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Tieck, Ludwig: William Lovell. Bd. 2. Berlin u. a., 1796.

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frisch macht: nicht solche Erscheinungen, Tho-
mas, die bei uns manche närrische Leute haben;
so eine sanfte, stille Wärme, wie das erste Thau-
wetter im Frühjahr. -- Darum könnt ich mich
auch immer noch trösten, wenn das ganze Un-
glück nicht grade meinen Herrn beträfe, den ich
so ausserordentlich von ganzer Seele lieb habe,
daß ich für ihn sterben könnte, wenn es seyn
müßte; aber er macht sich aus dieser Liebe gar
nichts mehr: ich würde gegen einen Hund, der
aus meiner Hand lieber, als von einem andern
sein Stückchen Brod äße, mehr Andächtigkeit
haben. Die Mädchen und Weiber hier mit ih-
rem gezierten und hochfahrenden Wesen sind
ihm lieber, so ein Herr Rosa, der nicht an Gott
und Ewigkeit glaubt, ist sein Herzensfreund,
solche Leute, die ihren Verstand für thurmgroß
halten, wenn sie den Himmel mit allen seinen
Sternen nicht sehen wollen, und sich einbilden,
sie könnten dies alles auch so und noch besser
machen, wenn sie nur Zeit und Handwerkszeug
hätten. Gott mag ihnen vergeben und ein Ein-
sehn in ihre Narrheit haben; die Hunde bellen
den Mond an, und wenn der Mond so denkt
wie ich, so nimmt er es ihnen gewiß nicht übel.


friſch macht: nicht ſolche Erſcheinungen, Tho-
mas, die bei uns manche naͤrriſche Leute haben;
ſo eine ſanfte, ſtille Waͤrme, wie das erſte Thau-
wetter im Fruͤhjahr. — Darum koͤnnt ich mich
auch immer noch troͤſten, wenn das ganze Un-
gluͤck nicht grade meinen Herrn betraͤfe, den ich
ſo auſſerordentlich von ganzer Seele lieb habe,
daß ich fuͤr ihn ſterben koͤnnte, wenn es ſeyn
muͤßte; aber er macht ſich aus dieſer Liebe gar
nichts mehr: ich wuͤrde gegen einen Hund, der
aus meiner Hand lieber, als von einem andern
ſein Stuͤckchen Brod aͤße, mehr Andaͤchtigkeit
haben. Die Maͤdchen und Weiber hier mit ih-
rem gezierten und hochfahrenden Weſen ſind
ihm lieber, ſo ein Herr Roſa, der nicht an Gott
und Ewigkeit glaubt, iſt ſein Herzensfreund,
ſolche Leute, die ihren Verſtand fuͤr thurmgroß
halten, wenn ſie den Himmel mit allen ſeinen
Sternen nicht ſehen wollen, und ſich einbilden,
ſie koͤnnten dies alles auch ſo und noch beſſer
machen, wenn ſie nur Zeit und Handwerkszeug
haͤtten. Gott mag ihnen vergeben und ein Ein-
ſehn in ihre Narrheit haben; die Hunde bellen
den Mond an, und wenn der Mond ſo denkt
wie ich, ſo nimmt er es ihnen gewiß nicht uͤbel.


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[10/0016] friſch macht: nicht ſolche Erſcheinungen, Tho- mas, die bei uns manche naͤrriſche Leute haben; ſo eine ſanfte, ſtille Waͤrme, wie das erſte Thau- wetter im Fruͤhjahr. — Darum koͤnnt ich mich auch immer noch troͤſten, wenn das ganze Un- gluͤck nicht grade meinen Herrn betraͤfe, den ich ſo auſſerordentlich von ganzer Seele lieb habe, daß ich fuͤr ihn ſterben koͤnnte, wenn es ſeyn muͤßte; aber er macht ſich aus dieſer Liebe gar nichts mehr: ich wuͤrde gegen einen Hund, der aus meiner Hand lieber, als von einem andern ſein Stuͤckchen Brod aͤße, mehr Andaͤchtigkeit haben. Die Maͤdchen und Weiber hier mit ih- rem gezierten und hochfahrenden Weſen ſind ihm lieber, ſo ein Herr Roſa, der nicht an Gott und Ewigkeit glaubt, iſt ſein Herzensfreund, ſolche Leute, die ihren Verſtand fuͤr thurmgroß halten, wenn ſie den Himmel mit allen ſeinen Sternen nicht ſehen wollen, und ſich einbilden, ſie koͤnnten dies alles auch ſo und noch beſſer machen, wenn ſie nur Zeit und Handwerkszeug haͤtten. Gott mag ihnen vergeben und ein Ein- ſehn in ihre Narrheit haben; die Hunde bellen den Mond an, und wenn der Mond ſo denkt wie ich, ſo nimmt er es ihnen gewiß nicht uͤbel.

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Zitationshilfe: Tieck, Ludwig: William Lovell. Bd. 2. Berlin u. a., 1796, S. 10. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tieck_lovell02_1796/16>, abgerufen am 19.05.2024.