Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775.

Bild:
<< vorherige Seite


Der 8te März.
Mein Auge sieht, wohin es blickt,
Die Wunder deiner Werke.
Der Himmel, prächtig ausgeschmückt,
Preis't dich, du Gott der Stärke!
Wer hat die Sonn an ihm erhöht?
Wer kleidet sie mit Majestät?
Wer ruft dem Heer der Sterne?


In diesen Tagen ist der gestirnte Himmel bei meinem
Schlafengehn geschmückter, wie sonst. Ohne die Planeten,
welche von einem Gestirn zum andern laufen und einen ruhig hel-
len Glanz haben, zählet man ohngefehr funfzehn Sterne erster
Grösse, deren Glanz vor allen andern hervor funkelt; und von
diesen sind jetzt zwölfe über dem Horizonte sichtbar. Nach vier
Wochen ist diese Pracht Abends um acht Uhr zu sehen: später hin
aber gehen einige dieser strahlenden Sonnen schon in der Abend-
dämmerung unter. Man hat vor etlichen tausend Jahren jedem
dieser erhabenen Boten Gottes einen besondern Namen gegeben;
den haben sie noch und den verdienten sie doch wol ehe als unsre
neumodischen Zeuge?

Es ist betrübt, daß Menschen der Werke ihres Schöpfers
so wenig achten. Pferde und Hunde grosser Herren werden mehr
bewundert, als -- o! ich will den uns brandmarkenden Gedan-
ken verbeissen! Wie? ich solte die Röcke meiner Nachbarn, die
Farbe der Häuser um mich her, die kleine Tagegeschichtchen der
Stadt kennen: und deine majestätische Herolde, du Monarch der
Monarchen! deinen funkelnden Weg am Himmel achtete ich kaum
des Ansehens werth? Verwünscht sey alle Majestät und Viel-
wisserei, wenn sie hindert, Gott näher zu kennen! Ueber mir
Sonnen: unter ihnen -- Staub!

Reiß


Der 8te Maͤrz.
Mein Auge ſieht, wohin es blickt,
Die Wunder deiner Werke.
Der Himmel, praͤchtig ausgeſchmuͤckt,
Preiſ’t dich, du Gott der Staͤrke!
Wer hat die Sonn an ihm erhoͤht?
Wer kleidet ſie mit Majeſtaͤt?
Wer ruft dem Heer der Sterne?


In dieſen Tagen iſt der geſtirnte Himmel bei meinem
Schlafengehn geſchmuͤckter, wie ſonſt. Ohne die Planeten,
welche von einem Geſtirn zum andern laufen und einen ruhig hel-
len Glanz haben, zaͤhlet man ohngefehr funfzehn Sterne erſter
Groͤſſe, deren Glanz vor allen andern hervor funkelt; und von
dieſen ſind jetzt zwoͤlfe uͤber dem Horizonte ſichtbar. Nach vier
Wochen iſt dieſe Pracht Abends um acht Uhr zu ſehen: ſpaͤter hin
aber gehen einige dieſer ſtrahlenden Sonnen ſchon in der Abend-
daͤmmerung unter. Man hat vor etlichen tauſend Jahren jedem
dieſer erhabenen Boten Gottes einen beſondern Namen gegeben;
den haben ſie noch und den verdienten ſie doch wol ehe als unſre
neumodiſchen Zeuge?

Es iſt betruͤbt, daß Menſchen der Werke ihres Schoͤpfers
ſo wenig achten. Pferde und Hunde groſſer Herren werden mehr
bewundert, als — o! ich will den uns brandmarkenden Gedan-
ken verbeiſſen! Wie? ich ſolte die Roͤcke meiner Nachbarn, die
Farbe der Haͤuſer um mich her, die kleine Tagegeſchichtchen der
Stadt kennen: und deine majeſtaͤtiſche Herolde, du Monarch der
Monarchen! deinen funkelnden Weg am Himmel achtete ich kaum
des Anſehens werth? Verwuͤnſcht ſey alle Majeſtaͤt und Viel-
wiſſerei, wenn ſie hindert, Gott naͤher zu kennen! Ueber mir
Sonnen: unter ihnen — Staub!

Reiß
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0178" n="141[171]"/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
          <div n="3">
            <head>Der 8<hi rendition="#sup">te</hi> Ma&#x0364;rz.</head><lb/>
            <lg type="poem">
              <l>Mein Auge &#x017F;ieht, wohin es blickt,</l><lb/>
              <l>Die Wunder deiner Werke.</l><lb/>
              <l>Der Himmel, pra&#x0364;chtig ausge&#x017F;chmu&#x0364;ckt,</l><lb/>
              <l>Prei&#x017F;&#x2019;t dich, du Gott der Sta&#x0364;rke!</l><lb/>
              <l>Wer hat die Sonn an ihm erho&#x0364;ht?</l><lb/>
              <l>Wer kleidet &#x017F;ie mit Maje&#x017F;ta&#x0364;t?</l><lb/>
              <l>Wer ruft dem Heer der Sterne?</l>
            </lg><lb/>
            <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
            <p><hi rendition="#in">I</hi>n die&#x017F;en Tagen i&#x017F;t <hi rendition="#fr">der ge&#x017F;tirnte Himmel</hi> bei meinem<lb/>
Schlafengehn ge&#x017F;chmu&#x0364;ckter, wie &#x017F;on&#x017F;t. Ohne die Planeten,<lb/>
welche von einem Ge&#x017F;tirn zum andern laufen und einen ruhig hel-<lb/>
len Glanz haben, za&#x0364;hlet man ohngefehr funfzehn Sterne er&#x017F;ter<lb/>
Gro&#x0364;&#x017F;&#x017F;e, deren Glanz vor allen andern hervor funkelt; und von<lb/>
die&#x017F;en &#x017F;ind jetzt zwo&#x0364;lfe u&#x0364;ber dem Horizonte &#x017F;ichtbar. Nach vier<lb/>
Wochen i&#x017F;t die&#x017F;e Pracht Abends um acht Uhr zu &#x017F;ehen: &#x017F;pa&#x0364;ter hin<lb/>
aber gehen einige die&#x017F;er &#x017F;trahlenden Sonnen &#x017F;chon in der Abend-<lb/>
da&#x0364;mmerung unter. Man hat vor etlichen tau&#x017F;end Jahren jedem<lb/>
die&#x017F;er erhabenen Boten Gottes einen be&#x017F;ondern Namen gegeben;<lb/>
den haben &#x017F;ie noch und den verdienten &#x017F;ie doch wol ehe als un&#x017F;re<lb/>
neumodi&#x017F;chen Zeuge?</p><lb/>
            <p>Es i&#x017F;t betru&#x0364;bt, daß Men&#x017F;chen der Werke ihres Scho&#x0364;pfers<lb/>
&#x017F;o wenig achten. Pferde und Hunde gro&#x017F;&#x017F;er Herren werden mehr<lb/>
bewundert, als &#x2014; o! ich will den uns brandmarkenden Gedan-<lb/>
ken verbei&#x017F;&#x017F;en! Wie? ich &#x017F;olte die Ro&#x0364;cke meiner Nachbarn, die<lb/>
Farbe der Ha&#x0364;u&#x017F;er um mich her, die kleine Tagege&#x017F;chichtchen der<lb/>
Stadt kennen: und deine maje&#x017F;ta&#x0364;ti&#x017F;che Herolde, du Monarch der<lb/>
Monarchen! deinen funkelnden Weg am Himmel achtete ich kaum<lb/>
des An&#x017F;ehens werth? Verwu&#x0364;n&#x017F;cht &#x017F;ey alle Maje&#x017F;ta&#x0364;t und Viel-<lb/>
wi&#x017F;&#x017F;erei, wenn &#x017F;ie hindert, Gott na&#x0364;her zu kennen! Ueber mir<lb/>
Sonnen: unter ihnen &#x2014; Staub!</p><lb/>
            <fw place="bottom" type="catch">Reiß</fw><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[141[171]/0178] Der 8te Maͤrz. Mein Auge ſieht, wohin es blickt, Die Wunder deiner Werke. Der Himmel, praͤchtig ausgeſchmuͤckt, Preiſ’t dich, du Gott der Staͤrke! Wer hat die Sonn an ihm erhoͤht? Wer kleidet ſie mit Majeſtaͤt? Wer ruft dem Heer der Sterne? In dieſen Tagen iſt der geſtirnte Himmel bei meinem Schlafengehn geſchmuͤckter, wie ſonſt. Ohne die Planeten, welche von einem Geſtirn zum andern laufen und einen ruhig hel- len Glanz haben, zaͤhlet man ohngefehr funfzehn Sterne erſter Groͤſſe, deren Glanz vor allen andern hervor funkelt; und von dieſen ſind jetzt zwoͤlfe uͤber dem Horizonte ſichtbar. Nach vier Wochen iſt dieſe Pracht Abends um acht Uhr zu ſehen: ſpaͤter hin aber gehen einige dieſer ſtrahlenden Sonnen ſchon in der Abend- daͤmmerung unter. Man hat vor etlichen tauſend Jahren jedem dieſer erhabenen Boten Gottes einen beſondern Namen gegeben; den haben ſie noch und den verdienten ſie doch wol ehe als unſre neumodiſchen Zeuge? Es iſt betruͤbt, daß Menſchen der Werke ihres Schoͤpfers ſo wenig achten. Pferde und Hunde groſſer Herren werden mehr bewundert, als — o! ich will den uns brandmarkenden Gedan- ken verbeiſſen! Wie? ich ſolte die Roͤcke meiner Nachbarn, die Farbe der Haͤuſer um mich her, die kleine Tagegeſchichtchen der Stadt kennen: und deine majeſtaͤtiſche Herolde, du Monarch der Monarchen! deinen funkelnden Weg am Himmel achtete ich kaum des Anſehens werth? Verwuͤnſcht ſey alle Majeſtaͤt und Viel- wiſſerei, wenn ſie hindert, Gott naͤher zu kennen! Ueber mir Sonnen: unter ihnen — Staub! Reiß

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Matthias Boenig, Benjamin Fiechter, Susanne Haaf, Li Xang: Bearbeitung und strukturelle Auszeichnung der durch die Grepect GmbH bereitgestellten Texttranskription. (2023-05-24T12:24:22Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Britt-Marie Schuster, Alexander Geyken, Susanne Haaf, Christopher Georgi, Frauke Thielert, Linda Kirsten, t.evo: Die Evolution von komplexen Textmustern: Aufbau eines Korpus historischer Zeitungen zur Untersuchung der Mehrdimensionalität des Textmusterwandels

Weitere Informationen:

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/178
Zitationshilfe: Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775, S. 141[171]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/178>, abgerufen am 21.05.2024.