Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Schleiden, Matthias Jacob: Die Pflanze und ihr Leben. Leipzig, 1848.

Bild:
<< vorherige Seite

Pflanze und finden wir, daß wir diese Stoffe niemals so combiniren
können, daß sie nicht bei Weitem mehr Sauerstoff enthalten, als die
in den Pflanzen vorkommenden Substanzen, so muß nothwendig bei
dem Lebensprocesse der Pflanze beständig Sauerstoffgas frei und aus-
geschieden werden.

So erhalten wir als Endresultat unserer Betrachtungen folgende
großartige Ansicht von dem Stoffwechsel in den drei Reichen der Na-
tur. Die Verwesung und der Athmungsproceß lösen alle Pflanzen-
und Thierstoffe, indem der Sauerstoff der Atmosphäre vermindert
wird, in Kohlensäure, Ammoniak und Wasser auf, welche sich in der
Atmosphäre verbreiten. Dieser Stoffe bemächtigt sich die Pflanze und
bildet daraus unter beständiger Vermehrung des Sauerstoffs der At-
mosphäre kohlenstoff- und wasserstoffreiche und stickstofffreie Bestand-
theile: Stärke, Gummi, Zucker und Fettarten, und stickstoffreiche Be-
standtheile: Eiweiß, Faserstoff und Käsestoff. Diese Bestandtheile
dienen dem Thiere, indem es aus Letztern seinen Körper baut und die
Ersten im Respirationsprocesse zur Erhaltung der nöthigen Wärme
verbrennt. Diese Theorie steht nach den angeführten Thatsachen jetzt
unerschütterlich fest und der Naturforscher hat allerdings Recht, wenn
er sagt, daß der Mensch durch die Vermittelung der Pflanzen in letzter
Instanz von der Luft lebt. Oder drücken wir es vielmehr so aus:
aus der Atmosphäre sammelt die Pflanze die Stoffe, aus denen sie
die Nahrung des Menschen zusammensetzt. Das Leben selbst aber ist
nur ein Verbrennungsproceß, die Verwesung nur der letzte Abschluß
desselben. Durch diese Verbrennung kehren alle Bestandtheile wieder
in die Luft zurück und nur eine geringe Menge Asche bleibt der Erde,
der sie entstammt. Aber aus diesen langsamen, unsichtbaren Flammen
erhebt sich ein neugeborner Phönix, die unsterbliche Seele, in Regio-
nen, wo unsere Naturwissenschaft keine Geltung mehr hat.


Pflanze und finden wir, daß wir dieſe Stoffe niemals ſo combiniren
können, daß ſie nicht bei Weitem mehr Sauerſtoff enthalten, als die
in den Pflanzen vorkommenden Subſtanzen, ſo muß nothwendig bei
dem Lebensproceſſe der Pflanze beſtändig Sauerſtoffgas frei und aus-
geſchieden werden.

So erhalten wir als Endreſultat unſerer Betrachtungen folgende
großartige Anſicht von dem Stoffwechſel in den drei Reichen der Na-
tur. Die Verweſung und der Athmungsproceß löſen alle Pflanzen-
und Thierſtoffe, indem der Sauerſtoff der Atmoſphäre vermindert
wird, in Kohlenſäure, Ammoniak und Waſſer auf, welche ſich in der
Atmoſphäre verbreiten. Dieſer Stoffe bemächtigt ſich die Pflanze und
bildet daraus unter beſtändiger Vermehrung des Sauerſtoffs der At-
moſphäre kohlenſtoff- und waſſerſtoffreiche und ſtickſtofffreie Beſtand-
theile: Stärke, Gummi, Zucker und Fettarten, und ſtickſtoffreiche Be-
ſtandtheile: Eiweiß, Faſerſtoff und Käſeſtoff. Dieſe Beſtandtheile
dienen dem Thiere, indem es aus Letztern ſeinen Körper baut und die
Erſten im Reſpirationsproceſſe zur Erhaltung der nöthigen Wärme
verbrennt. Dieſe Theorie ſteht nach den angeführten Thatſachen jetzt
unerſchütterlich feſt und der Naturforſcher hat allerdings Recht, wenn
er ſagt, daß der Menſch durch die Vermittelung der Pflanzen in letzter
Inſtanz von der Luft lebt. Oder drücken wir es vielmehr ſo aus:
aus der Atmoſphäre ſammelt die Pflanze die Stoffe, aus denen ſie
die Nahrung des Menſchen zuſammenſetzt. Das Leben ſelbſt aber iſt
nur ein Verbrennungsproceß, die Verweſung nur der letzte Abſchluß
deſſelben. Durch dieſe Verbrennung kehren alle Beſtandtheile wieder
in die Luft zurück und nur eine geringe Menge Aſche bleibt der Erde,
der ſie entſtammt. Aber aus dieſen langſamen, unſichtbaren Flammen
erhebt ſich ein neugeborner Phönix, die unſterbliche Seele, in Regio-
nen, wo unſere Naturwiſſenſchaft keine Geltung mehr hat.


<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0160" n="144"/>
Pflanze und finden wir, daß wir die&#x017F;e Stoffe niemals &#x017F;o combiniren<lb/>
können, daß &#x017F;ie nicht bei Weitem mehr Sauer&#x017F;toff enthalten, als die<lb/>
in den Pflanzen vorkommenden Sub&#x017F;tanzen, &#x017F;o muß nothwendig bei<lb/>
dem Lebensproce&#x017F;&#x017F;e der Pflanze be&#x017F;tändig Sauer&#x017F;toffgas frei und aus-<lb/>
ge&#x017F;chieden werden.</p><lb/>
          <p>So erhalten wir als Endre&#x017F;ultat un&#x017F;erer Betrachtungen folgende<lb/>
großartige An&#x017F;icht von dem Stoffwech&#x017F;el in den drei Reichen der Na-<lb/>
tur. Die Verwe&#x017F;ung und der Athmungsproceß lö&#x017F;en alle Pflanzen-<lb/>
und Thier&#x017F;toffe, indem der Sauer&#x017F;toff der Atmo&#x017F;phäre vermindert<lb/>
wird, in Kohlen&#x017F;äure, Ammoniak und Wa&#x017F;&#x017F;er auf, welche &#x017F;ich in der<lb/>
Atmo&#x017F;phäre verbreiten. Die&#x017F;er Stoffe bemächtigt &#x017F;ich die Pflanze und<lb/>
bildet daraus unter be&#x017F;tändiger Vermehrung des Sauer&#x017F;toffs der At-<lb/>
mo&#x017F;phäre kohlen&#x017F;toff- und wa&#x017F;&#x017F;er&#x017F;toffreiche und &#x017F;tick&#x017F;tofffreie Be&#x017F;tand-<lb/>
theile: Stärke, Gummi, Zucker und Fettarten, und &#x017F;tick&#x017F;toffreiche Be-<lb/>
&#x017F;tandtheile: Eiweiß, Fa&#x017F;er&#x017F;toff und Kä&#x017F;e&#x017F;toff. Die&#x017F;e Be&#x017F;tandtheile<lb/>
dienen dem Thiere, indem es aus Letztern &#x017F;einen Körper baut und die<lb/>
Er&#x017F;ten im Re&#x017F;pirationsproce&#x017F;&#x017F;e zur Erhaltung der nöthigen Wärme<lb/>
verbrennt. Die&#x017F;e Theorie &#x017F;teht nach den angeführten That&#x017F;achen jetzt<lb/>
uner&#x017F;chütterlich fe&#x017F;t und der Naturfor&#x017F;cher hat allerdings Recht, wenn<lb/>
er &#x017F;agt, daß der Men&#x017F;ch durch die Vermittelung der Pflanzen in letzter<lb/>
In&#x017F;tanz von der Luft lebt. Oder drücken wir es vielmehr &#x017F;o aus:<lb/>
aus der Atmo&#x017F;phäre &#x017F;ammelt die Pflanze die Stoffe, aus denen &#x017F;ie<lb/>
die Nahrung des Men&#x017F;chen zu&#x017F;ammen&#x017F;etzt. Das Leben &#x017F;elb&#x017F;t aber i&#x017F;t<lb/>
nur ein Verbrennungsproceß, die Verwe&#x017F;ung nur der letzte Ab&#x017F;chluß<lb/>
de&#x017F;&#x017F;elben. Durch die&#x017F;e Verbrennung kehren alle Be&#x017F;tandtheile wieder<lb/>
in die Luft zurück und nur eine geringe Menge A&#x017F;che bleibt der Erde,<lb/>
der &#x017F;ie ent&#x017F;tammt. Aber aus die&#x017F;en lang&#x017F;amen, un&#x017F;ichtbaren Flammen<lb/>
erhebt &#x017F;ich ein neugeborner Phönix, die un&#x017F;terbliche Seele, in Regio-<lb/>
nen, wo un&#x017F;ere Naturwi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft keine Geltung mehr hat.</p>
        </div>
      </div><lb/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
    </body>
  </text>
</TEI>
[144/0160] Pflanze und finden wir, daß wir dieſe Stoffe niemals ſo combiniren können, daß ſie nicht bei Weitem mehr Sauerſtoff enthalten, als die in den Pflanzen vorkommenden Subſtanzen, ſo muß nothwendig bei dem Lebensproceſſe der Pflanze beſtändig Sauerſtoffgas frei und aus- geſchieden werden. So erhalten wir als Endreſultat unſerer Betrachtungen folgende großartige Anſicht von dem Stoffwechſel in den drei Reichen der Na- tur. Die Verweſung und der Athmungsproceß löſen alle Pflanzen- und Thierſtoffe, indem der Sauerſtoff der Atmoſphäre vermindert wird, in Kohlenſäure, Ammoniak und Waſſer auf, welche ſich in der Atmoſphäre verbreiten. Dieſer Stoffe bemächtigt ſich die Pflanze und bildet daraus unter beſtändiger Vermehrung des Sauerſtoffs der At- moſphäre kohlenſtoff- und waſſerſtoffreiche und ſtickſtofffreie Beſtand- theile: Stärke, Gummi, Zucker und Fettarten, und ſtickſtoffreiche Be- ſtandtheile: Eiweiß, Faſerſtoff und Käſeſtoff. Dieſe Beſtandtheile dienen dem Thiere, indem es aus Letztern ſeinen Körper baut und die Erſten im Reſpirationsproceſſe zur Erhaltung der nöthigen Wärme verbrennt. Dieſe Theorie ſteht nach den angeführten Thatſachen jetzt unerſchütterlich feſt und der Naturforſcher hat allerdings Recht, wenn er ſagt, daß der Menſch durch die Vermittelung der Pflanzen in letzter Inſtanz von der Luft lebt. Oder drücken wir es vielmehr ſo aus: aus der Atmoſphäre ſammelt die Pflanze die Stoffe, aus denen ſie die Nahrung des Menſchen zuſammenſetzt. Das Leben ſelbſt aber iſt nur ein Verbrennungsproceß, die Verweſung nur der letzte Abſchluß deſſelben. Durch dieſe Verbrennung kehren alle Beſtandtheile wieder in die Luft zurück und nur eine geringe Menge Aſche bleibt der Erde, der ſie entſtammt. Aber aus dieſen langſamen, unſichtbaren Flammen erhebt ſich ein neugeborner Phönix, die unſterbliche Seele, in Regio- nen, wo unſere Naturwiſſenſchaft keine Geltung mehr hat.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/schleiden_pflanze_1848
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/schleiden_pflanze_1848/160
Zitationshilfe: Schleiden, Matthias Jacob: Die Pflanze und ihr Leben. Leipzig, 1848, S. 144. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schleiden_pflanze_1848/160>, abgerufen am 02.08.2021.