Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775.

Bild:
<< vorherige Seite


Der 21te Januar.
Gott! hättest du, wenn Roth mich kränket,
Nicht Hofnung mir ins Herz gesenket:
Wie traurig wäre da mein Loos!
Denn, reißt mich gleich ein Sturm darnieder:
Die mächtge Hofnung hebt mich wieder!
Durch sie bleib ich, auch sinkend, groß.


Des Todes Bruder, dem Schlafe sich überliefern; einen Tag,
einen Monat, ein neues Jahr antreten; Stockungen im
Körper und Abnahme am Geist verspüren: das alles müßte mit
Zittern geschehen, wenn wir bedächten, daß der Ausgang für uns
fürchterlich seyn dürfte. Aber wir sind Kinder der Hofnung; nur
sehr Vernünftigen fällt es ein, des Herrn Beistand bei allen solchen
Vorfällen zu erflehen. Die meisten Menschen gehen, so zu sagen,
mit verbundenen Augen über den Abgründen auf schmalem Pfad
einher, ohne sich an Gott fest zu halten; sondern sich und ihrer schon
so oft bestraften Thorheit überlassen, hoffen sie immer das beste.

So gemißbraucht aber auch der angeborne Trieb der
Hofnung
ist, so bleibt er dennoch ein so nützliches als gemeinhin
unbemerktes Geschenk der gütigen Vorsicht. Es ist ein unnatürli-
cher Zustand, ohne alle Hofnung zu seyn; und die Verzweiflung
ist eine Krankheit des Körpers, oder Verrückung des Verstandes.
Wer gesund an Leib und Seele ist, den läßt Hofnung nicht zu
schanden werden. Aber ohne Gnade Gottes sind und bleiben wir
krank und hoffen ohne Grund. Der Leichtsinnige, welcher sich
jetzt ohne Vergebung seiner Sünden schlafen legt: warum ist er
so sicher, da doch gewiß einige in dieser Nacht plötzlich versterben
werden? Mit welcher Wahrscheinlichkeit getrauet sich der Laster-
hafte dieses Jahr gesund zu beschliessen? Und getrauete er sichs

nicht,


Der 21te Januar.
Gott! haͤtteſt du, wenn Roth mich kraͤnket,
Nicht Hofnung mir ins Herz geſenket:
Wie traurig waͤre da mein Loos!
Denn, reißt mich gleich ein Sturm darnieder:
Die maͤchtge Hofnung hebt mich wieder!
Durch ſie bleib ich, auch ſinkend, groß.


Des Todes Bruder, dem Schlafe ſich uͤberliefern; einen Tag,
einen Monat, ein neues Jahr antreten; Stockungen im
Koͤrper und Abnahme am Geiſt verſpuͤren: das alles muͤßte mit
Zittern geſchehen, wenn wir bedaͤchten, daß der Ausgang fuͤr uns
fuͤrchterlich ſeyn duͤrfte. Aber wir ſind Kinder der Hofnung; nur
ſehr Vernuͤnftigen faͤllt es ein, des Herrn Beiſtand bei allen ſolchen
Vorfaͤllen zu erflehen. Die meiſten Menſchen gehen, ſo zu ſagen,
mit verbundenen Augen uͤber den Abgruͤnden auf ſchmalem Pfad
einher, ohne ſich an Gott feſt zu halten; ſondern ſich und ihrer ſchon
ſo oft beſtraften Thorheit uͤberlaſſen, hoffen ſie immer das beſte.

So gemißbraucht aber auch der angeborne Trieb der
Hofnung
iſt, ſo bleibt er dennoch ein ſo nuͤtzliches als gemeinhin
unbemerktes Geſchenk der guͤtigen Vorſicht. Es iſt ein unnatuͤrli-
cher Zuſtand, ohne alle Hofnung zu ſeyn; und die Verzweiflung
iſt eine Krankheit des Koͤrpers, oder Verruͤckung des Verſtandes.
Wer geſund an Leib und Seele iſt, den laͤßt Hofnung nicht zu
ſchanden werden. Aber ohne Gnade Gottes ſind und bleiben wir
krank und hoffen ohne Grund. Der Leichtſinnige, welcher ſich
jetzt ohne Vergebung ſeiner Suͤnden ſchlafen legt: warum iſt er
ſo ſicher, da doch gewiß einige in dieſer Nacht ploͤtzlich verſterben
werden? Mit welcher Wahrſcheinlichkeit getrauet ſich der Laſter-
hafte dieſes Jahr geſund zu beſchlieſſen? Und getrauete er ſichs

nicht,
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0080" n="43[73]"/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b">Der 21<hi rendition="#sup">te</hi> Januar.</hi> </head><lb/>
            <lg type="poem">
              <l><hi rendition="#in">G</hi>ott! ha&#x0364;tte&#x017F;t du, wenn Roth mich kra&#x0364;nket,</l><lb/>
              <l>Nicht Hofnung mir ins Herz ge&#x017F;enket:</l><lb/>
              <l>Wie traurig wa&#x0364;re da mein Loos!</l><lb/>
              <l>Denn, reißt mich gleich ein Sturm darnieder:</l><lb/>
              <l>Die ma&#x0364;chtge Hofnung hebt mich wieder!</l><lb/>
              <l>Durch &#x017F;ie bleib ich, auch &#x017F;inkend, groß.</l>
            </lg><lb/>
            <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
            <p><hi rendition="#in">D</hi>es Todes Bruder, dem Schlafe &#x017F;ich u&#x0364;berliefern; einen Tag,<lb/>
einen Monat, ein neues Jahr antreten; Stockungen im<lb/>
Ko&#x0364;rper und Abnahme am Gei&#x017F;t ver&#x017F;pu&#x0364;ren: das alles mu&#x0364;ßte mit<lb/>
Zittern ge&#x017F;chehen, wenn wir beda&#x0364;chten, daß der Ausgang fu&#x0364;r uns<lb/>
fu&#x0364;rchterlich &#x017F;eyn du&#x0364;rfte. Aber wir &#x017F;ind Kinder der Hofnung; nur<lb/>
&#x017F;ehr Vernu&#x0364;nftigen fa&#x0364;llt es ein, des Herrn Bei&#x017F;tand bei allen &#x017F;olchen<lb/>
Vorfa&#x0364;llen zu erflehen. Die mei&#x017F;ten Men&#x017F;chen gehen, &#x017F;o zu &#x017F;agen,<lb/>
mit verbundenen Augen u&#x0364;ber den Abgru&#x0364;nden auf &#x017F;chmalem Pfad<lb/>
einher, ohne &#x017F;ich an Gott fe&#x017F;t zu halten; &#x017F;ondern &#x017F;ich und ihrer &#x017F;chon<lb/>
&#x017F;o oft be&#x017F;traften Thorheit u&#x0364;berla&#x017F;&#x017F;en, hoffen &#x017F;ie immer das be&#x017F;te.</p><lb/>
            <p>So gemißbraucht aber auch <hi rendition="#fr">der angeborne Trieb der<lb/>
Hofnung</hi> i&#x017F;t, &#x017F;o bleibt er dennoch ein &#x017F;o nu&#x0364;tzliches als gemeinhin<lb/>
unbemerktes Ge&#x017F;chenk der gu&#x0364;tigen Vor&#x017F;icht. Es i&#x017F;t ein unnatu&#x0364;rli-<lb/>
cher Zu&#x017F;tand, ohne alle Hofnung zu &#x017F;eyn; und die Verzweiflung<lb/>
i&#x017F;t eine Krankheit des Ko&#x0364;rpers, oder Verru&#x0364;ckung des Ver&#x017F;tandes.<lb/>
Wer ge&#x017F;und an Leib und Seele i&#x017F;t, den la&#x0364;ßt Hofnung nicht zu<lb/>
&#x017F;chanden werden. Aber ohne Gnade Gottes &#x017F;ind und bleiben wir<lb/>
krank und hoffen ohne Grund. Der Leicht&#x017F;innige, welcher &#x017F;ich<lb/>
jetzt ohne Vergebung &#x017F;einer Su&#x0364;nden &#x017F;chlafen legt: warum i&#x017F;t er<lb/>
&#x017F;o &#x017F;icher, da doch gewiß einige in die&#x017F;er Nacht plo&#x0364;tzlich ver&#x017F;terben<lb/>
werden? Mit welcher Wahr&#x017F;cheinlichkeit getrauet &#x017F;ich der La&#x017F;ter-<lb/>
hafte die&#x017F;es Jahr ge&#x017F;und zu be&#x017F;chlie&#x017F;&#x017F;en? Und getrauete er &#x017F;ichs<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">nicht,</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[43[73]/0080] Der 21te Januar. Gott! haͤtteſt du, wenn Roth mich kraͤnket, Nicht Hofnung mir ins Herz geſenket: Wie traurig waͤre da mein Loos! Denn, reißt mich gleich ein Sturm darnieder: Die maͤchtge Hofnung hebt mich wieder! Durch ſie bleib ich, auch ſinkend, groß. Des Todes Bruder, dem Schlafe ſich uͤberliefern; einen Tag, einen Monat, ein neues Jahr antreten; Stockungen im Koͤrper und Abnahme am Geiſt verſpuͤren: das alles muͤßte mit Zittern geſchehen, wenn wir bedaͤchten, daß der Ausgang fuͤr uns fuͤrchterlich ſeyn duͤrfte. Aber wir ſind Kinder der Hofnung; nur ſehr Vernuͤnftigen faͤllt es ein, des Herrn Beiſtand bei allen ſolchen Vorfaͤllen zu erflehen. Die meiſten Menſchen gehen, ſo zu ſagen, mit verbundenen Augen uͤber den Abgruͤnden auf ſchmalem Pfad einher, ohne ſich an Gott feſt zu halten; ſondern ſich und ihrer ſchon ſo oft beſtraften Thorheit uͤberlaſſen, hoffen ſie immer das beſte. So gemißbraucht aber auch der angeborne Trieb der Hofnung iſt, ſo bleibt er dennoch ein ſo nuͤtzliches als gemeinhin unbemerktes Geſchenk der guͤtigen Vorſicht. Es iſt ein unnatuͤrli- cher Zuſtand, ohne alle Hofnung zu ſeyn; und die Verzweiflung iſt eine Krankheit des Koͤrpers, oder Verruͤckung des Verſtandes. Wer geſund an Leib und Seele iſt, den laͤßt Hofnung nicht zu ſchanden werden. Aber ohne Gnade Gottes ſind und bleiben wir krank und hoffen ohne Grund. Der Leichtſinnige, welcher ſich jetzt ohne Vergebung ſeiner Suͤnden ſchlafen legt: warum iſt er ſo ſicher, da doch gewiß einige in dieſer Nacht ploͤtzlich verſterben werden? Mit welcher Wahrſcheinlichkeit getrauet ſich der Laſter- hafte dieſes Jahr geſund zu beſchlieſſen? Und getrauete er ſichs nicht,

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Matthias Boenig, Benjamin Fiechter, Susanne Haaf, Li Xang: Bearbeitung und strukturelle Auszeichnung der durch die Grepect GmbH bereitgestellten Texttranskription. (2023-05-24T12:24:22Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Britt-Marie Schuster, Alexander Geyken, Susanne Haaf, Christopher Georgi, Frauke Thielert, Linda Kirsten, t.evo: Die Evolution von komplexen Textmustern: Aufbau eines Korpus historischer Zeitungen zur Untersuchung der Mehrdimensionalität des Textmusterwandels

Weitere Informationen:

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/80
Zitationshilfe: Tiede, Johann Friedrich: Unterhaltungen mit Gott in den Abendstunden. Halle, 1775, S. 43[73]. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tiede_unterhaltungen01_1775/80>, abgerufen am 21.05.2024.