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Storm, Theodor: Bötjer Basch. Berlin, 1887.

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Schwester in ihrem Schlafstübchen oben von der Wirthschaftsarbeit geruht und in dem Giebelfenster ihre Ableger für das untere Blumenfenster gezogen haben, als sie eines Tages zu ihrem Bruder sprach: "Daniel, Du bist erst fünfzig; ich aber, Euere Älteste, habe bald die Siebenzig, ich kann nicht mehr die schweren Wassereimer schleppen, und das viele Kartoffelschälen vertrag' ich auch nicht mehr."

Daniel Basch, der im Schurzfell vor ihr stand, wurde ganz bestürzt. "Hmm," sagte er, "wie meinst Du? Eine Magd? Es ist schon richtig, etwas wackelig wirst Du aussehn!" Und er betrachtete sorgvoll das gute runzelvolle Angesicht; zugleich aber hub er im Stillen an zu rechnen, ob das Handwerk es wohl abwerfen möge, zu der Alten noch eine junge Magd ins Haus zu nehmen.

"Nein, Daniel," sagte die Schwester lächelnd, "laß nur das Calculiren: die alte Frauke Michels in St. Jürgen ist gestorben, ihre Kammer ist leer, und die Herren werden mich wohl hineinnehmen,

Schwester in ihrem Schlafstübchen oben von der Wirthschaftsarbeit geruht und in dem Giebelfenster ihre Ableger für das untere Blumenfenster gezogen haben, als sie eines Tages zu ihrem Bruder sprach: „Daniel, Du bist erst fünfzig; ich aber, Euere Älteste, habe bald die Siebenzig, ich kann nicht mehr die schweren Wassereimer schleppen, und das viele Kartoffelschälen vertrag’ ich auch nicht mehr.“

Daniel Basch, der im Schurzfell vor ihr stand, wurde ganz bestürzt. „Hmm,“ sagte er, „wie meinst Du? Eine Magd? Es ist schon richtig, etwas wackelig wirst Du aussehn!“ Und er betrachtete sorgvoll das gute runzelvolle Angesicht; zugleich aber hub er im Stillen an zu rechnen, ob das Handwerk es wohl abwerfen möge, zu der Alten noch eine junge Magd ins Haus zu nehmen.

„Nein, Daniel,“ sagte die Schwester lächelnd, „laß nur das Calculiren: die alte Frauke Michels in St. Jürgen ist gestorben, ihre Kammer ist leer, und die Herren werden mich wohl hineinnehmen,

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[8/0008] Schwester in ihrem Schlafstübchen oben von der Wirthschaftsarbeit geruht und in dem Giebelfenster ihre Ableger für das untere Blumenfenster gezogen haben, als sie eines Tages zu ihrem Bruder sprach: „Daniel, Du bist erst fünfzig; ich aber, Euere Älteste, habe bald die Siebenzig, ich kann nicht mehr die schweren Wassereimer schleppen, und das viele Kartoffelschälen vertrag’ ich auch nicht mehr.“ Daniel Basch, der im Schurzfell vor ihr stand, wurde ganz bestürzt. „Hmm,“ sagte er, „wie meinst Du? Eine Magd? Es ist schon richtig, etwas wackelig wirst Du aussehn!“ Und er betrachtete sorgvoll das gute runzelvolle Angesicht; zugleich aber hub er im Stillen an zu rechnen, ob das Handwerk es wohl abwerfen möge, zu der Alten noch eine junge Magd ins Haus zu nehmen. „Nein, Daniel,“ sagte die Schwester lächelnd, „laß nur das Calculiren: die alte Frauke Michels in St. Jürgen ist gestorben, ihre Kammer ist leer, und die Herren werden mich wohl hineinnehmen,

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Zitationshilfe: Storm, Theodor: Bötjer Basch. Berlin, 1887, S. 8. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/storm_basch_1887/8>, abgerufen am 25.07.2024.