Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 1. Mannheim, 1837.

Bild:
<< vorherige Seite

ich sei in Wien als Arzt! -- Ich möchte, aus manchen Grün¬
den, den Faden mit ihm gern wieder anknüpfen! Wenn Sie
ihn doch den wesentlichsten Inhalt meiner Briefe wissen lassen
könnten. Er ist ja nicht weit von Ihnen; kömmt vermuthlich
zuweilen nach Karlsruhe! Er mag immer, wenn Sie's erlau¬
ben, meinen großen Brief ganz lesen! -- Was macht Ihre
Schwester, Schwager, Bruder? was Ihre Kinder? Luise habe
ich in Offenbach im letzten Jahre gesehn. Sie ist immer das
gute, sanfte, liebe Mädchen! -- Ich schlich mich damals nur
durch Frankfurt! -- Mir war sonderbar. Es ist unangenehm,
wenn man heimlich sein muß, wo man offen gern sein möchte.
Wenn man keine klare Rechenschaft von sich selbst geben kann! --

Leben Sie recht wohl. Vermuthlich schreibe ich Ihnen noch
Einmal von Hamburg. Sie sollen mich gewiß nie verlieren;
erhalten Sie mich auch hübsch bekannt mit Ihrem Hause. Wer
weiß, wo Sie und ich, oder ich und die Ihrigen, uns noch be¬
gegnen? --

Briefe nach Hamburg adressirt, kommen mir immer zu,
selbst wenn ich nicht in Hamburg bin, die gegebne Adresse ist
bleibend. Adieu, liebe, theilnehmende Freundin! Adieu, lieber
Herr Vetter! --

Glauben Sie nicht, daß Ehrgeiz oder wilde Begierde mich
treiben oder mich trieben. Ich glaube, consequent gehandelt zu
haben. Die Umstände warfen mich wider Willen in sonderbare
Lagen. Auf dem kürzesten Wege möchte ich gern dem häuslichen
Glück und der stillen Freude zueilen. Ich glaubte und glaube
noch, sie so auf dem kürzesten Wege zu finden. Selbst die dabei
interessirt sind, die sie theilen sollen, denken so. Drum geschah,
was geschehn ist. Mehr kann ich darüber nicht schreiben.

J. E. Vollmann.

7

ich ſei in Wien als Arzt! — Ich moͤchte, aus manchen Gruͤn¬
den, den Faden mit ihm gern wieder anknuͤpfen! Wenn Sie
ihn doch den weſentlichſten Inhalt meiner Briefe wiſſen laſſen
koͤnnten. Er iſt ja nicht weit von Ihnen; koͤmmt vermuthlich
zuweilen nach Karlsruhe! Er mag immer, wenn Sie’s erlau¬
ben, meinen großen Brief ganz leſen! — Was macht Ihre
Schweſter, Schwager, Bruder? was Ihre Kinder? Luiſe habe
ich in Offenbach im letzten Jahre geſehn. Sie iſt immer das
gute, ſanfte, liebe Maͤdchen! — Ich ſchlich mich damals nur
durch Frankfurt! — Mir war ſonderbar. Es iſt unangenehm,
wenn man heimlich ſein muß, wo man offen gern ſein moͤchte.
Wenn man keine klare Rechenſchaft von ſich ſelbſt geben kann! —

Leben Sie recht wohl. Vermuthlich ſchreibe ich Ihnen noch
Einmal von Hamburg. Sie ſollen mich gewiß nie verlieren;
erhalten Sie mich auch huͤbſch bekannt mit Ihrem Hauſe. Wer
weiß, wo Sie und ich, oder ich und die Ihrigen, uns noch be¬
gegnen? —

Briefe nach Hamburg adreſſirt, kommen mir immer zu,
ſelbſt wenn ich nicht in Hamburg bin, die gegebne Adreſſe iſt
bleibend. Adieu, liebe, theilnehmende Freundin! Adieu, lieber
Herr Vetter! —

Glauben Sie nicht, daß Ehrgeiz oder wilde Begierde mich
treiben oder mich trieben. Ich glaube, conſequent gehandelt zu
haben. Die Umſtaͤnde warfen mich wider Willen in ſonderbare
Lagen. Auf dem kuͤrzeſten Wege moͤchte ich gern dem haͤuslichen
Gluͤck und der ſtillen Freude zueilen. Ich glaubte und glaube
noch, ſie ſo auf dem kuͤrzeſten Wege zu finden. Selbſt die dabei
intereſſirt ſind, die ſie theilen ſollen, denken ſo. Drum geſchah,
was geſchehn iſt. Mehr kann ich daruͤber nicht ſchreiben.

J. E. Vollmann.

7
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <p><pb facs="#f0111" n="97"/>
ich &#x017F;ei in Wien als Arzt! &#x2014; Ich mo&#x0364;chte, aus manchen Gru&#x0364;<lb/>
den, den Faden mit ihm gern wieder anknu&#x0364;pfen! Wenn Sie<lb/>
ihn doch den we&#x017F;entlich&#x017F;ten Inhalt meiner Briefe wi&#x017F;&#x017F;en la&#x017F;&#x017F;en<lb/>
ko&#x0364;nnten. Er i&#x017F;t ja nicht weit von Ihnen; ko&#x0364;mmt vermuthlich<lb/>
zuweilen nach Karlsruhe! Er mag immer, wenn Sie&#x2019;s erlau¬<lb/>
ben, meinen großen Brief ganz le&#x017F;en! &#x2014; Was macht Ihre<lb/>
Schwe&#x017F;ter, Schwager, Bruder? was Ihre Kinder? Lui&#x017F;e habe<lb/>
ich in Offenbach im letzten Jahre ge&#x017F;ehn. Sie i&#x017F;t immer das<lb/>
gute, &#x017F;anfte, liebe Ma&#x0364;dchen! &#x2014; Ich &#x017F;chlich mich damals nur<lb/>
durch Frankfurt! &#x2014; Mir war &#x017F;onderbar. Es i&#x017F;t unangenehm,<lb/>
wenn man heimlich &#x017F;ein <hi rendition="#g">muß</hi>, wo man offen gern &#x017F;ein <hi rendition="#g">mo&#x0364;chte</hi>.<lb/>
Wenn man keine klare Rechen&#x017F;chaft von &#x017F;ich &#x017F;elb&#x017F;t geben kann! &#x2014;</p><lb/>
              <p>Leben Sie recht wohl. Vermuthlich &#x017F;chreibe ich Ihnen noch<lb/>
Einmal von Hamburg. Sie &#x017F;ollen mich gewiß nie verlieren;<lb/>
erhalten Sie mich auch hu&#x0364;b&#x017F;ch bekannt mit Ihrem Hau&#x017F;e. Wer<lb/>
weiß, wo Sie und ich, oder ich und die Ihrigen, uns noch be¬<lb/>
gegnen? &#x2014;</p><lb/>
              <p>Briefe nach Hamburg adre&#x017F;&#x017F;irt, kommen mir immer zu,<lb/>
&#x017F;elb&#x017F;t wenn ich nicht in Hamburg bin, die gegebne Adre&#x017F;&#x017F;e i&#x017F;t<lb/>
bleibend. Adieu, liebe, theilnehmende Freundin! Adieu, lieber<lb/>
Herr Vetter! &#x2014;</p><lb/>
              <p>Glauben Sie nicht, daß Ehrgeiz oder wilde Begierde mich<lb/>
treiben oder mich trieben. Ich glaube, con&#x017F;equent gehandelt zu<lb/>
haben. Die Um&#x017F;ta&#x0364;nde warfen mich wider Willen in &#x017F;onderbare<lb/>
Lagen. Auf dem ku&#x0364;rze&#x017F;ten Wege mo&#x0364;chte ich gern dem ha&#x0364;uslichen<lb/>
Glu&#x0364;ck und der &#x017F;tillen Freude zueilen. Ich glaubte und glaube<lb/>
noch, &#x017F;ie &#x017F;o auf dem ku&#x0364;rze&#x017F;ten Wege zu finden. Selb&#x017F;t die dabei<lb/>
intere&#x017F;&#x017F;irt &#x017F;ind, die &#x017F;ie theilen &#x017F;ollen, denken &#x017F;o. Drum ge&#x017F;chah,<lb/>
was ge&#x017F;chehn i&#x017F;t. Mehr kann ich daru&#x0364;ber nicht &#x017F;chreiben.</p><lb/>
              <p rendition="#right">J. E. Vollmann.</p><lb/>
              <fw place="bottom" type="sig"> <hi rendition="#b">7</hi><lb/>
              </fw>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[97/0111] ich ſei in Wien als Arzt! — Ich moͤchte, aus manchen Gruͤn¬ den, den Faden mit ihm gern wieder anknuͤpfen! Wenn Sie ihn doch den weſentlichſten Inhalt meiner Briefe wiſſen laſſen koͤnnten. Er iſt ja nicht weit von Ihnen; koͤmmt vermuthlich zuweilen nach Karlsruhe! Er mag immer, wenn Sie’s erlau¬ ben, meinen großen Brief ganz leſen! — Was macht Ihre Schweſter, Schwager, Bruder? was Ihre Kinder? Luiſe habe ich in Offenbach im letzten Jahre geſehn. Sie iſt immer das gute, ſanfte, liebe Maͤdchen! — Ich ſchlich mich damals nur durch Frankfurt! — Mir war ſonderbar. Es iſt unangenehm, wenn man heimlich ſein muß, wo man offen gern ſein moͤchte. Wenn man keine klare Rechenſchaft von ſich ſelbſt geben kann! — Leben Sie recht wohl. Vermuthlich ſchreibe ich Ihnen noch Einmal von Hamburg. Sie ſollen mich gewiß nie verlieren; erhalten Sie mich auch huͤbſch bekannt mit Ihrem Hauſe. Wer weiß, wo Sie und ich, oder ich und die Ihrigen, uns noch be¬ gegnen? — Briefe nach Hamburg adreſſirt, kommen mir immer zu, ſelbſt wenn ich nicht in Hamburg bin, die gegebne Adreſſe iſt bleibend. Adieu, liebe, theilnehmende Freundin! Adieu, lieber Herr Vetter! — Glauben Sie nicht, daß Ehrgeiz oder wilde Begierde mich treiben oder mich trieben. Ich glaube, conſequent gehandelt zu haben. Die Umſtaͤnde warfen mich wider Willen in ſonderbare Lagen. Auf dem kuͤrzeſten Wege moͤchte ich gern dem haͤuslichen Gluͤck und der ſtillen Freude zueilen. Ich glaubte und glaube noch, ſie ſo auf dem kuͤrzeſten Wege zu finden. Selbſt die dabei intereſſirt ſind, die ſie theilen ſollen, denken ſo. Drum geſchah, was geſchehn iſt. Mehr kann ich daruͤber nicht ſchreiben. J. E. Vollmann. 7

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten01_1837
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten01_1837/111
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Karl August: Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften. Bd. 1. Mannheim, 1837, S. 97. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_denkwuerdigkeiten01_1837/111>, abgerufen am 02.07.2022.