Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775.

Bild:
<< vorherige Seite


Der 6te Februar.
Jbr, die ihr Christi Namen nenut,
Gebt unserm Gott die Ehre!
Jhr, die ihr Gottes Macht bekennt,
Gebt unserm Gott die Ehre!
Die falschen Götzen macht zu Spott:
Der Herr ist Gott, der Herr ist Gott.
Gebt unserm Gott die Ehre!


Es ist kein Geschöpf, weder im Himmel noch auf Erden, das
nicht Ursachen hätte, seinem Erhalter und Wohlthäter zu
danken. Jndessen sind die Reizungen, Gott zu loben, doch stuf-
fenweise sehr verschieden. Schon unter den Menschen findet im-
mer ein höherer Grad dieser Verbindlichkeit statt; und es ist eine
nützliche Untersuchung: zu welcher Klasse der Dankenden wir ei-
gentlich gehören. Hier ist es Pflicht, sich nicht zu niedrig zu
setzen, sondern seine Vorzüge, folglich seine Reizungen zum Lobe
Gottes genau zu kennen. Der arme Grönländer, welcher jetzt
fast nichts als Eisgebürge sieht, und sich freuet, wenn er nur
Minuten lang den Rand der Sonne erblicken kan; der Mohr,
welchet nackend auf brennenden Sand tritt, und nichts als ver-
sengte Felder und wilde hungrige Thiere sieht: haben diese meine
Stiefbrüder wol, bei ihrer einfachen kümmerlichen Kost, so viel
Anlaß Gott zu danken, als ich, der dankende Christ? Je-
der Blick zeiget mir meinen versöhnten Vater! Wären jene Völ-
ker in meiner Stelle, und hätten sie Geschmack und Einsichten
genug: sie dünckten sich Könige zu seyn.

O! ihr meine Glaubensbrüder, die ihr es wißt, daß Gott
aus Liebe der Welt seinen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn
gläuben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben:
wollen wir Christen diesen Gott nicht laut verherrlichen, so hat der
ganze Erdkreis recht, stumm zu seyn! Der Heide kennet das
höchste Wesen nur nach Rätzeln und dunkeln Fabeln. Der Jude

hat


Der 6te Februar.
Jbr, die ihr Chriſti Namen nenut,
Gebt unſerm Gott die Ehre!
Jhr, die ihr Gottes Macht bekennt,
Gebt unſerm Gott die Ehre!
Die falſchen Goͤtzen macht zu Spott:
Der Herr iſt Gott, der Herr iſt Gott.
Gebt unſerm Gott die Ehre!


Es iſt kein Geſchoͤpf, weder im Himmel noch auf Erden, das
nicht Urſachen haͤtte, ſeinem Erhalter und Wohlthaͤter zu
danken. Jndeſſen ſind die Reizungen, Gott zu loben, doch ſtuf-
fenweiſe ſehr verſchieden. Schon unter den Menſchen findet im-
mer ein hoͤherer Grad dieſer Verbindlichkeit ſtatt; und es iſt eine
nuͤtzliche Unterſuchung: zu welcher Klaſſe der Dankenden wir ei-
gentlich gehoͤren. Hier iſt es Pflicht, ſich nicht zu niedrig zu
ſetzen, ſondern ſeine Vorzuͤge, folglich ſeine Reizungen zum Lobe
Gottes genau zu kennen. Der arme Groͤnlaͤnder, welcher jetzt
faſt nichts als Eisgebuͤrge ſieht, und ſich freuet, wenn er nur
Minuten lang den Rand der Sonne erblicken kan; der Mohr,
welchet nackend auf brennenden Sand tritt, und nichts als ver-
ſengte Felder und wilde hungrige Thiere ſieht: haben dieſe meine
Stiefbruͤder wol, bei ihrer einfachen kuͤmmerlichen Koſt, ſo viel
Anlaß Gott zu danken, als ich, der dankende Chriſt? Je-
der Blick zeiget mir meinen verſoͤhnten Vater! Waͤren jene Voͤl-
ker in meiner Stelle, und haͤtten ſie Geſchmack und Einſichten
genug: ſie duͤnckten ſich Koͤnige zu ſeyn.

O! ihr meine Glaubensbruͤder, die ihr es wißt, daß Gott
aus Liebe der Welt ſeinen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn
glaͤuben, nicht verloren werden, ſondern das ewige Leben haben:
wollen wir Chriſten dieſen Gott nicht laut verherrlichen, ſo hat der
ganze Erdkreis recht, ſtumm zu ſeyn! Der Heide kennet das
hoͤchſte Weſen nur nach Raͤtzeln und dunkeln Fabeln. Der Jude

hat
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0114" n="77[107]"/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
          <div n="3">
            <head>Der 6<hi rendition="#sup">te</hi> Februar.</head><lb/>
            <lg type="poem">
              <l><hi rendition="#in">J</hi>br, die ihr Chri&#x017F;ti Namen nenut,</l><lb/>
              <l>Gebt un&#x017F;erm Gott die Ehre!</l><lb/>
              <l>Jhr, die ihr Gottes Macht bekennt,</l><lb/>
              <l>Gebt un&#x017F;erm Gott die Ehre!</l><lb/>
              <l>Die fal&#x017F;chen Go&#x0364;tzen macht zu Spott:</l><lb/>
              <l>Der Herr i&#x017F;t Gott, der Herr i&#x017F;t Gott.</l><lb/>
              <l>Gebt un&#x017F;erm Gott die Ehre!</l>
            </lg><lb/>
            <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
            <p><hi rendition="#in">E</hi>s i&#x017F;t kein Ge&#x017F;cho&#x0364;pf, weder im Himmel noch auf Erden, das<lb/>
nicht Ur&#x017F;achen ha&#x0364;tte, &#x017F;einem Erhalter und Wohltha&#x0364;ter zu<lb/>
danken. Jnde&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ind die Reizungen, Gott zu loben, doch &#x017F;tuf-<lb/>
fenwei&#x017F;e &#x017F;ehr ver&#x017F;chieden. Schon unter den Men&#x017F;chen findet im-<lb/>
mer ein ho&#x0364;herer Grad die&#x017F;er Verbindlichkeit &#x017F;tatt; und es i&#x017F;t eine<lb/>
nu&#x0364;tzliche Unter&#x017F;uchung: zu welcher Kla&#x017F;&#x017F;e der Dankenden wir ei-<lb/>
gentlich geho&#x0364;ren. Hier i&#x017F;t es Pflicht, &#x017F;ich nicht zu niedrig zu<lb/>
&#x017F;etzen, &#x017F;ondern &#x017F;eine Vorzu&#x0364;ge, folglich &#x017F;eine Reizungen zum Lobe<lb/>
Gottes genau zu kennen. Der arme Gro&#x0364;nla&#x0364;nder, welcher jetzt<lb/>
fa&#x017F;t nichts als Eisgebu&#x0364;rge &#x017F;ieht, und &#x017F;ich freuet, wenn er nur<lb/>
Minuten lang den Rand der Sonne erblicken kan; der Mohr,<lb/>
welchet nackend auf brennenden Sand tritt, und nichts als ver-<lb/>
&#x017F;engte Felder und wilde hungrige Thiere &#x017F;ieht: haben die&#x017F;e meine<lb/>
Stiefbru&#x0364;der wol, bei ihrer einfachen ku&#x0364;mmerlichen Ko&#x017F;t, &#x017F;o viel<lb/>
Anlaß Gott zu danken, als ich, <hi rendition="#fr">der dankende Chri&#x017F;t?</hi> Je-<lb/>
der Blick zeiget mir meinen ver&#x017F;o&#x0364;hnten Vater! Wa&#x0364;ren jene Vo&#x0364;l-<lb/>
ker in meiner Stelle, und ha&#x0364;tten &#x017F;ie Ge&#x017F;chmack und Ein&#x017F;ichten<lb/>
genug: &#x017F;ie du&#x0364;nckten &#x017F;ich Ko&#x0364;nige zu &#x017F;eyn.</p><lb/>
            <p>O! ihr meine Glaubensbru&#x0364;der, die ihr es wißt, daß Gott<lb/>
aus Liebe der Welt &#x017F;einen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn<lb/>
gla&#x0364;uben, nicht verloren werden, &#x017F;ondern das ewige Leben haben:<lb/>
wollen wir Chri&#x017F;ten die&#x017F;en Gott nicht laut verherrlichen, &#x017F;o hat der<lb/>
ganze Erdkreis recht, &#x017F;tumm zu &#x017F;eyn! Der Heide kennet das<lb/>
ho&#x0364;ch&#x017F;te We&#x017F;en nur nach Ra&#x0364;tzeln und dunkeln Fabeln. Der Jude<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">hat</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[77[107]/0114] Der 6te Februar. Jbr, die ihr Chriſti Namen nenut, Gebt unſerm Gott die Ehre! Jhr, die ihr Gottes Macht bekennt, Gebt unſerm Gott die Ehre! Die falſchen Goͤtzen macht zu Spott: Der Herr iſt Gott, der Herr iſt Gott. Gebt unſerm Gott die Ehre! Es iſt kein Geſchoͤpf, weder im Himmel noch auf Erden, das nicht Urſachen haͤtte, ſeinem Erhalter und Wohlthaͤter zu danken. Jndeſſen ſind die Reizungen, Gott zu loben, doch ſtuf- fenweiſe ſehr verſchieden. Schon unter den Menſchen findet im- mer ein hoͤherer Grad dieſer Verbindlichkeit ſtatt; und es iſt eine nuͤtzliche Unterſuchung: zu welcher Klaſſe der Dankenden wir ei- gentlich gehoͤren. Hier iſt es Pflicht, ſich nicht zu niedrig zu ſetzen, ſondern ſeine Vorzuͤge, folglich ſeine Reizungen zum Lobe Gottes genau zu kennen. Der arme Groͤnlaͤnder, welcher jetzt faſt nichts als Eisgebuͤrge ſieht, und ſich freuet, wenn er nur Minuten lang den Rand der Sonne erblicken kan; der Mohr, welchet nackend auf brennenden Sand tritt, und nichts als ver- ſengte Felder und wilde hungrige Thiere ſieht: haben dieſe meine Stiefbruͤder wol, bei ihrer einfachen kuͤmmerlichen Koſt, ſo viel Anlaß Gott zu danken, als ich, der dankende Chriſt? Je- der Blick zeiget mir meinen verſoͤhnten Vater! Waͤren jene Voͤl- ker in meiner Stelle, und haͤtten ſie Geſchmack und Einſichten genug: ſie duͤnckten ſich Koͤnige zu ſeyn. O! ihr meine Glaubensbruͤder, die ihr es wißt, daß Gott aus Liebe der Welt ſeinen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glaͤuben, nicht verloren werden, ſondern das ewige Leben haben: wollen wir Chriſten dieſen Gott nicht laut verherrlichen, ſo hat der ganze Erdkreis recht, ſtumm zu ſeyn! Der Heide kennet das hoͤchſte Weſen nur nach Raͤtzeln und dunkeln Fabeln. Der Jude hat

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Matthias Boenig, Benjamin Fiechter, Susanne Haaf, Li Xang: Bearbeitung und strukturelle Auszeichnung der durch die Grepect GmbH bereitgestellten Texttranskription. (2023-05-24T12:24:22Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Britt-Marie Schuster, Alexander Geyken, Susanne Haaf, Christopher Georgi, Frauke Thielert, Linda Kirsten, t.evo: Die Evolution von komplexen Textmustern: Aufbau eines Korpus historischer Zeitungen zur Untersuchung der Mehrdimensionalität des Textmusterwandels

Weitere Informationen:

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/114
Zitationshilfe: Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775, S. 77[107]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/114>, abgerufen am 24.05.2024.