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Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775.

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Der 1te Mai.
Du krönst das Jahr mit deiner milden Gnade;
Gedei'n und Wachsthum folgen deinem Pfade;
Und tränfeln, wo du wandelst, daß die Erde
Befruchtet werde.


Herr! keine Kreatur suchet dich jetzt vergebens; fühlen und
finden kan dich der blödsichtigste Mensch: denn du bist zwar
niemals fern von einem jeglichen unter uns, jetzo aber le-
ben und weben wir sichtbarer in dir wie sonst. Der Winter
schränket uns auf den Umgang mit wenigen Menschen ein, und
da sehen und hören wir nicht viel zu deinem Lobe. Der schöne
Monat
aber, den wir heut anfingen; wer kan da deiner Güte
entrinnen!

Betracht mich doch, rufen wetteifernde Blumen; sieh, o
Mensch! so schön hat mich Gott für dich gebildet! umfonst! der
Flatterhafte gehet vorüber. Aber gleich als ob diese kleine bunte
Redner ihn aufhalten wolten, so hüllen sie ihn geschwinde in ihren
balsamischen Duft ein. Jhr süsser Geruch verfolget ihn, und
bittet: o Mensch! empfind doch die Güte deines Gottes! --
Umsonst! der Unempfindliche eilet fort. Aber der allgütige Gott
verfolget ihn noch immer. Dort schütteln Bäume ihre Blüten,
wie Schneeflocken, auf ihn herab, und machen Miene, ihn zu
verschütten, wofern er nicht Gott loben wolle. Sieh doch her,
Undankbarer! rauschen sie, erdrückende Lasten von Obst wollen
wir für dich tragen, bet nur unsern Schöpfer an. Ber unsern
Schöpfer an, hallet der Vögel Gesang von Zweigen tausendfach
wieder. Umsonst! der stumme Mensch setzet die Jagd seiner
Sinne fort, und will selbst angebetet seyn. Jedoch, endlich
wirft er sich am Abend auf den Rasen hin, und höret den Schlag

der


Der 1te Mai.
Du kroͤnſt das Jahr mit deiner milden Gnade;
Gedei’n und Wachsthum folgen deinem Pfade;
Und traͤnfeln, wo du wandelſt, daß die Erde
Befruchtet werde.


Herr! keine Kreatur ſuchet dich jetzt vergebens; fuͤhlen und
finden kan dich der bloͤdſichtigſte Menſch: denn du biſt zwar
niemals fern von einem jeglichen unter uns, jetzo aber le-
ben und weben wir ſichtbarer in dir wie ſonſt. Der Winter
ſchraͤnket uns auf den Umgang mit wenigen Menſchen ein, und
da ſehen und hoͤren wir nicht viel zu deinem Lobe. Der ſchoͤne
Monat
aber, den wir heut anfingen; wer kan da deiner Guͤte
entrinnen!

Betracht mich doch, rufen wetteifernde Blumen; ſieh, o
Menſch! ſo ſchoͤn hat mich Gott fuͤr dich gebildet! umfonſt! der
Flatterhafte gehet voruͤber. Aber gleich als ob dieſe kleine bunte
Redner ihn aufhalten wolten, ſo huͤllen ſie ihn geſchwinde in ihren
balſamiſchen Duft ein. Jhr ſuͤſſer Geruch verfolget ihn, und
bittet: o Menſch! empfind doch die Guͤte deines Gottes! —
Umſonſt! der Unempfindliche eilet fort. Aber der allguͤtige Gott
verfolget ihn noch immer. Dort ſchuͤtteln Baͤume ihre Bluͤten,
wie Schneeflocken, auf ihn herab, und machen Miene, ihn zu
verſchuͤtten, wofern er nicht Gott loben wolle. Sieh doch her,
Undankbarer! rauſchen ſie, erdruͤckende Laſten von Obſt wollen
wir fuͤr dich tragen, bet nur unſern Schoͤpfer an. Ber unſern
Schoͤpfer an, hallet der Voͤgel Geſang von Zweigen tauſendfach
wieder. Umſonſt! der ſtumme Menſch ſetzet die Jagd ſeiner
Sinne fort, und will ſelbſt angebetet ſeyn. Jedoch, endlich
wirft er ſich am Abend auf den Raſen hin, und hoͤret den Schlag

der
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[253[283]/0290] Der 1te Mai. Du kroͤnſt das Jahr mit deiner milden Gnade; Gedei’n und Wachsthum folgen deinem Pfade; Und traͤnfeln, wo du wandelſt, daß die Erde Befruchtet werde. Herr! keine Kreatur ſuchet dich jetzt vergebens; fuͤhlen und finden kan dich der bloͤdſichtigſte Menſch: denn du biſt zwar niemals fern von einem jeglichen unter uns, jetzo aber le- ben und weben wir ſichtbarer in dir wie ſonſt. Der Winter ſchraͤnket uns auf den Umgang mit wenigen Menſchen ein, und da ſehen und hoͤren wir nicht viel zu deinem Lobe. Der ſchoͤne Monat aber, den wir heut anfingen; wer kan da deiner Guͤte entrinnen! Betracht mich doch, rufen wetteifernde Blumen; ſieh, o Menſch! ſo ſchoͤn hat mich Gott fuͤr dich gebildet! umfonſt! der Flatterhafte gehet voruͤber. Aber gleich als ob dieſe kleine bunte Redner ihn aufhalten wolten, ſo huͤllen ſie ihn geſchwinde in ihren balſamiſchen Duft ein. Jhr ſuͤſſer Geruch verfolget ihn, und bittet: o Menſch! empfind doch die Guͤte deines Gottes! — Umſonſt! der Unempfindliche eilet fort. Aber der allguͤtige Gott verfolget ihn noch immer. Dort ſchuͤtteln Baͤume ihre Bluͤten, wie Schneeflocken, auf ihn herab, und machen Miene, ihn zu verſchuͤtten, wofern er nicht Gott loben wolle. Sieh doch her, Undankbarer! rauſchen ſie, erdruͤckende Laſten von Obſt wollen wir fuͤr dich tragen, bet nur unſern Schoͤpfer an. Ber unſern Schoͤpfer an, hallet der Voͤgel Geſang von Zweigen tauſendfach wieder. Umſonſt! der ſtumme Menſch ſetzet die Jagd ſeiner Sinne fort, und will ſelbſt angebetet ſeyn. Jedoch, endlich wirft er ſich am Abend auf den Raſen hin, und hoͤret den Schlag der

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Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




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Zitationshilfe: Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775, S. 253[283]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/290>, abgerufen am 23.05.2024.