Colonna Trajani. Colonna Trajani, daran auswendig/ von unten bis oben hinauf/ die niemals-genugsam gepriesene Kriegs-Geschichten desselben Helden/ in Marmorstein von Basso rilievo gebildet stehen: da dann gleichfalls deren oberste Bilder um soviel größer gemachet sind/ als deren Höhe sie verkleinert/ und durch solches Mittel alle Bilder in einer Größe erscheinen. Solche und dergleichen reifliche Beobachtungen haben/ wie gemeldet/ alle verständige Kunst-Geister bey den Antichen wargenommen: denen hernachmals die gute Modernen fleissig nachgefolget/ nicht allein in Statuen/ sondern auch in gemahlten Tafeln. Dann auch diese/ wann sie weit und hoch von uns stehen und zu sehen/ müssen auf gleichmäßige Art/ wegen Ausbildung nach deren Proportion-Aufsatz oder Höhe/ gleich als ob an dem Ort selbst im Leben die Historien/ Contrafäte und dergleichen/ vorgestellet würden/ in acht genommen werden: und solches hat unter andern absonderlich Paulus Verones, in allen Dingen/ exemplarisch bewiesen. Also müßen/ Natur und Kunst/ immerzu zusammen gesellet/ nach Gelegenheit erforderender Ursachen/ die hülfreiche Hände einander bieten: damit die Proportion, in gerechter Consonanz, sowol in des Menschen Bild/ als auch in der Bau-Kunst/ herfür gebracht werde. Weßwegen dann/ bey der Perspectiv-Kunst/ wie solches in den Colonnen und andern correct nach den Regeln geschehen kan/ hievor eine Figur/ neben der ausführlichen Erzehlung/ beygefüget worden.

[Abbildung]
[Spaltenumbruch]

Wie die Größe der auf einander gesetzten Dinge nach der Höhe zu finden?Alle Dinge/ welche/ wie allbereit zum öftern gemeldet worden/ von unserm Gesicht abstehen/ pflegen in der Höhe um soviel sich zu verkleinern/ als deren spatium der Distanz in unserm Gesicht enthält. Deswegen alle Dinge/ die von uns entfernet sind/ wann sie eben so groß/ als die/ so nahe bey uns/ erscheinen sollen/ vermittels der Kunst/ wie aus gegenüberstehender Figur zu ersehen/ müßen dazu eingerichtet werden. Wann der Architectus, Mahler oder Bildhauer von unten auf einige Sachen auf die andern setzen will/ und begehret/ daß selbige ingesamt/ das obere/ mittlere und untere/ dem Gesicht in gleicher Größe vorkommen und mit einander correspondiren sollen: so erwehle er zuvor den Ort oder Stand/ wohin der Thurn/ Colonna, Statua, Gemähl/ oder sonst andere Dinge von ornamenten/ Fenstern/ Buchstaben und dergleichen/ kommen sollen. Alsdann nehme er die Distanz des gemeldten Orts/ an welchem die Sach am bästen kan gesehen werden/ in fleißige obacht: alda sey die Höhe des Auges/ und werde das Centrum genannt. Von dannen ziehe er/ mit einem Cirkel/ den vierten Theil der Runde eines Cirkels/ als Lit. A bemerket. Auf selbiger Runde theile er ab/ mit Tüpfeln/ soviel gleiche Theile/ als viel deren sein Werk bedarf/ nach Größe des untersten Stuckes. Ferner ziehe er/ von dem Ort/ wo sein erstes Stuck unten stehet/ eine gerade Linie auf den ersten Punct seiner Austheilung und seines Centri: alsdann hat er die Größe des ersten Stuckes. Auf solche weise/ ziehe er/ von dem Auge/ wieder eine andere gerade Linie/ durch des Cirkels andern Punct/ gegen die Colonna hinan: wo alsdann diese Linie gegenstossen wird/ da ist des andern Stucks gerechte Höhe. Und also wiederhole er etlichmal den Zug der Linie/ durch des Cirkels Punct/ gegen die Colonna hinan: so wird es sich jedesmal um soviel vergrössern/ als es durch die Höhe verlieret. Auf solche weise kan der Architectus, Mahler oder Bildhauer/ mit allen Theilen verfahren: da sie ihme dann ingesamt in gleicher Größe erscheinen werden. Wo er diese Regel in fleißige obachtung nimmet/ so kan er/ in allen dergleichen Sachen/ die gerechteste Maß aufs bäste und bequemlichste finden.

Dergleichen sorgfältiger Warnemung/ haben[Spaltenumbruch] Exempel dessen/ an den Statuen von Alexander und Bucephalo, sich die Antichen fast in allen ihren Gebäuen bedienet: unter denen wir/ an statt eines Exempels/ anziehen die zwey Statuen und schöne Werke des großen Alexanders und seines Pferdes Bucephali in Marmolstein/ welche fast 4 mahl die Größe von eines lebendigen Manns Länge haben. Diese Statuen stehen zu Rom/ auf dem Berg Quirinal, unter freyem Himmel/aufgerichtet/ und sind von den beyden Griechen Phidia und Praxitele, gebildet. Ich habe dieselben/ als ich hinauf gestiegen/ genau abgemessen/ und befunden/ daß deren Häupter um soviel größer in proportion sind/ als viel sie durch deren große und hohe Distanz verlieren/ und also unsern Augen in gerechter Ebenmaß erscheinen. Eben dergleichen observanz fande ich an der verwunderlichen und der Colonna Trajani. Colonna Trajani, daran auswendig/ von unten bis oben hinauf/ die niemals-genugsam gepriesene Kriegs-Geschichten desselben Helden/ in Marmorstein von Basso rilievo gebildet stehen: da dann gleichfalls deren oberste Bilder um soviel größer gemachet sind/ als deren Höhe sie verkleinert/ und durch solches Mittel alle Bilder in einer Größe erscheinen. Solche und dergleichen reifliche Beobachtungen haben/ wie gemeldet/ alle verständige Kunst-Geister bey den Antichen wargenommen: denen hernachmals die gute Modernen fleissig nachgefolget/ nicht allein in Statuen/ sondern auch in gemahlten Tafeln. Dann auch diese/ wann sie weit und hoch von uns stehen und zu sehen/ müssen auf gleichmäßige Art/ wegen Ausbildung nach deren Proportion-Aufsatz oder Höhe/ gleich als ob an dem Ort selbst im Leben die Historien/ Contrafäte und dergleichen/ vorgestellet würden/ in acht genommen werden: und solches hat unter andern absonderlich Paulus Verones, in allen Dingen/ exemplarisch bewiesen. Also müßen/ Natur und Kunst/ immerzu zusammen gesellet/ nach Gelegenheit erforderender Ursachen/ die hülfreiche Hände einander bieten: damit die Proportion, in gerechter Consonanz, sowol in des Menschen Bild/ als auch in der Bau-Kunst/ herfür gebracht werde. Weßwegen dann/ bey der Perspectiv-Kunst/ wie solches in den Colonnen und andern correct nach den Regeln geschehen kan/ hievor eine Figur/ neben der ausführlichen Erzehlung/ beygefüget worden.

[Abbildung]
<TEI>
  <text xml:id="ta1675">
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div xml:id="d176.1">
            <pb facs="#f0286" xml:id="pb-190" n="[I, Buch 3 (Malerei), S. 99]"/>
            <cb/>
            <p xml:id="p190.1"><note place="right">Wie die Größe der auf einander gesetzten Dinge nach der Höhe zu finden?</note>Alle Dinge/ welche/ wie allbereit zum öftern gemeldet worden/ von unserm Gesicht abstehen/ pflegen in der Höhe um soviel sich zu verkleinern/ als deren <hi rendition="#aq">spatium</hi> der <hi rendition="#aq">Distanz</hi> in unserm Gesicht enthält. Deswegen alle Dinge/ die von uns entfernet sind/ wann sie eben so groß/ als die/ so nahe bey uns/ erscheinen sollen/ vermittels der Kunst/ wie aus gegenüberstehender Figur zu ersehen/ müßen dazu eingerichtet werden. Wann der <hi rendition="#aq">Architectus,</hi> Mahler oder Bildhauer von unten auf einige Sachen auf die andern setzen will/ und begehret/ daß selbige ingesamt/ das obere/ mittlere und untere/ dem Gesicht in gleicher Größe vorkommen und mit einander <hi rendition="#aq">correspondi</hi>ren sollen: so erwehle er zuvor den Ort oder Stand/ wohin der Thurn/ <hi rendition="#aq">Colonna, Statua,</hi> Gemähl/ oder sonst andere Dinge von <hi rendition="#aq">ornament</hi>en/ Fenstern/ Buchstaben und dergleichen/ kommen sollen. Alsdann nehme er die <hi rendition="#aq">Distanz</hi> des gemeldten Orts/ an welchem die Sach am bästen kan gesehen werden/ in fleißige obacht: alda sey die Höhe des Auges/ und werde das <hi rendition="#aq">Centrum</hi> genannt. Von dannen ziehe er/ mit einem Cirkel/ den vierten Theil der Runde eines Cirkels/ als <hi rendition="#aq">Lit. A</hi> bemerket. Auf selbiger Runde theile er ab/ mit Tüpfeln/ soviel gleiche Theile/ als viel deren sein Werk bedarf/ nach Größe des untersten Stuckes. Ferner ziehe er/ von dem Ort/ wo sein erstes Stuck unten stehet/ eine gerade Linie auf den ersten Punct seiner Austheilung und seines <hi rendition="#aq">Centri</hi>: alsdann hat er die Größe des ersten Stuckes. Auf solche weise/ ziehe er/ von dem Auge/ wieder eine andere gerade Linie/ durch des Cirkels andern Punct/ gegen die <hi rendition="#aq">Colonna</hi> hinan: wo alsdann diese Linie gegenstossen wird/ da ist des andern Stucks gerechte Höhe. Und also wiederhole er etlichmal den Zug der Linie/ durch des Cirkels Punct/ gegen die <hi rendition="#aq">Colonna</hi> hinan: so wird es sich jedesmal um soviel vergrössern/ als es durch die Höhe verlieret. Auf solche weise kan der <hi rendition="#aq">Architectus,</hi> Mahler oder Bildhauer/ mit allen Theilen verfahren: da sie ihme dann ingesamt in gleicher Größe erscheinen werden. Wo er diese Regel in fleißige obachtung nimmet/ so kan er/ in allen dergleichen Sachen/ die gerechteste Maß aufs bäste und bequemlichste finden.</p>
            <p xml:id="p190.2">Dergleichen sorgfältiger Warnemung/ haben<cb/>
<note place="right">Exempel dessen/ an den <name ref="http://ta.sandrart.net/-artwork-152 http://census.bbaw.de/easydb/censusID=150776" type="artificialWork"><hi rendition="#aq">Statu</hi>en von <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-118 http://d-nb.info/gnd/118501828 http://viaf.org/viaf/101353608">Alexander</persName> und <hi rendition="#aq"><persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-1046">Bucephalo</persName></hi></name>,</note> sich die <hi rendition="#aq">Antich</hi>en fast in allen ihren Gebäuen bedienet: unter denen <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-836">wir</persName>/ an statt eines Exempels/ anziehen <name ref="http://ta.sandrart.net/-artwork-152 http://census.bbaw.de/easydb/censusID=150776" type="artificialWork">die zwey <hi rendition="#aq">Statuen</hi> und schöne Werke <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-118 http://d-nb.info/gnd/118501828 http://viaf.org/viaf/101353608">des großen Alexanders</persName> und seines Pferdes <hi rendition="#aq"><persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-1046">Bucephali</persName></hi> in Marmolstein/ welche fast 4 mahl die Größe von eines lebendigen Manns Länge haben. Diese <hi rendition="#aq">Statu</hi>en stehen zu <placeName ref="http://ta.sandrart.net/-place-6 http://www.geonames.org/3169070/ http://www.getty.edu/vow/TGNFullDisplay?find=&amp;place=&amp;nation=&amp;subjectid=7000874">Rom</placeName>/ auf dem Berg <hi rendition="#aq"><placeName ref="http://ta.sandrart.net/-place-117 http://www.geonames.org/3169658/ http://www.getty.edu/vow/TGNFullDisplay?find=&amp;place=&amp;nation=&amp;subjectid=4012799">Quirinal</placeName>,</hi> unter freyem Himmel/aufgerichtet/ und sind von den beyden Griechen <hi rendition="#aq"><persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-122 http://d-nb.info/gnd/118593765 http://www.getty.edu/vow/ULANFullDisplay?find=&amp;role=&amp;nation=&amp;subjectid=500010586">Phidia</persName></hi> und <hi rendition="#aq"><persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-57 http://d-nb.info/gnd/118793241 http://www.getty.edu/vow/ULANFullDisplay?find=&amp;role=&amp;nation=&amp;subjectid=500010499">Praxitele</persName>,</hi> gebildet. <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-836">Ich</persName> habe dieselben/ als <persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-836">ich</persName> hinauf gestiegen/ genau abgemessen/ und befunden/ daß deren Häupter um soviel größer in <hi rendition="#aq">proportion</hi> sind/ als viel sie durch deren große und hohe <hi rendition="#aq">Distanz</hi> verlieren/ und also unsern Augen in gerechter Ebenmaß erscheinen</name>. Eben dergleichen <hi rendition="#aq">observanz</hi> fande ich an der verwunderlichen <note place="right">und der <name ref="http://ta.sandrart.net/-artwork-526 http://arachne.uni-koeln.de/item/bauwerk/2100089 http://census.bbaw.de/easydb/censusID=151057" type="artificialWork"><hi rendition="#aq"><placeName ref="http://ta.sandrart.net/-place-259 http://arachne.uni-koeln.de/item/bauwerk/2100089 http://census.bbaw.de/easydb/censusID=151057 http://www.geonames.org/6269260/">Colonna Trajani</placeName></hi></name>.</note> <name ref="http://ta.sandrart.net/-artwork-526 http://arachne.uni-koeln.de/item/bauwerk/2100089 http://census.bbaw.de/easydb/censusID=151057" type="artificialWork"><hi rendition="#aq"><placeName ref="http://ta.sandrart.net/-place-259 http://arachne.uni-koeln.de/item/bauwerk/2100089 http://census.bbaw.de/easydb/censusID=151057 http://www.geonames.org/6269260/">Colonna Trajani</placeName></hi></name>, daran auswendig/ von unten bis oben hinauf/ die niemals-genugsam gepriesene Kriegs-Geschichten desselben Helden/ in Marmorstein von <hi rendition="#aq">Basso rilievo</hi> gebildet stehen: da dann gleichfalls deren oberste Bilder um soviel größer gemachet sind/ als deren Höhe sie verkleinert/ und durch solches Mittel alle Bilder in einer Größe erscheinen. Solche und dergleichen reifliche Beobachtungen haben/ wie gemeldet/ alle verständige Kunst-Geister bey den <hi rendition="#aq">Antich</hi>en wargenommen: denen hernachmals die gute <hi rendition="#aq">Modern</hi>en fleissig nachgefolget/ nicht allein in <hi rendition="#aq">Statu</hi>en/ sondern auch in gemahlten Tafeln. Dann auch diese/ wann sie weit und hoch von uns stehen und zu sehen/ müssen auf gleichmäßige Art/ wegen Ausbildung nach deren <hi rendition="#aq">Proportion</hi>-Aufsatz oder Höhe/ gleich als ob an dem Ort selbst im Leben die Historien/ Contrafäte und dergleichen/ vorgestellet würden/ in acht genommen werden: und solches hat unter andern absonderlich <hi rendition="#aq"><persName ref="http://ta.sandrart.net/-person-1020 http://d-nb.info/gnd/118626647 http://www.getty.edu/vow/ULANFullDisplay?find=&amp;role=&amp;nation=&amp;subjectid=500021218 http://viaf.org/viaf/95162605">Paulus Verones</persName>,</hi> in allen Dingen/ exemplarisch bewiesen. Also müßen/ Natur und Kunst/ immerzu zusammen gesellet/ nach Gelegenheit erforderender Ursachen/ die hülfreiche Hände einander bieten: damit die <hi rendition="#aq">Proportion,</hi> in gerechter <hi rendition="#aq">Consonanz,</hi> sowol in des Menschen Bild/ als auch in der Bau-Kunst/ herfür gebracht werde. Weßwegen dann/ bey der <hi rendition="#aq">Perspectiv</hi>-Kunst/ wie solches in den <hi rendition="#aq">Colonn</hi>en und andern <hi rendition="#aq">correct</hi> nach den Regeln geschehen kan/ hievor eine Figur/ neben der ausführlichen Erzehlung/ beygefüget worden.</p>
            <figure rendition="#c" xml:id="figure-0190.1">
              <figure facs="figure-0190-1.jpg"/>
            </figure>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[I, Buch 3 (Malerei), S. 99]/0286] Alle Dinge/ welche/ wie allbereit zum öftern gemeldet worden/ von unserm Gesicht abstehen/ pflegen in der Höhe um soviel sich zu verkleinern/ als deren spatium der Distanz in unserm Gesicht enthält. Deswegen alle Dinge/ die von uns entfernet sind/ wann sie eben so groß/ als die/ so nahe bey uns/ erscheinen sollen/ vermittels der Kunst/ wie aus gegenüberstehender Figur zu ersehen/ müßen dazu eingerichtet werden. Wann der Architectus, Mahler oder Bildhauer von unten auf einige Sachen auf die andern setzen will/ und begehret/ daß selbige ingesamt/ das obere/ mittlere und untere/ dem Gesicht in gleicher Größe vorkommen und mit einander correspondiren sollen: so erwehle er zuvor den Ort oder Stand/ wohin der Thurn/ Colonna, Statua, Gemähl/ oder sonst andere Dinge von ornamenten/ Fenstern/ Buchstaben und dergleichen/ kommen sollen. Alsdann nehme er die Distanz des gemeldten Orts/ an welchem die Sach am bästen kan gesehen werden/ in fleißige obacht: alda sey die Höhe des Auges/ und werde das Centrum genannt. Von dannen ziehe er/ mit einem Cirkel/ den vierten Theil der Runde eines Cirkels/ als Lit. A bemerket. Auf selbiger Runde theile er ab/ mit Tüpfeln/ soviel gleiche Theile/ als viel deren sein Werk bedarf/ nach Größe des untersten Stuckes. Ferner ziehe er/ von dem Ort/ wo sein erstes Stuck unten stehet/ eine gerade Linie auf den ersten Punct seiner Austheilung und seines Centri: alsdann hat er die Größe des ersten Stuckes. Auf solche weise/ ziehe er/ von dem Auge/ wieder eine andere gerade Linie/ durch des Cirkels andern Punct/ gegen die Colonna hinan: wo alsdann diese Linie gegenstossen wird/ da ist des andern Stucks gerechte Höhe. Und also wiederhole er etlichmal den Zug der Linie/ durch des Cirkels Punct/ gegen die Colonna hinan: so wird es sich jedesmal um soviel vergrössern/ als es durch die Höhe verlieret. Auf solche weise kan der Architectus, Mahler oder Bildhauer/ mit allen Theilen verfahren: da sie ihme dann ingesamt in gleicher Größe erscheinen werden. Wo er diese Regel in fleißige obachtung nimmet/ so kan er/ in allen dergleichen Sachen/ die gerechteste Maß aufs bäste und bequemlichste finden. Wie die Größe der auf einander gesetzten Dinge nach der Höhe zu finden?Dergleichen sorgfältiger Warnemung/ haben sich die Antichen fast in allen ihren Gebäuen bedienet: unter denen wir/ an statt eines Exempels/ anziehen die zwey Statuen und schöne Werke des großen Alexanders und seines Pferdes Bucephali in Marmolstein/ welche fast 4 mahl die Größe von eines lebendigen Manns Länge haben. Diese Statuen stehen zu Rom/ auf dem Berg Quirinal, unter freyem Himmel/aufgerichtet/ und sind von den beyden Griechen Phidia und Praxitele, gebildet. Ich habe dieselben/ als ich hinauf gestiegen/ genau abgemessen/ und befunden/ daß deren Häupter um soviel größer in proportion sind/ als viel sie durch deren große und hohe Distanz verlieren/ und also unsern Augen in gerechter Ebenmaß erscheinen. Eben dergleichen observanz fande ich an der verwunderlichen Colonna Trajani, daran auswendig/ von unten bis oben hinauf/ die niemals-genugsam gepriesene Kriegs-Geschichten desselben Helden/ in Marmorstein von Basso rilievo gebildet stehen: da dann gleichfalls deren oberste Bilder um soviel größer gemachet sind/ als deren Höhe sie verkleinert/ und durch solches Mittel alle Bilder in einer Größe erscheinen. Solche und dergleichen reifliche Beobachtungen haben/ wie gemeldet/ alle verständige Kunst-Geister bey den Antichen wargenommen: denen hernachmals die gute Modernen fleissig nachgefolget/ nicht allein in Statuen/ sondern auch in gemahlten Tafeln. Dann auch diese/ wann sie weit und hoch von uns stehen und zu sehen/ müssen auf gleichmäßige Art/ wegen Ausbildung nach deren Proportion-Aufsatz oder Höhe/ gleich als ob an dem Ort selbst im Leben die Historien/ Contrafäte und dergleichen/ vorgestellet würden/ in acht genommen werden: und solches hat unter andern absonderlich Paulus Verones, in allen Dingen/ exemplarisch bewiesen. Also müßen/ Natur und Kunst/ immerzu zusammen gesellet/ nach Gelegenheit erforderender Ursachen/ die hülfreiche Hände einander bieten: damit die Proportion, in gerechter Consonanz, sowol in des Menschen Bild/ als auch in der Bau-Kunst/ herfür gebracht werde. Weßwegen dann/ bey der Perspectiv-Kunst/ wie solches in den Colonnen und andern correct nach den Regeln geschehen kan/ hievor eine Figur/ neben der ausführlichen Erzehlung/ beygefüget worden. Exempel dessen/ an den Statuen von Alexander und Bucephalo, und der Colonna Trajani. [Abbildung [Abbildung] ]

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Sandrart.net: Bereitstellung der Texttranskription in XML/TEI. (2013-05-21T09:54:31Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme aus sandrart.net entsprechen muss.
Sandrart.net: Bereitstellung der Bilddigitalisate. (2013-05-21T09:54:31Z)
Frederike Neuber: Konvertierung nach XML/TEI gemäß DTA-Basisformat. (2013-05-21T09:54:31Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Der Zeilenfall wurde nicht übernommen.
  • Bei Worttrennungen am Spalten- oder Seitenumbruch, steht das gesamte Wort auf der vorhergehenden Spalte bzw. Seite.
  • Langes s (ſ) wird als rundes s (s) wiedergegeben.
  • Übergeschriebenes „e“ über „a“, „o“ und „u“ wird als „ä“, „ö“, „ü“ transkribiert.
  • Rundes r (ꝛ) wird als normales r (r) wiedergegeben bzw. in der Kombination ꝛc. als et (etc.) aufgelöst.
  • Die Majuskel J im Frakturdruck wird in der Transkription je nach Lautwert als I bzw. J wiedergegeben.
  • Kolumnentitel, Bogensignaturen und Kustoden werden nicht erfasst.



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/sandrart_academie0101_1675
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/sandrart_academie0101_1675/286
Zitationshilfe: Sandrart, Joachim von: L’Academia Todesca. della Architectura, Scultura & Pittura: Oder Teutsche Academie der Edlen Bau- Bild- und Mahlerey-Künste. Bd. 1,1. Nürnberg, 1675, S. [I, Buch 3 (Malerei), S. 99]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/sandrart_academie0101_1675/286>, abgerufen am 12.07.2024.