Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775.

Bild:
<< vorherige Seite


Der 13te April.
Wenn ich in stiller Einsamkeit
Mein Herz an dich ergebe,
Und, über deine Huld erfreut,
Lobsingend dich erhebe:
So hörst du es, und stehst mir bei,
Daß ich dir immer treuer sey.


Die Einsamkeit ist ein ziemlich sichrer Probierstein unsers
Charakters. Die Chinesen haben ein Sprüchwort: daß
niemand sich für keusch halten dürfe, der es nicht auch in der
sichersten Einsamkeit freiwillig ist; oder für versöhnlich, der seinen
schlafenden von aller Hülfe abgesonderten Feind, im Schlafe
stöhrt; und endlich, daß wer kein Dieb seyn wolle, ungesehen
das Gold seines Nächsten mit Füssen treten müsse. -- Wenn
Heiden solche Tugenden fodern, so muß der einsame Christ ein
Engel seyn. Er, der eine Gesellschaft um sich weiß, welche jene
nicht kennen.

Es gibt nur wenig Personen, denen die Einsamkeit schädlich
wäre, und das sind mutwillige Sünder und schwermütige Chri-
sten. Jene hecken alsdann Bosheiten, und diese Verzweiflung
aus. Erstere hängen mit allen ihren Gedanken noch zu bege-
henden Sünden nach: letztere härmen sich zu sehr über begangene,
die doch Gott ihnen schon längstens und öfters auf ihr Gebet ver-
geben hat. Für beide ist anhaltende Arbeit und vernünftige Ge-
sellschaft eine Arzenei. Erstere nehmen auch dieses Heilmittel zu
zeiten an: letztere aber weinen, wenn ihnen die Gelegenheit zu
weinen benommen wird. Sie scheinen Gott zu suchen: und su-
chen ihre Qual.

Jedoch;
O 4


Der 13te April.
Wenn ich in ſtiller Einſamkeit
Mein Herz an dich ergebe,
Und, uͤber deine Huld erfreut,
Lobſingend dich erhebe:
So hoͤrſt du es, und ſtehſt mir bei,
Daß ich dir immer treuer ſey.


Die Einſamkeit iſt ein ziemlich ſichrer Probierſtein unſers
Charakters. Die Chineſen haben ein Spruͤchwort: daß
niemand ſich fuͤr keuſch halten duͤrfe, der es nicht auch in der
ſicherſten Einſamkeit freiwillig iſt; oder fuͤr verſoͤhnlich, der ſeinen
ſchlafenden von aller Huͤlfe abgeſonderten Feind, im Schlafe
ſtoͤhrt; und endlich, daß wer kein Dieb ſeyn wolle, ungeſehen
das Gold ſeines Naͤchſten mit Fuͤſſen treten muͤſſe. — Wenn
Heiden ſolche Tugenden fodern, ſo muß der einſame Chriſt ein
Engel ſeyn. Er, der eine Geſellſchaft um ſich weiß, welche jene
nicht kennen.

Es gibt nur wenig Perſonen, denen die Einſamkeit ſchaͤdlich
waͤre, und das ſind mutwillige Suͤnder und ſchwermuͤtige Chri-
ſten. Jene hecken alsdann Bosheiten, und dieſe Verzweiflung
aus. Erſtere haͤngen mit allen ihren Gedanken noch zu bege-
henden Suͤnden nach: letztere haͤrmen ſich zu ſehr uͤber begangene,
die doch Gott ihnen ſchon laͤngſtens und oͤfters auf ihr Gebet ver-
geben hat. Fuͤr beide iſt anhaltende Arbeit und vernuͤnftige Ge-
ſellſchaft eine Arzenei. Erſtere nehmen auch dieſes Heilmittel zu
zeiten an: letztere aber weinen, wenn ihnen die Gelegenheit zu
weinen benommen wird. Sie ſcheinen Gott zu ſuchen: und ſu-
chen ihre Qual.

Jedoch;
O 4
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0252" n="215[245]"/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b">Der 13<hi rendition="#sup">te</hi> April.</hi> </head><lb/>
            <lg type="poem">
              <l><hi rendition="#in">W</hi>enn ich in &#x017F;tiller Ein&#x017F;amkeit</l><lb/>
              <l>Mein Herz an dich ergebe,</l><lb/>
              <l>Und, u&#x0364;ber deine Huld erfreut,</l><lb/>
              <l>Lob&#x017F;ingend dich erhebe:</l><lb/>
              <l>So ho&#x0364;r&#x017F;t du es, und &#x017F;teh&#x017F;t mir bei,</l><lb/>
              <l>Daß ich dir immer treuer &#x017F;ey.</l>
            </lg><lb/>
            <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
            <p><hi rendition="#in">D</hi>ie <hi rendition="#fr">Ein&#x017F;amkeit</hi> i&#x017F;t ein ziemlich &#x017F;ichrer Probier&#x017F;tein un&#x017F;ers<lb/>
Charakters. Die Chine&#x017F;en haben ein Spru&#x0364;chwort: daß<lb/>
niemand &#x017F;ich fu&#x0364;r keu&#x017F;ch halten du&#x0364;rfe, der es nicht auch in der<lb/>
&#x017F;icher&#x017F;ten Ein&#x017F;amkeit freiwillig i&#x017F;t; oder fu&#x0364;r ver&#x017F;o&#x0364;hnlich, der &#x017F;einen<lb/>
&#x017F;chlafenden von aller Hu&#x0364;lfe abge&#x017F;onderten Feind, im Schlafe<lb/>
&#x017F;to&#x0364;hrt; und endlich, daß wer kein Dieb &#x017F;eyn wolle, unge&#x017F;ehen<lb/>
das Gold &#x017F;eines Na&#x0364;ch&#x017F;ten mit Fu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en treten mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;e. &#x2014; Wenn<lb/>
Heiden &#x017F;olche Tugenden fodern, &#x017F;o muß der ein&#x017F;ame Chri&#x017F;t ein<lb/>
Engel &#x017F;eyn. Er, der eine Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft um &#x017F;ich weiß, welche jene<lb/>
nicht kennen.</p><lb/>
            <p>Es gibt nur wenig Per&#x017F;onen, denen die Ein&#x017F;amkeit &#x017F;cha&#x0364;dlich<lb/>
wa&#x0364;re, und das &#x017F;ind mutwillige Su&#x0364;nder und &#x017F;chwermu&#x0364;tige Chri-<lb/>
&#x017F;ten. Jene hecken alsdann Bosheiten, und die&#x017F;e Verzweiflung<lb/>
aus. Er&#x017F;tere ha&#x0364;ngen mit allen ihren Gedanken noch zu bege-<lb/>
henden Su&#x0364;nden nach: letztere ha&#x0364;rmen &#x017F;ich zu &#x017F;ehr u&#x0364;ber begangene,<lb/>
die doch Gott ihnen &#x017F;chon la&#x0364;ng&#x017F;tens und o&#x0364;fters auf ihr Gebet ver-<lb/>
geben hat. Fu&#x0364;r beide i&#x017F;t anhaltende Arbeit und vernu&#x0364;nftige Ge-<lb/>
&#x017F;ell&#x017F;chaft eine Arzenei. Er&#x017F;tere nehmen auch die&#x017F;es Heilmittel zu<lb/>
zeiten an: letztere aber weinen, wenn ihnen die Gelegenheit zu<lb/>
weinen benommen wird. Sie &#x017F;cheinen Gott zu &#x017F;uchen: und &#x017F;u-<lb/>
chen ihre Qual.</p><lb/>
            <fw place="bottom" type="sig">O 4</fw>
            <fw place="bottom" type="catch">Jedoch;</fw><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[215[245]/0252] Der 13te April. Wenn ich in ſtiller Einſamkeit Mein Herz an dich ergebe, Und, uͤber deine Huld erfreut, Lobſingend dich erhebe: So hoͤrſt du es, und ſtehſt mir bei, Daß ich dir immer treuer ſey. Die Einſamkeit iſt ein ziemlich ſichrer Probierſtein unſers Charakters. Die Chineſen haben ein Spruͤchwort: daß niemand ſich fuͤr keuſch halten duͤrfe, der es nicht auch in der ſicherſten Einſamkeit freiwillig iſt; oder fuͤr verſoͤhnlich, der ſeinen ſchlafenden von aller Huͤlfe abgeſonderten Feind, im Schlafe ſtoͤhrt; und endlich, daß wer kein Dieb ſeyn wolle, ungeſehen das Gold ſeines Naͤchſten mit Fuͤſſen treten muͤſſe. — Wenn Heiden ſolche Tugenden fodern, ſo muß der einſame Chriſt ein Engel ſeyn. Er, der eine Geſellſchaft um ſich weiß, welche jene nicht kennen. Es gibt nur wenig Perſonen, denen die Einſamkeit ſchaͤdlich waͤre, und das ſind mutwillige Suͤnder und ſchwermuͤtige Chri- ſten. Jene hecken alsdann Bosheiten, und dieſe Verzweiflung aus. Erſtere haͤngen mit allen ihren Gedanken noch zu bege- henden Suͤnden nach: letztere haͤrmen ſich zu ſehr uͤber begangene, die doch Gott ihnen ſchon laͤngſtens und oͤfters auf ihr Gebet ver- geben hat. Fuͤr beide iſt anhaltende Arbeit und vernuͤnftige Ge- ſellſchaft eine Arzenei. Erſtere nehmen auch dieſes Heilmittel zu zeiten an: letztere aber weinen, wenn ihnen die Gelegenheit zu weinen benommen wird. Sie ſcheinen Gott zu ſuchen: und ſu- chen ihre Qual. Jedoch; O 4

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Matthias Boenig, Benjamin Fiechter, Susanne Haaf, Li Xang: Bearbeitung und strukturelle Auszeichnung der durch die Grepect GmbH bereitgestellten Texttranskription. (2023-05-24T12:24:22Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Britt-Marie Schuster, Alexander Geyken, Susanne Haaf, Christopher Georgi, Frauke Thielert, Linda Kirsten, t.evo: Die Evolution von komplexen Textmustern: Aufbau eines Korpus historischer Zeitungen zur Untersuchung der Mehrdimensionalität des Textmusterwandels

Weitere Informationen:

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/252
Zitationshilfe: Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775, S. 215[245]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/252>, abgerufen am 18.05.2024.