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Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775.

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Der 3te Mai.
Ach! Richter, deine Dräuungen beweisen,
Daß du gerecht bist! deine Strafen preisen
Dich: daß du rein seyst, heilig, der Verbrecher
Furchtbarer Rächer!


Du wilst, du mußt die Sünden der Väter heimsuchen an den
Kindern bis ins dritte und vierte Glied. Das seh ich täg-
lich, und könt es noch mehr sehen, wenn ich aufmerksamer wäre
auf die bestrafte Nachkommen der Gottlosen.

Noch immer wandeln die Missethaten der Vorwelt vor unsern
Augen umher. Die Väter haben Härlinge gegessen, und den
Kindern sind die Zähne stumpf davon geworden. Viele Be[unleserliches Material - 1 Zeichen fehlt]ler
winseln uns den Wucher, die Prozeßsucht, die Verschwendung
und Faulheit ihrer Eltern oder Ureltern vor. Sieche Gesichter,
welche Schwindsucht, Podagra oder verdorbne Sinnen erbten,
sind ein trauriges Gemälde jener Ausschweifungen, welche vor
dreißig, funfzig Jahren begangen wurden. Krüppel klagen über
Verwahrlosung in der Jugend; und manche verachtete Familie
trägt das Brandmal der Schandthaten Eines ihrer Ahnen. Ein
Staat, der viele üppige Häuser duldet, hat viele Spitäler nö-
thig. Alles das sind furchtbare Ruinen lustiger und glänzender
Sünden, welche vieleicht schon im vorigen Jahrhundert ihr keckes
Haupt erhoben. Und wie sicher wandern wir nicht mehrentheils
unter ihnen herum! Als wenn unsre vertheidigte und schmeichelnde
Sünden nicht ebenfals scheußliche Spuren hinterlassen würden!

So wie ein Land es nicht leicht verwindet, wenn es eine
Zeitlang einen Tirannen, oder ein Kind zum Regenten hatte: so
auch einzelne Familien. Armut, Verachtung und vergiftetes

Blut,
Tiedens Abendand. I. Th. R


Der 3te Mai.
Ach! Richter, deine Draͤuungen beweiſen,
Daß du gerecht biſt! deine Strafen preiſen
Dich: daß du rein ſeyſt, heilig, der Verbrecher
Furchtbarer Raͤcher!


Du wilſt, du mußt die Suͤnden der Vaͤter heimſuchen an den
Kindern bis ins dritte und vierte Glied. Das ſeh ich taͤg-
lich, und koͤnt es noch mehr ſehen, wenn ich aufmerkſamer waͤre
auf die beſtrafte Nachkommen der Gottloſen.

Noch immer wandeln die Miſſethaten der Vorwelt vor unſern
Augen umher. Die Vaͤter haben Haͤrlinge gegeſſen, und den
Kindern ſind die Zaͤhne ſtumpf davon geworden. Viele Be[unleserliches Material – 1 Zeichen fehlt]ler
winſeln uns den Wucher, die Prozeßſucht, die Verſchwendung
und Faulheit ihrer Eltern oder Ureltern vor. Sieche Geſichter,
welche Schwindſucht, Podagra oder verdorbne Sinnen erbten,
ſind ein trauriges Gemaͤlde jener Ausſchweifungen, welche vor
dreißig, funfzig Jahren begangen wurden. Kruͤppel klagen uͤber
Verwahrloſung in der Jugend; und manche verachtete Familie
traͤgt das Brandmal der Schandthaten Eines ihrer Ahnen. Ein
Staat, der viele uͤppige Haͤuſer duldet, hat viele Spitaͤler noͤ-
thig. Alles das ſind furchtbare Ruinen luſtiger und glaͤnzender
Suͤnden, welche vieleicht ſchon im vorigen Jahrhundert ihr keckes
Haupt erhoben. Und wie ſicher wandern wir nicht mehrentheils
unter ihnen herum! Als wenn unſre vertheidigte und ſchmeichelnde
Suͤnden nicht ebenfals ſcheußliche Spuren hinterlaſſen wuͤrden!

So wie ein Land es nicht leicht verwindet, wenn es eine
Zeitlang einen Tirannen, oder ein Kind zum Regenten hatte: ſo
auch einzelne Familien. Armut, Verachtung und vergiftetes

Blut,
Tiedens Abendand. I. Th. R
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[257[287]/0294] Der 3te Mai. Ach! Richter, deine Draͤuungen beweiſen, Daß du gerecht biſt! deine Strafen preiſen Dich: daß du rein ſeyſt, heilig, der Verbrecher Furchtbarer Raͤcher! Du wilſt, du mußt die Suͤnden der Vaͤter heimſuchen an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied. Das ſeh ich taͤg- lich, und koͤnt es noch mehr ſehen, wenn ich aufmerkſamer waͤre auf die beſtrafte Nachkommen der Gottloſen. Noch immer wandeln die Miſſethaten der Vorwelt vor unſern Augen umher. Die Vaͤter haben Haͤrlinge gegeſſen, und den Kindern ſind die Zaͤhne ſtumpf davon geworden. Viele Be_ler winſeln uns den Wucher, die Prozeßſucht, die Verſchwendung und Faulheit ihrer Eltern oder Ureltern vor. Sieche Geſichter, welche Schwindſucht, Podagra oder verdorbne Sinnen erbten, ſind ein trauriges Gemaͤlde jener Ausſchweifungen, welche vor dreißig, funfzig Jahren begangen wurden. Kruͤppel klagen uͤber Verwahrloſung in der Jugend; und manche verachtete Familie traͤgt das Brandmal der Schandthaten Eines ihrer Ahnen. Ein Staat, der viele uͤppige Haͤuſer duldet, hat viele Spitaͤler noͤ- thig. Alles das ſind furchtbare Ruinen luſtiger und glaͤnzender Suͤnden, welche vieleicht ſchon im vorigen Jahrhundert ihr keckes Haupt erhoben. Und wie ſicher wandern wir nicht mehrentheils unter ihnen herum! Als wenn unſre vertheidigte und ſchmeichelnde Suͤnden nicht ebenfals ſcheußliche Spuren hinterlaſſen wuͤrden! So wie ein Land es nicht leicht verwindet, wenn es eine Zeitlang einen Tirannen, oder ein Kind zum Regenten hatte: ſo auch einzelne Familien. Armut, Verachtung und vergiftetes Blut, Tiedens Abendand. I. Th. R

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Zitationshilfe: Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775, S. 257[287]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/294>, abgerufen am 23.05.2024.