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Schmidt, Erich: Gedächtnissrede auf Karl Weinhold. Berlin, 1902.

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Gedächtnissrede auf Karl Weinhold. 13


nach den letzten Gründen des Lautwandels aufwarf: "Wer von allen
Dialektforschern reicht in diese Tiefe? Unter den Lebenden darf sich
keiner rühmen, so viel für die Grammatik der Mundarten gethan zu
haben wie Weinhold. Aber niemals ist er in einseitige Beschränkung
gefallen".
Von den Mühen am Torso der deutschen Dialekte, dem nach den
oberdeutschen kein mitteldeutscher, kein niederdeutscher, aber eine zu-
sammenfassende mittelhochdeutsche Grammatik gefolgt ist, erholte Wein-
hold sich durch mancherlei, auch den Kielern besonders dargebrachte
Nebenarbeiten, durch die lexikalische Gabe zum Jubiläum seines Vaters,
die Vulfila's Wortschatz im Dienste des Christenthums zeigte, besonders
durch eifrige Versenkung in neuere Litteratur. Er empfing werthvolles
Material zu einem Buch über Boie, den Begründer des Almanachs und
des Deutschen Museums. Der wunderliche Schönborn trat in neue helle
Beleuchtung. Ein Anreiz des Gegensatzes, den D. F. Strauss als Biograph
einmal offen bekennt, war vielleicht im Spiele, wenn zuchtlose Stürmer
und Dränger, Sprickmann, der Maler Müller, Klinger, Lenz, neben zarten
vornehmen Naturen wie F. H. Jacobi, neben Goethe's gebändigter Geniekraft
Weinhold zu eindringlichem, fruchtbarem Studium anzogen. Lenzens wirren
dramatischen Nachlass und seine schlacken-, doch auch goldreiche Lyrik
hat er auf's sorgfältigste herausgegeben und erläutert, die Vita freilich im
Gedränge nimmermüder anderer Altersarbeit nicht ausführen können, aber
den ihm vertrauensvoll geschenkten, beständig gemehrten Stoffmassen eine
sichere Stätte mit derselben fürsorglichen Liberalität angewiesen, die seinen
aufopfernden Eifer für die Volkskunde über's Grab hinaus erstreckt. Ge-
lassen übte Weinhold, Vieles aufarbeitend, ein paar Haupttheile seiner
handschriftlichen Schätze der Zukunft widmend, Anderes vernichtend, eine
testamentarische Thätigkeit.
Im Abendschein ist Karl Weinhold unsrer Akademie beigetreten und
hat ihr elf Jahre lang gedient, ohne jemals auszuspannen oder vom guten
Altersrecht auf Erleichterung der Pflichten den geringsten Gebrauch zu
machen. Sein Schritt blieb rasch und elastisch, die schlanke Gestalt und
das edel geschnittene Antlitz frei von greisenhaftem Verfall. "Beschäftigung,
die nie ermattet," hielt ihn aufrecht. Wenn ihm gleich andern Veteranen,
besonders in der Kieler und der Breslauer Epoche, so manches an den
jüngeren Geschlechtern von Germanisten triftig oder untriftig missfiel, wenn


Gedächtniſsrede auf Karl Weinhold. 13


nach den letzten Gründen des Lautwandels aufwarf: »Wer von allen
Dialektforschern reicht in diese Tiefe? Unter den Lebenden darf sich
keiner rühmen, so viel für die Grammatik der Mundarten gethan zu
haben wie Weinhold. Aber niemals ist er in einseitige Beschränkung
gefallen«.
Von den Mühen am Torso der deutschen Dialekte, dem nach den
oberdeutschen kein mitteldeutscher, kein niederdeutscher, aber eine zu-
sammenfassende mittelhochdeutsche Grammatik gefolgt ist, erholte Wein-
hold sich durch mancherlei, auch den Kielern besonders dargebrachte
Nebenarbeiten, durch die lexikalische Gabe zum Jubiläum seines Vaters,
die Vulfila’s Wortschatz im Dienste des Christenthums zeigte, besonders
durch eifrige Versenkung in neuere Litteratur. Er empfing werthvolles
Material zu einem Buch über Boie, den Begründer des Almanachs und
des Deutschen Museums. Der wunderliche Schönborn trat in neue helle
Beleuchtung. Ein Anreiz des Gegensatzes, den D. F. Strauſs als Biograph
einmal offen bekennt, war vielleicht im Spiele, wenn zuchtlose Stürmer
und Dränger, Sprickmann, der Maler Müller, Klinger, Lenz, neben zarten
vornehmen Naturen wie F. H. Jacobi, neben Goethe’s gebändigter Geniekraft
Weinhold zu eindringlichem, fruchtbarem Studium anzogen. Lenzens wirren
dramatischen Nachlaſs und seine schlacken-, doch auch goldreiche Lyrik
hat er auf’s sorgfältigste herausgegeben und erläutert, die Vita freilich im
Gedränge nimmermüder anderer Altersarbeit nicht ausführen können, aber
den ihm vertrauensvoll geschenkten, beständig gemehrten Stoffmassen eine
sichere Stätte mit derselben fürsorglichen Liberalität angewiesen, die seinen
aufopfernden Eifer für die Volkskunde über’s Grab hinaus erstreckt. Ge-
lassen übte Weinhold, Vieles aufarbeitend, ein paar Haupttheile seiner
handschriftlichen Schätze der Zukunft widmend, Anderes vernichtend, eine
testamentarische Thätigkeit.
Im Abendschein ist Karl Weinhold unsrer Akademie beigetreten und
hat ihr elf Jahre lang gedient, ohne jemals auszuspannen oder vom guten
Altersrecht auf Erleichterung der Pflichten den geringsten Gebrauch zu
machen. Sein Schritt blieb rasch und elastisch, die schlanke Gestalt und
das edel geschnittene Antlitz frei von greisenhaftem Verfall. »Beschäftigung,
die nie ermattet,« hielt ihn aufrecht. Wenn ihm gleich andern Veteranen,
besonders in der Kieler und der Breslauer Epoche, so manches an den
jüngeren Geschlechtern von Germanisten triftig oder untriftig miſsfiel, wenn

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[15/0015] Gedächtniſsrede auf Karl Weinhold. 13 nach den letzten Gründen des Lautwandels aufwarf: »Wer von allen Dialektforschern reicht in diese Tiefe? Unter den Lebenden darf sich keiner rühmen, so viel für die Grammatik der Mundarten gethan zu haben wie Weinhold. Aber niemals ist er in einseitige Beschränkung gefallen«. Von den Mühen am Torso der deutschen Dialekte, dem nach den oberdeutschen kein mitteldeutscher, kein niederdeutscher, aber eine zu- sammenfassende mittelhochdeutsche Grammatik gefolgt ist, erholte Wein- hold sich durch mancherlei, auch den Kielern besonders dargebrachte Nebenarbeiten, durch die lexikalische Gabe zum Jubiläum seines Vaters, die Vulfila’s Wortschatz im Dienste des Christenthums zeigte, besonders durch eifrige Versenkung in neuere Litteratur. Er empfing werthvolles Material zu einem Buch über Boie, den Begründer des Almanachs und des Deutschen Museums. Der wunderliche Schönborn trat in neue helle Beleuchtung. Ein Anreiz des Gegensatzes, den D. F. Strauſs als Biograph einmal offen bekennt, war vielleicht im Spiele, wenn zuchtlose Stürmer und Dränger, Sprickmann, der Maler Müller, Klinger, Lenz, neben zarten vornehmen Naturen wie F. H. Jacobi, neben Goethe’s gebändigter Geniekraft Weinhold zu eindringlichem, fruchtbarem Studium anzogen. Lenzens wirren dramatischen Nachlaſs und seine schlacken-, doch auch goldreiche Lyrik hat er auf’s sorgfältigste herausgegeben und erläutert, die Vita freilich im Gedränge nimmermüder anderer Altersarbeit nicht ausführen können, aber den ihm vertrauensvoll geschenkten, beständig gemehrten Stoffmassen eine sichere Stätte mit derselben fürsorglichen Liberalität angewiesen, die seinen aufopfernden Eifer für die Volkskunde über’s Grab hinaus erstreckt. Ge- lassen übte Weinhold, Vieles aufarbeitend, ein paar Haupttheile seiner handschriftlichen Schätze der Zukunft widmend, Anderes vernichtend, eine testamentarische Thätigkeit. Im Abendschein ist Karl Weinhold unsrer Akademie beigetreten und hat ihr elf Jahre lang gedient, ohne jemals auszuspannen oder vom guten Altersrecht auf Erleichterung der Pflichten den geringsten Gebrauch zu machen. Sein Schritt blieb rasch und elastisch, die schlanke Gestalt und das edel geschnittene Antlitz frei von greisenhaftem Verfall. »Beschäftigung, die nie ermattet,« hielt ihn aufrecht. Wenn ihm gleich andern Veteranen, besonders in der Kieler und der Breslauer Epoche, so manches an den jüngeren Geschlechtern von Germanisten triftig oder untriftig miſsfiel, wenn

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Zitationshilfe: Schmidt, Erich: Gedächtnissrede auf Karl Weinhold. Berlin, 1902, S. 15. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schmidt_weinhold_1902/15>, abgerufen am 24.04.2024.