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Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775.

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Der 29te Junius.
Wenn zur Vollführung deiner Pflicht
Dich Gottes Liebe nicht beseelet:
So rühme dich der Tugend nicht,
Und wisse, daß dir alles fehlet.
Wenn Wollust, Vortheil, Eigensinn
Und Stolz dir nur das Gute rathen:
So thue noch so gute Thaten:
Du hast vor Gott den Lohn dahin!


Die Erde ist ein Jammerthal, und die Tugend eine Marter.
Diese übertriebne Vorwürfe werden von Geschlecht zu Ge-
schlecht treulich überliefert. Man klaget gar zu gern über die
Einrichtungen und den Willen Gottes, um sich selbst eine ver-
steckte Lobrede zu halten, als verdiene man ein beßres Schicksal;
und um seine Trägheit in der Tugend zu beschönigen.

Entweder handelt der Mensch, blos um sich ein Genüge zu
thun, es sey durch Geld, Ehre, gute Tage, und was es wolle:
oder er verlanget Gott ein Genüge zu thun. Jm ersten Fall
kennet er die erhabnen Bewegungsgründe der Christen
nicht, und seine Klagen haben kein Ende; denn er höret nicht
auf zu wünschen, und wird nimmer satt. Jm andern Fall
wird er getröstet; denn Gott nimt den guten Willen für die
That an, und der Anblick des Himmels überwieget allen Kum-
mer der Erde. Wer nur um sein selbst willen lebt, findet die
Menschen unerträglich und hält jede Pflicht für Tagelöhnerarbeit.
Wer aber aus Gott seine Bewegungsgründe herleitet, dem wird
keine Handlung zu schwer. Es hat einen griechischen Kaiser
(Mauritius) gegeben, welcher durch einen seiner Unterthanen

vom
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Der 29te Junius.
Wenn zur Vollfuͤhrung deiner Pflicht
Dich Gottes Liebe nicht beſeelet:
So ruͤhme dich der Tugend nicht,
Und wiſſe, daß dir alles fehlet.
Wenn Wolluſt, Vortheil, Eigenſinn
Und Stolz dir nur das Gute rathen:
So thue noch ſo gute Thaten:
Du haſt vor Gott den Lohn dahin!


Die Erde iſt ein Jammerthal, und die Tugend eine Marter.
Dieſe uͤbertriebne Vorwuͤrfe werden von Geſchlecht zu Ge-
ſchlecht treulich uͤberliefert. Man klaget gar zu gern uͤber die
Einrichtungen und den Willen Gottes, um ſich ſelbſt eine ver-
ſteckte Lobrede zu halten, als verdiene man ein beßres Schickſal;
und um ſeine Traͤgheit in der Tugend zu beſchoͤnigen.

Entweder handelt der Menſch, blos um ſich ein Genuͤge zu
thun, es ſey durch Geld, Ehre, gute Tage, und was es wolle:
oder er verlanget Gott ein Genuͤge zu thun. Jm erſten Fall
kennet er die erhabnen Bewegungsgruͤnde der Chriſten
nicht, und ſeine Klagen haben kein Ende; denn er hoͤret nicht
auf zu wuͤnſchen, und wird nimmer ſatt. Jm andern Fall
wird er getroͤſtet; denn Gott nimt den guten Willen fuͤr die
That an, und der Anblick des Himmels uͤberwieget allen Kum-
mer der Erde. Wer nur um ſein ſelbſt willen lebt, findet die
Menſchen unertraͤglich und haͤlt jede Pflicht fuͤr Tageloͤhnerarbeit.
Wer aber aus Gott ſeine Bewegungsgruͤnde herleitet, dem wird
keine Handlung zu ſchwer. Es hat einen griechiſchen Kaiſer
(Mauritius) gegeben, welcher durch einen ſeiner Unterthanen

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[373[403]/0410] Der 29te Junius. Wenn zur Vollfuͤhrung deiner Pflicht Dich Gottes Liebe nicht beſeelet: So ruͤhme dich der Tugend nicht, Und wiſſe, daß dir alles fehlet. Wenn Wolluſt, Vortheil, Eigenſinn Und Stolz dir nur das Gute rathen: So thue noch ſo gute Thaten: Du haſt vor Gott den Lohn dahin! Die Erde iſt ein Jammerthal, und die Tugend eine Marter. Dieſe uͤbertriebne Vorwuͤrfe werden von Geſchlecht zu Ge- ſchlecht treulich uͤberliefert. Man klaget gar zu gern uͤber die Einrichtungen und den Willen Gottes, um ſich ſelbſt eine ver- ſteckte Lobrede zu halten, als verdiene man ein beßres Schickſal; und um ſeine Traͤgheit in der Tugend zu beſchoͤnigen. Entweder handelt der Menſch, blos um ſich ein Genuͤge zu thun, es ſey durch Geld, Ehre, gute Tage, und was es wolle: oder er verlanget Gott ein Genuͤge zu thun. Jm erſten Fall kennet er die erhabnen Bewegungsgruͤnde der Chriſten nicht, und ſeine Klagen haben kein Ende; denn er hoͤret nicht auf zu wuͤnſchen, und wird nimmer ſatt. Jm andern Fall wird er getroͤſtet; denn Gott nimt den guten Willen fuͤr die That an, und der Anblick des Himmels uͤberwieget allen Kum- mer der Erde. Wer nur um ſein ſelbſt willen lebt, findet die Menſchen unertraͤglich und haͤlt jede Pflicht fuͤr Tageloͤhnerarbeit. Wer aber aus Gott ſeine Bewegungsgruͤnde herleitet, dem wird keine Handlung zu ſchwer. Es hat einen griechiſchen Kaiſer (Mauritius) gegeben, welcher durch einen ſeiner Unterthanen vom Aa 3

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Zitationshilfe: Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775, S. 373[403]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/410>, abgerufen am 19.05.2024.