Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775.

Bild:
<< vorherige Seite


Der 16te Februar.
Soll ich auf dieser Welt
Mein Leben höher bringen;
Durch manchen sauren Tritt
Hindurch ins Alter dringen:
So gib Geduld! vor Sünd
Und Schanden mich bewahr,
Auf daß ich tragen mag
Mit Ehren graues Haar.


Fast alle Menschen hoffen und wünschen ein hohes Alter, und
bedenken nicht, daß es ein klägliches Glück, ohne die gehö-
rige Eigenschaften dazu, sey. Ein alter Vertler, ein keichonder
oder verachteter Greis will niemand seyn, und viele legen es doch
daranf an, um es zu werden, falls sie noch ein halb Jahrhun-
dert leben solten. Die wenigsten nehmen gehörige Rücksicht
auf hohes Alter.

Gewiß, es gehöret viel dazu, im hohen Alter sich seines Le-
bens erfreuen zu wollen. Bejahrte Personen brauchen viel, und
sind insgemein so tadelsüchtig, daß ihre Begierden weit schwerer
zu befriedigen sind, als in der Jugend. Well man im Alter sich
und andern nicht lästig seyn, und beständig über seine Tage seuf-
zen: ach! sie gefallen mir nicht! so muß man in der Jugend und
in männlichen Jahren sich öfters fragen: was habe ich jetzt zu
thun, um nach dreißig, vierzig Jahren gern und gut leben zu
können?

Zu einem gefälligen und rühmlichen Alter wird folgendes er-
fodert: Man muß Geld oder Vermögen haben, um nicht bloß
andrer Gnade leben zu dürfen. Schäme ich mich in der Jugend

des
Tiedens Abendand. I. Th. G


Der 16te Februar.
Soll ich auf dieſer Welt
Mein Leben hoͤher bringen;
Durch manchen ſauren Tritt
Hindurch ins Alter dringen:
So gib Geduld! vor Suͤnd
Und Schanden mich bewahr,
Auf daß ich tragen mag
Mit Ehren graues Haar.


Faſt alle Menſchen hoffen und wuͤnſchen ein hohes Alter, und
bedenken nicht, daß es ein klaͤgliches Gluͤck, ohne die gehoͤ-
rige Eigenſchaften dazu, ſey. Ein alter Vertler, ein keichonder
oder verachteter Greis will niemand ſeyn, und viele legen es doch
daranf an, um es zu werden, falls ſie noch ein halb Jahrhun-
dert leben ſolten. Die wenigſten nehmen gehoͤrige Ruͤckſicht
auf hohes Alter.

Gewiß, es gehoͤret viel dazu, im hohen Alter ſich ſeines Le-
bens erfreuen zu wollen. Bejahrte Perſonen brauchen viel, und
ſind insgemein ſo tadelſuͤchtig, daß ihre Begierden weit ſchwerer
zu befriedigen ſind, als in der Jugend. Well man im Alter ſich
und andern nicht laͤſtig ſeyn, und beſtaͤndig uͤber ſeine Tage ſeuf-
zen: ach! ſie gefallen mir nicht! ſo muß man in der Jugend und
in maͤnnlichen Jahren ſich oͤfters fragen: was habe ich jetzt zu
thun, um nach dreißig, vierzig Jahren gern und gut leben zu
koͤnnen?

Zu einem gefaͤlligen und ruͤhmlichen Alter wird folgendes er-
fodert: Man muß Geld oder Vermoͤgen haben, um nicht bloß
andrer Gnade leben zu duͤrfen. Schaͤme ich mich in der Jugend

des
Tiedens Abendand. I. Th. G
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0134" n="97[127]"/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
          <div n="3">
            <head>Der 16<hi rendition="#sup">te</hi> Februar.</head><lb/>
            <lg type="poem">
              <l><hi rendition="#in">S</hi>oll ich auf die&#x017F;er Welt</l><lb/>
              <l>Mein Leben ho&#x0364;her bringen;</l><lb/>
              <l>Durch manchen &#x017F;auren Tritt</l><lb/>
              <l>Hindurch ins Alter dringen:</l><lb/>
              <l>So gib Geduld! vor Su&#x0364;nd</l><lb/>
              <l>Und Schanden mich bewahr,</l><lb/>
              <l>Auf daß ich tragen mag</l><lb/>
              <l>Mit Ehren graues Haar.</l>
            </lg><lb/>
            <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
            <p><hi rendition="#in">F</hi>a&#x017F;t alle Men&#x017F;chen hoffen und wu&#x0364;n&#x017F;chen ein hohes Alter, und<lb/>
bedenken nicht, daß es ein kla&#x0364;gliches Glu&#x0364;ck, ohne die geho&#x0364;-<lb/>
rige Eigen&#x017F;chaften dazu, &#x017F;ey. Ein alter Vertler, ein keichonder<lb/>
oder verachteter Greis will niemand &#x017F;eyn, und viele legen es doch<lb/>
daranf an, um es zu werden, falls &#x017F;ie noch ein halb Jahrhun-<lb/>
dert leben &#x017F;olten. Die wenig&#x017F;ten nehmen geho&#x0364;rige <hi rendition="#fr">Ru&#x0364;ck&#x017F;icht<lb/>
auf hohes Alter.</hi></p><lb/>
            <p>Gewiß, es geho&#x0364;ret viel dazu, im hohen Alter &#x017F;ich &#x017F;eines Le-<lb/>
bens erfreuen zu wollen. Bejahrte Per&#x017F;onen brauchen viel, und<lb/>
&#x017F;ind insgemein &#x017F;o tadel&#x017F;u&#x0364;chtig, daß ihre Begierden weit &#x017F;chwerer<lb/>
zu befriedigen &#x017F;ind, als in der Jugend. Well man im Alter &#x017F;ich<lb/>
und andern nicht la&#x0364;&#x017F;tig &#x017F;eyn, und be&#x017F;ta&#x0364;ndig u&#x0364;ber &#x017F;eine Tage &#x017F;euf-<lb/>
zen: ach! &#x017F;ie gefallen mir nicht! &#x017F;o muß man in der Jugend und<lb/>
in ma&#x0364;nnlichen Jahren &#x017F;ich o&#x0364;fters fragen: was habe ich jetzt zu<lb/>
thun, um nach dreißig, vierzig Jahren gern und gut leben zu<lb/>
ko&#x0364;nnen?</p><lb/>
            <p>Zu einem gefa&#x0364;lligen und ru&#x0364;hmlichen Alter wird folgendes er-<lb/>
fodert: Man muß Geld oder Vermo&#x0364;gen haben, um nicht bloß<lb/>
andrer Gnade leben zu du&#x0364;rfen. Scha&#x0364;me ich mich in der Jugend<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">Tiedens Abendand. I. Th. G</fw><fw place="bottom" type="catch">des</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[97[127]/0134] Der 16te Februar. Soll ich auf dieſer Welt Mein Leben hoͤher bringen; Durch manchen ſauren Tritt Hindurch ins Alter dringen: So gib Geduld! vor Suͤnd Und Schanden mich bewahr, Auf daß ich tragen mag Mit Ehren graues Haar. Faſt alle Menſchen hoffen und wuͤnſchen ein hohes Alter, und bedenken nicht, daß es ein klaͤgliches Gluͤck, ohne die gehoͤ- rige Eigenſchaften dazu, ſey. Ein alter Vertler, ein keichonder oder verachteter Greis will niemand ſeyn, und viele legen es doch daranf an, um es zu werden, falls ſie noch ein halb Jahrhun- dert leben ſolten. Die wenigſten nehmen gehoͤrige Ruͤckſicht auf hohes Alter. Gewiß, es gehoͤret viel dazu, im hohen Alter ſich ſeines Le- bens erfreuen zu wollen. Bejahrte Perſonen brauchen viel, und ſind insgemein ſo tadelſuͤchtig, daß ihre Begierden weit ſchwerer zu befriedigen ſind, als in der Jugend. Well man im Alter ſich und andern nicht laͤſtig ſeyn, und beſtaͤndig uͤber ſeine Tage ſeuf- zen: ach! ſie gefallen mir nicht! ſo muß man in der Jugend und in maͤnnlichen Jahren ſich oͤfters fragen: was habe ich jetzt zu thun, um nach dreißig, vierzig Jahren gern und gut leben zu koͤnnen? Zu einem gefaͤlligen und ruͤhmlichen Alter wird folgendes er- fodert: Man muß Geld oder Vermoͤgen haben, um nicht bloß andrer Gnade leben zu duͤrfen. Schaͤme ich mich in der Jugend des Tiedens Abendand. I. Th. G

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Matthias Boenig, Benjamin Fiechter, Susanne Haaf, Li Xang: Bearbeitung und strukturelle Auszeichnung der durch die Grepect GmbH bereitgestellten Texttranskription. (2023-05-24T12:24:22Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Britt-Marie Schuster, Alexander Geyken, Susanne Haaf, Christopher Georgi, Frauke Thielert, Linda Kirsten, t.evo: Die Evolution von komplexen Textmustern: Aufbau eines Korpus historischer Zeitungen zur Untersuchung der Mehrdimensionalität des Textmusterwandels

Weitere Informationen:

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/134
Zitationshilfe: Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775, S. 97[127]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/134>, abgerufen am 24.05.2024.