Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775.

Bild:
<< vorherige Seite


Der 24te Februar.
Ost such ich Gründe mir zu schmeicheln,
Und traue dem Gewissen kaum;
Jedoch, was hilft es mir zu heucheln:
Entlarvet mich nicht oft ein Traum?


Uns selbst zu studieren, um auch die verborgensten Gänge
unsers Herzens zu entdecken, ist eine unsrer vornehmsten
Pflichten. Viele Menschen glauben sich ausgelernt zu haben,
hören auf sich zu bearbeiten, und werden von einem Fehltritt nach
dem andern überrascht. Daher muß jeder unverdächtiger Zeuge,
der für oder wider uns auftritt, als Freund liebreich aufgenom-
men, und sein Nath muß ohne Widerwillen befolget werden.
Der lehrreiche Traum gleitet wie ein Bach unter uns weg;
er ist nicht der hellste Spiegel; aber meistens ungekünstelt und
ehrlich.

"Träume sind lehrreich." Da wir ihnen kein Stillschwei-
gen gebieten können, so bald sie mehr reden als uns lieb ist, so
plaudern sie bisweilen unsre Geheimnisse aus. Leben wit gleich
nicht mehr in den Zeiten der Erzväter, bei denen sich Gott der
nächtlichen Erscheinungen durch Träume zum Unterricht bediente;
wo er im Schlaf das Ohr der Leute öfnete, sie züchtigte und
schreckte! so sind doch auch jetzt alle Träume noch nicht wie leere
Phantasien gänzlich zu verwerfen. Man müßte die Natur der
Seele nicht kennen, und dreist genug seyn, glaubwürdige Exem-
pel für Lügen zu erklären, wenn man alle Ahndungen und Träu-
me verlachen wolte. Zugestanden, daß die helle Lehren des Evan-
gelii hinlänglich zu unserm Unterrichte sind; daß unter tausend
Träumen nur Einer Aufmerksamkeit verdiene; und daß es schwär-
merisch wäre, einen gehabten Traum für übernatürliche göttliche
Eingebung zu halten, und zur Richtschnur seines Verhaltens zu

machen:
Tiedens Abendand. 1. Th. H


Der 24te Februar.
Oſt ſuch ich Gruͤnde mir zu ſchmeicheln,
Und traue dem Gewiſſen kaum;
Jedoch, was hilft es mir zu heucheln:
Entlarvet mich nicht oft ein Traum?


Uns ſelbſt zu ſtudieren, um auch die verborgenſten Gaͤnge
unſers Herzens zu entdecken, iſt eine unſrer vornehmſten
Pflichten. Viele Menſchen glauben ſich ausgelernt zu haben,
hoͤren auf ſich zu bearbeiten, und werden von einem Fehltritt nach
dem andern uͤberraſcht. Daher muß jeder unverdaͤchtiger Zeuge,
der fuͤr oder wider uns auftritt, als Freund liebreich aufgenom-
men, und ſein Nath muß ohne Widerwillen befolget werden.
Der lehrreiche Traum gleitet wie ein Bach unter uns weg;
er iſt nicht der hellſte Spiegel; aber meiſtens ungekuͤnſtelt und
ehrlich.

„Traͤume ſind lehrreich.„ Da wir ihnen kein Stillſchwei-
gen gebieten koͤnnen, ſo bald ſie mehr reden als uns lieb iſt, ſo
plaudern ſie bisweilen unſre Geheimniſſe aus. Leben wit gleich
nicht mehr in den Zeiten der Erzvaͤter, bei denen ſich Gott der
naͤchtlichen Erſcheinungen durch Traͤume zum Unterricht bediente;
wo er im Schlaf das Ohr der Leute oͤfnete, ſie zuͤchtigte und
ſchreckte! ſo ſind doch auch jetzt alle Traͤume noch nicht wie leere
Phantaſien gaͤnzlich zu verwerfen. Man muͤßte die Natur der
Seele nicht kennen, und dreiſt genug ſeyn, glaubwuͤrdige Exem-
pel fuͤr Luͤgen zu erklaͤren, wenn man alle Ahndungen und Traͤu-
me verlachen wolte. Zugeſtanden, daß die helle Lehren des Evan-
gelii hinlaͤnglich zu unſerm Unterrichte ſind; daß unter tauſend
Traͤumen nur Einer Aufmerkſamkeit verdiene; und daß es ſchwaͤr-
meriſch waͤre, einen gehabten Traum fuͤr uͤbernatuͤrliche goͤttliche
Eingebung zu halten, und zur Richtſchnur ſeines Verhaltens zu

machen:
Tiedens Abendand. 1. Th. H
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0150" n="113[143]"/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
          <div n="3">
            <head>Der 24<hi rendition="#sup">te</hi> Februar.</head><lb/>
            <lg type="poem">
              <l><hi rendition="#in">O</hi>&#x017F;t &#x017F;uch ich Gru&#x0364;nde mir zu &#x017F;chmeicheln,</l><lb/>
              <l>Und traue dem Gewi&#x017F;&#x017F;en kaum;</l><lb/>
              <l>Jedoch, was hilft es mir zu heucheln:</l><lb/>
              <l>Entlarvet mich nicht oft ein Traum?</l>
            </lg><lb/>
            <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
            <p><hi rendition="#in">U</hi>ns &#x017F;elb&#x017F;t zu &#x017F;tudieren, um auch die verborgen&#x017F;ten Ga&#x0364;nge<lb/>
un&#x017F;ers Herzens zu entdecken, i&#x017F;t eine un&#x017F;rer vornehm&#x017F;ten<lb/>
Pflichten. Viele Men&#x017F;chen glauben &#x017F;ich ausgelernt zu haben,<lb/>
ho&#x0364;ren auf &#x017F;ich zu bearbeiten, und werden von einem Fehltritt nach<lb/>
dem andern u&#x0364;berra&#x017F;cht. Daher muß jeder unverda&#x0364;chtiger Zeuge,<lb/>
der fu&#x0364;r oder wider uns auftritt, als Freund liebreich aufgenom-<lb/>
men, und &#x017F;ein Nath muß ohne Widerwillen befolget werden.<lb/><hi rendition="#fr">Der lehrreiche Traum</hi> gleitet wie ein Bach unter uns weg;<lb/>
er i&#x017F;t nicht der hell&#x017F;te Spiegel; aber mei&#x017F;tens ungeku&#x0364;n&#x017F;telt und<lb/>
ehrlich.</p><lb/>
            <p>&#x201E;Tra&#x0364;ume &#x017F;ind lehrreich.&#x201E; Da wir ihnen kein Still&#x017F;chwei-<lb/>
gen gebieten ko&#x0364;nnen, &#x017F;o bald &#x017F;ie mehr reden als uns lieb i&#x017F;t, &#x017F;o<lb/>
plaudern &#x017F;ie bisweilen un&#x017F;re Geheimni&#x017F;&#x017F;e aus. Leben wit gleich<lb/>
nicht mehr in den Zeiten der Erzva&#x0364;ter, bei denen &#x017F;ich Gott der<lb/>
na&#x0364;chtlichen Er&#x017F;cheinungen durch Tra&#x0364;ume zum Unterricht bediente;<lb/>
wo er im Schlaf das Ohr der Leute o&#x0364;fnete, &#x017F;ie zu&#x0364;chtigte und<lb/>
&#x017F;chreckte! &#x017F;o &#x017F;ind doch auch jetzt alle Tra&#x0364;ume noch nicht wie leere<lb/>
Phanta&#x017F;ien ga&#x0364;nzlich zu verwerfen. Man mu&#x0364;ßte die Natur der<lb/>
Seele nicht kennen, und drei&#x017F;t genug &#x017F;eyn, glaubwu&#x0364;rdige Exem-<lb/>
pel fu&#x0364;r Lu&#x0364;gen zu erkla&#x0364;ren, wenn man alle Ahndungen und Tra&#x0364;u-<lb/>
me verlachen wolte. Zuge&#x017F;tanden, daß die helle Lehren des Evan-<lb/>
gelii hinla&#x0364;nglich zu un&#x017F;erm Unterrichte &#x017F;ind; daß unter tau&#x017F;end<lb/>
Tra&#x0364;umen nur Einer Aufmerk&#x017F;amkeit verdiene; und daß es &#x017F;chwa&#x0364;r-<lb/>
meri&#x017F;ch wa&#x0364;re, einen gehabten Traum fu&#x0364;r u&#x0364;bernatu&#x0364;rliche go&#x0364;ttliche<lb/>
Eingebung zu halten, und zur Richt&#x017F;chnur &#x017F;eines Verhaltens zu<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">Tiedens Abendand. 1. Th. H</fw><fw place="bottom" type="catch">machen:</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[113[143]/0150] Der 24te Februar. Oſt ſuch ich Gruͤnde mir zu ſchmeicheln, Und traue dem Gewiſſen kaum; Jedoch, was hilft es mir zu heucheln: Entlarvet mich nicht oft ein Traum? Uns ſelbſt zu ſtudieren, um auch die verborgenſten Gaͤnge unſers Herzens zu entdecken, iſt eine unſrer vornehmſten Pflichten. Viele Menſchen glauben ſich ausgelernt zu haben, hoͤren auf ſich zu bearbeiten, und werden von einem Fehltritt nach dem andern uͤberraſcht. Daher muß jeder unverdaͤchtiger Zeuge, der fuͤr oder wider uns auftritt, als Freund liebreich aufgenom- men, und ſein Nath muß ohne Widerwillen befolget werden. Der lehrreiche Traum gleitet wie ein Bach unter uns weg; er iſt nicht der hellſte Spiegel; aber meiſtens ungekuͤnſtelt und ehrlich. „Traͤume ſind lehrreich.„ Da wir ihnen kein Stillſchwei- gen gebieten koͤnnen, ſo bald ſie mehr reden als uns lieb iſt, ſo plaudern ſie bisweilen unſre Geheimniſſe aus. Leben wit gleich nicht mehr in den Zeiten der Erzvaͤter, bei denen ſich Gott der naͤchtlichen Erſcheinungen durch Traͤume zum Unterricht bediente; wo er im Schlaf das Ohr der Leute oͤfnete, ſie zuͤchtigte und ſchreckte! ſo ſind doch auch jetzt alle Traͤume noch nicht wie leere Phantaſien gaͤnzlich zu verwerfen. Man muͤßte die Natur der Seele nicht kennen, und dreiſt genug ſeyn, glaubwuͤrdige Exem- pel fuͤr Luͤgen zu erklaͤren, wenn man alle Ahndungen und Traͤu- me verlachen wolte. Zugeſtanden, daß die helle Lehren des Evan- gelii hinlaͤnglich zu unſerm Unterrichte ſind; daß unter tauſend Traͤumen nur Einer Aufmerkſamkeit verdiene; und daß es ſchwaͤr- meriſch waͤre, einen gehabten Traum fuͤr uͤbernatuͤrliche goͤttliche Eingebung zu halten, und zur Richtſchnur ſeines Verhaltens zu machen: Tiedens Abendand. 1. Th. H

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Matthias Boenig, Benjamin Fiechter, Susanne Haaf, Li Xang: Bearbeitung und strukturelle Auszeichnung der durch die Grepect GmbH bereitgestellten Texttranskription. (2023-05-24T12:24:22Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Britt-Marie Schuster, Alexander Geyken, Susanne Haaf, Christopher Georgi, Frauke Thielert, Linda Kirsten, t.evo: Die Evolution von komplexen Textmustern: Aufbau eines Korpus historischer Zeitungen zur Untersuchung der Mehrdimensionalität des Textmusterwandels

Weitere Informationen:

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/150
Zitationshilfe: Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775, S. 113[143]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/150>, abgerufen am 18.05.2024.