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Stein, Lorenz von: Die Verwaltungslehre. Bd. 2 (2,1). Stuttgart, 1866.

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alles andere überragende Thatsache entgegen. Auf allen Punkten
arbeitet die Welt dahin, die niedere Classe durch ein immer steigen-
des Maß von Opfern zu heben, die sie den höheren auferlegt; und
wunderbar, diese Opfer, die die letztere bringt, werden in ihrer
Hand zuletzt zu einem Segen und Genuß für sie selber. Am
Horizont unseres menschlichen Gesammtbewußtseins steigt die, noch
unklare, noch durch rohe Interessen und sinnverwirrte Auffassung
verkehrte, und dennoch der Gottheit entstammende Erkenntniß her-
auf, daß die erste Bedingung alles irdischen Glückes und aller
menschlichen Vollendung des Einzelnen das Glück und die Voll-
endung des Anderen
sei. Wir wagen das nicht zu läugnen,
aber wir wagen das auch noch nicht zu wissen. Und während
wir, alle Einzelne, zaudernd und unsicher vor dieser Erkenntniß
stehen, geht jene Wahrheit ruhig, im Kleinen und Nächsten zu-
nächst arbeitend, ihren mächtigen Gang. Sie baut Schulen für
die niedere Classe, sie errichtet Krankenhäuser, sie stiftet Vereine,
sie fordert für sie Kredit und Hülfe, sie sorgt für ihre Gesundheit,
sie lichtet ihre Häuser, sie pflanzt ihre Gärten, sie gibt Wasser,
sie gibt Brod, sie ruft alle Besitzenden herbei zur Theilnahme an
allem Veredelnden, Bildenden, Erhebenden, sie macht die Eine
Classe verantwortlich für die ruhige aber sichere Entwicklung und
Hebung der andern, und was wir als die höchste christliche Pflicht
verehren, die thätige Liebe des Einen für den Andern, das erhebt
sie mit oder ohne klar formulirtes Bewußtsein zunächst im Namen
des Interesses zur Pflicht der gesellschaftlichen Ordnung. Und
der große Organismus, durch den sie diese Pflicht erfüllt, und der
unablässig thätig ist in allen seinen Organen, das ist die Ver-
waltung
. Wollt ihr die Erde kennen, so löst ihr den Stein
und das Wasser im kleinsten Naume in ihre elementaren Bestand-
standtheile auf, und schaut die gewaltigen Kräfte in den Atomen
wirkend an. Wollt ihr die Verwaltung kennen, wie sie jetzt her-
vorgeht aus dem höheren Leben, dem wir alle unterworfen sind,
so thut für sie dasselbe; nehmt Eine Verwaltungsmaßregel, und
löst sie auf in ihre Gründe, ihre Objekte und ihr letztes Ziel, und
ihr werdet den unwiderstehlichen Gang der Bewegung im kleinsten
Körper und seiner Geschichte verstehen. Eine Verwaltung, wie sie
jetzt nun fast unter unsern Händen entsteht, war niemals da in

alles andere überragende Thatſache entgegen. Auf allen Punkten
arbeitet die Welt dahin, die niedere Claſſe durch ein immer ſteigen-
des Maß von Opfern zu heben, die ſie den höheren auferlegt; und
wunderbar, dieſe Opfer, die die letztere bringt, werden in ihrer
Hand zuletzt zu einem Segen und Genuß für ſie ſelber. Am
Horizont unſeres menſchlichen Geſammtbewußtſeins ſteigt die, noch
unklare, noch durch rohe Intereſſen und ſinnverwirrte Auffaſſung
verkehrte, und dennoch der Gottheit entſtammende Erkenntniß her-
auf, daß die erſte Bedingung alles irdiſchen Glückes und aller
menſchlichen Vollendung des Einzelnen das Glück und die Voll-
endung des Anderen
ſei. Wir wagen das nicht zu läugnen,
aber wir wagen das auch noch nicht zu wiſſen. Und während
wir, alle Einzelne, zaudernd und unſicher vor dieſer Erkenntniß
ſtehen, geht jene Wahrheit ruhig, im Kleinen und Nächſten zu-
nächſt arbeitend, ihren mächtigen Gang. Sie baut Schulen für
die niedere Claſſe, ſie errichtet Krankenhäuſer, ſie ſtiftet Vereine,
ſie fordert für ſie Kredit und Hülfe, ſie ſorgt für ihre Geſundheit,
ſie lichtet ihre Häuſer, ſie pflanzt ihre Gärten, ſie gibt Waſſer,
ſie gibt Brod, ſie ruft alle Beſitzenden herbei zur Theilnahme an
allem Veredelnden, Bildenden, Erhebenden, ſie macht die Eine
Claſſe verantwortlich für die ruhige aber ſichere Entwicklung und
Hebung der andern, und was wir als die höchſte chriſtliche Pflicht
verehren, die thätige Liebe des Einen für den Andern, das erhebt
ſie mit oder ohne klar formulirtes Bewußtſein zunächſt im Namen
des Intereſſes zur Pflicht der geſellſchaftlichen Ordnung. Und
der große Organismus, durch den ſie dieſe Pflicht erfüllt, und der
unabläſſig thätig iſt in allen ſeinen Organen, das iſt die Ver-
waltung
. Wollt ihr die Erde kennen, ſo löſt ihr den Stein
und das Waſſer im kleinſten Naume in ihre elementaren Beſtand-
ſtandtheile auf, und ſchaut die gewaltigen Kräfte in den Atomen
wirkend an. Wollt ihr die Verwaltung kennen, wie ſie jetzt her-
vorgeht aus dem höheren Leben, dem wir alle unterworfen ſind,
ſo thut für ſie daſſelbe; nehmt Eine Verwaltungsmaßregel, und
löſt ſie auf in ihre Gründe, ihre Objekte und ihr letztes Ziel, und
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Zitationshilfe: Stein, Lorenz von: Die Verwaltungslehre. Bd. 2 (2,1). Stuttgart, 1866, S. VII. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/stein_verwaltungslehre02_1866/13>, abgerufen am 13.04.2024.