Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775.

Bild:
<< vorherige Seite


Der 19te April.
Groß ist der Herr, der stumme Völker der Meere
Zu weiten Karavanen ruft!
Wer stärket, wie er, den Fittig befiederter Heere?
Die Heimat market er ihnen in Luft.


Ein geflißner Verehrer Gottes findet jetzt allenthalben reichen
Stoff. Der Wiederstrich der Vögel und Fische, sind
dem Weisen eine wichtige Betrachtung, dem Thoren sind sie eine
Läpperei. Aber auch dieser erkundiget sich ja nach dem Laufe der
Posten, oder nach der Zeit des nützlichsten Einkaufs und Verkaufs.
Verdient denn nicht jede göttliche Einrichtung mehr Nachdenken,
und belohnet nicht jedes Nachdenken mit freudiger Verehrung
Gottes?

Die Nachtigall und andre Vögel, welche vom Gewürme
leben, stellen sich jetzt bei uns ein, und es ist billig, daß ich sie zum
Ruhm unsers Schöpfers empfange. Woher kommt ihr denn,
kleine Sänger! Wie kontet ihr eine so weite Reise ohne Kompaß
und Vorrath antreten? So klug finde ich mit aller Vernunft
und mit allen Landkarten den Weg nicht, wie ihr ihn über Meere
und Gebürge findet. Zu meinen kleinen Reisen gehören viele Be-
denklichkeiten und Vorkehrungen. Jhr aber findet euren Geburts-
strauch wieder, den euch auch der nächste Landmann nicht kentlich
machen könte. Eure Kentniß der Welt oder Erde muß sehr von
der meinigen verschieden seyn!

Folgende Fragen lehren mich Gottes Grösse und mein Nichts:
Warum streichen die Vögel hinweg? Einige bleiben den Winter
über bei uns, als Emmerlinge, Gimpel, Krähen, Raben, Krum-
schnäbel, Sperlinge, Zaunkönige, Rebhüner und Kramtsvögel. An-
dre (und das ist höchst bewundernswerth) ziehen nur größtentheils
hinweg, als Amseln, Bachstelzen, Dohlen, Elster, Finken, Hänflinge
Häher, Meisen, Rothkehlchen, Spechte, Stieglitze, Zeisige, und einige
wenige andre. Ganz und gar aber verlassen uns zuerst die Rhein-

schwalben,
P 2


Der 19te April.
Groß iſt der Herr, der ſtumme Voͤlker der Meere
Zu weiten Karavanen ruft!
Wer ſtaͤrket, wie er, den Fittig befiederter Heere?
Die Heimat market er ihnen in Luft.


Ein geflißner Verehrer Gottes findet jetzt allenthalben reichen
Stoff. Der Wiederſtrich der Voͤgel und Fiſche, ſind
dem Weiſen eine wichtige Betrachtung, dem Thoren ſind ſie eine
Laͤpperei. Aber auch dieſer erkundiget ſich ja nach dem Laufe der
Poſten, oder nach der Zeit des nuͤtzlichſten Einkaufs und Verkaufs.
Verdient denn nicht jede goͤttliche Einrichtung mehr Nachdenken,
und belohnet nicht jedes Nachdenken mit freudiger Verehrung
Gottes?

Die Nachtigall und andre Voͤgel, welche vom Gewuͤrme
leben, ſtellen ſich jetzt bei uns ein, und es iſt billig, daß ich ſie zum
Ruhm unſers Schoͤpfers empfange. Woher kommt ihr denn,
kleine Saͤnger! Wie kontet ihr eine ſo weite Reiſe ohne Kompaß
und Vorrath antreten? So klug finde ich mit aller Vernunft
und mit allen Landkarten den Weg nicht, wie ihr ihn uͤber Meere
und Gebuͤrge findet. Zu meinen kleinen Reiſen gehoͤren viele Be-
denklichkeiten und Vorkehrungen. Jhr aber findet euren Geburts-
ſtrauch wieder, den euch auch der naͤchſte Landmann nicht kentlich
machen koͤnte. Eure Kentniß der Welt oder Erde muß ſehr von
der meinigen verſchieden ſeyn!

Folgende Fragen lehren mich Gottes Groͤſſe und mein Nichts:
Warum ſtreichen die Voͤgel hinweg? Einige bleiben den Winter
uͤber bei uns, als Emmerlinge, Gimpel, Kraͤhen, Raben, Krum-
ſchnaͤbel, Sperlinge, Zaunkoͤnige, Rebhuͤner und Kramtsvoͤgel. An-
dre (und das iſt hoͤchſt bewundernswerth) ziehen nur groͤßtentheils
hinweg, als Amſeln, Bachſtelzen, Dohlen, Elſter, Finken, Haͤnflinge
Haͤher, Meiſen, Rothkehlchen, Spechte, Stieglitze, Zeiſige, und einige
wenige andre. Ganz und gar aber verlaſſen uns zuerſt die Rhein-

ſchwalben,
P 2
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0264" n="227[257]"/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b">Der 19<hi rendition="#sup">te</hi> April.</hi> </head><lb/>
            <lg type="poem">
              <l><hi rendition="#in">G</hi>roß i&#x017F;t der Herr, der &#x017F;tumme Vo&#x0364;lker der Meere</l><lb/>
              <l>Zu weiten Karavanen ruft!</l><lb/>
              <l>Wer &#x017F;ta&#x0364;rket, wie er, den Fittig befiederter Heere?</l><lb/>
              <l>Die Heimat market er ihnen in Luft.</l>
            </lg><lb/>
            <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
            <p><hi rendition="#in">E</hi>in geflißner Verehrer Gottes findet jetzt allenthalben reichen<lb/>
Stoff. <hi rendition="#fr">Der Wieder&#x017F;trich der Vo&#x0364;gel</hi> und Fi&#x017F;che, &#x017F;ind<lb/>
dem Wei&#x017F;en eine wichtige Betrachtung, dem Thoren &#x017F;ind &#x017F;ie eine<lb/>
La&#x0364;pperei. Aber auch die&#x017F;er erkundiget &#x017F;ich ja nach dem Laufe der<lb/>
Po&#x017F;ten, oder nach der Zeit des nu&#x0364;tzlich&#x017F;ten Einkaufs und Verkaufs.<lb/>
Verdient denn nicht jede go&#x0364;ttliche Einrichtung mehr Nachdenken,<lb/>
und belohnet nicht jedes Nachdenken mit freudiger Verehrung<lb/>
Gottes?</p><lb/>
            <p>Die Nachtigall und andre Vo&#x0364;gel, welche vom Gewu&#x0364;rme<lb/>
leben, &#x017F;tellen &#x017F;ich jetzt bei uns ein, und es i&#x017F;t billig, daß ich &#x017F;ie zum<lb/>
Ruhm un&#x017F;ers Scho&#x0364;pfers empfange. Woher kommt ihr denn,<lb/>
kleine Sa&#x0364;nger! Wie kontet ihr eine &#x017F;o weite Rei&#x017F;e ohne Kompaß<lb/>
und Vorrath antreten? So klug finde ich mit aller Vernunft<lb/>
und mit allen Landkarten den Weg nicht, wie ihr ihn u&#x0364;ber Meere<lb/>
und Gebu&#x0364;rge findet. Zu meinen kleinen Rei&#x017F;en geho&#x0364;ren viele Be-<lb/>
denklichkeiten und Vorkehrungen. Jhr aber findet euren Geburts-<lb/>
&#x017F;trauch wieder, den euch auch der na&#x0364;ch&#x017F;te Landmann nicht kentlich<lb/>
machen ko&#x0364;nte. Eure Kentniß der Welt oder Erde muß &#x017F;ehr von<lb/>
der meinigen ver&#x017F;chieden &#x017F;eyn!</p><lb/>
            <p>Folgende Fragen lehren mich Gottes Gro&#x0364;&#x017F;&#x017F;e und mein Nichts:<lb/>
Warum &#x017F;treichen die Vo&#x0364;gel hinweg? Einige bleiben den Winter<lb/>
u&#x0364;ber bei uns, als Emmerlinge, Gimpel, Kra&#x0364;hen, Raben, Krum-<lb/>
&#x017F;chna&#x0364;bel, Sperlinge, Zaunko&#x0364;nige, Rebhu&#x0364;ner und Kramtsvo&#x0364;gel. An-<lb/>
dre (und das i&#x017F;t ho&#x0364;ch&#x017F;t bewundernswerth) ziehen nur gro&#x0364;ßtentheils<lb/>
hinweg, als Am&#x017F;eln, Bach&#x017F;telzen, Dohlen, El&#x017F;ter, Finken, Ha&#x0364;nflinge<lb/>
Ha&#x0364;her, Mei&#x017F;en, Rothkehlchen, Spechte, Stieglitze, Zei&#x017F;ige, und einige<lb/>
wenige andre. Ganz und gar aber verla&#x017F;&#x017F;en uns zuer&#x017F;t die Rhein-<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">P 2</fw><fw place="bottom" type="catch">&#x017F;chwalben,</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[227[257]/0264] Der 19te April. Groß iſt der Herr, der ſtumme Voͤlker der Meere Zu weiten Karavanen ruft! Wer ſtaͤrket, wie er, den Fittig befiederter Heere? Die Heimat market er ihnen in Luft. Ein geflißner Verehrer Gottes findet jetzt allenthalben reichen Stoff. Der Wiederſtrich der Voͤgel und Fiſche, ſind dem Weiſen eine wichtige Betrachtung, dem Thoren ſind ſie eine Laͤpperei. Aber auch dieſer erkundiget ſich ja nach dem Laufe der Poſten, oder nach der Zeit des nuͤtzlichſten Einkaufs und Verkaufs. Verdient denn nicht jede goͤttliche Einrichtung mehr Nachdenken, und belohnet nicht jedes Nachdenken mit freudiger Verehrung Gottes? Die Nachtigall und andre Voͤgel, welche vom Gewuͤrme leben, ſtellen ſich jetzt bei uns ein, und es iſt billig, daß ich ſie zum Ruhm unſers Schoͤpfers empfange. Woher kommt ihr denn, kleine Saͤnger! Wie kontet ihr eine ſo weite Reiſe ohne Kompaß und Vorrath antreten? So klug finde ich mit aller Vernunft und mit allen Landkarten den Weg nicht, wie ihr ihn uͤber Meere und Gebuͤrge findet. Zu meinen kleinen Reiſen gehoͤren viele Be- denklichkeiten und Vorkehrungen. Jhr aber findet euren Geburts- ſtrauch wieder, den euch auch der naͤchſte Landmann nicht kentlich machen koͤnte. Eure Kentniß der Welt oder Erde muß ſehr von der meinigen verſchieden ſeyn! Folgende Fragen lehren mich Gottes Groͤſſe und mein Nichts: Warum ſtreichen die Voͤgel hinweg? Einige bleiben den Winter uͤber bei uns, als Emmerlinge, Gimpel, Kraͤhen, Raben, Krum- ſchnaͤbel, Sperlinge, Zaunkoͤnige, Rebhuͤner und Kramtsvoͤgel. An- dre (und das iſt hoͤchſt bewundernswerth) ziehen nur groͤßtentheils hinweg, als Amſeln, Bachſtelzen, Dohlen, Elſter, Finken, Haͤnflinge Haͤher, Meiſen, Rothkehlchen, Spechte, Stieglitze, Zeiſige, und einige wenige andre. Ganz und gar aber verlaſſen uns zuerſt die Rhein- ſchwalben, P 2

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Matthias Boenig, Benjamin Fiechter, Susanne Haaf, Li Xang: Bearbeitung und strukturelle Auszeichnung der durch die Grepect GmbH bereitgestellten Texttranskription. (2023-05-24T12:24:22Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Britt-Marie Schuster, Alexander Geyken, Susanne Haaf, Christopher Georgi, Frauke Thielert, Linda Kirsten, t.evo: Die Evolution von komplexen Textmustern: Aufbau eines Korpus historischer Zeitungen zur Untersuchung der Mehrdimensionalität des Textmusterwandels

Weitere Informationen:

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/264
Zitationshilfe: Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775, S. 227[257]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/264>, abgerufen am 18.05.2024.