Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

viel Geld zusammen zu haben, als man zu einer Reise braucht,
so besuche ich euch, und gehe nach Frankreich. -- Du, liebe
Rose, schone und pflege deine Gesundheit! das allein ganz
Wesentliche, um zu leben: wie unbändig leid ist es mir, daß
die Trauer bei euch so strenge ist, das aggravirt den Schmerz
durch Langeweile: hier trauren wir nur sechs Wochen: länger
zu trauern kostet 100 Dukaten. Wäre ich nur bei dir! Ich
werde dir von Mamaens Haaren hier einlegen; weine nur
nicht zu sehr! Man kann es mäßigen, und provoziren: man
thut das letztere, aber mit Unrecht: man wird selbst alt, häß-
lich, und kommt näher dem Tode: nur die Thränen sind schön,
deren man sich gar nicht enthalten kann. Dir soll auch die
Tasse verwahrt werden, woraus Mama alle Morgen ihren
bürgerlichen guten Kaffee trank; und ein Halstuch, was sie
in der Krankheit trug, und ich ihr aus Paris mitgebracht habe.
Sage mir nur, wie ich es schicken soll. Versichere deine Fa-
milie, daß wir Alle ihren reinen Antheil und den Ausdruck
desselben empfunden haben. Und daß in Leid und Freude,
und Hülfe ihr wieder Drei besitzet, die redlich mit euch fühlen,
weinen, leiden, und für euch thun. Lebt recht wohl! Macht
euch nur mögliche Zerstreuung! und du Karl schreibe mir wei-
ter von deiner Meinung, deinem Gemüth und deiner Gesund-
heit. Ich bin ja nach Rose deine erste Freundin; und Freun-
dinnen sind gut!

Eure Rahel.

Les't Goethens neuen Roman! "Die Wahlverwandt-
schaften." Geistesstärkung!



viel Geld zuſammen zu haben, als man zu einer Reiſe braucht,
ſo beſuche ich euch, und gehe nach Frankreich. — Du, liebe
Roſe, ſchone und pflege deine Geſundheit! das allein ganz
Weſentliche, um zu leben: wie unbändig leid iſt es mir, daß
die Trauer bei euch ſo ſtrenge iſt, das aggravirt den Schmerz
durch Langeweile: hier trauren wir nur ſechs Wochen: länger
zu trauern koſtet 100 Dukaten. Wäre ich nur bei dir! Ich
werde dir von Mamaens Haaren hier einlegen; weine nur
nicht zu ſehr! Man kann es mäßigen, und provoziren: man
thut das letztere, aber mit Unrecht: man wird ſelbſt alt, häß-
lich, und kommt näher dem Tode: nur die Thränen ſind ſchön,
deren man ſich gar nicht enthalten kann. Dir ſoll auch die
Taſſe verwahrt werden, woraus Mama alle Morgen ihren
bürgerlichen guten Kaffee trank; und ein Halstuch, was ſie
in der Krankheit trug, und ich ihr aus Paris mitgebracht habe.
Sage mir nur, wie ich es ſchicken ſoll. Verſichere deine Fa-
milie, daß wir Alle ihren reinen Antheil und den Ausdruck
deſſelben empfunden haben. Und daß in Leid und Freude,
und Hülfe ihr wieder Drei beſitzet, die redlich mit euch fühlen,
weinen, leiden, und für euch thun. Lebt recht wohl! Macht
euch nur mögliche Zerſtreuung! und du Karl ſchreibe mir wei-
ter von deiner Meinung, deinem Gemüth und deiner Geſund-
heit. Ich bin ja nach Roſe deine erſte Freundin; und Freun-
dinnen ſind gut!

Eure Rahel.

Leſ’t Goethens neuen Roman! „Die Wahlverwandt-
ſchaften.“ Geiſtesſtärkung!



<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0461" n="447"/>
viel Geld zu&#x017F;ammen zu haben, als man zu einer Rei&#x017F;e braucht,<lb/>
&#x017F;o be&#x017F;uche ich euch, und gehe nach Frankreich. &#x2014; Du, liebe<lb/>
Ro&#x017F;e, &#x017F;chone und pflege deine Ge&#x017F;undheit! das allein ganz<lb/>
We&#x017F;entliche, um zu leben: wie unbändig leid i&#x017F;t es mir, daß<lb/>
die Trauer bei euch &#x017F;o &#x017F;trenge i&#x017F;t, das aggravirt den Schmerz<lb/>
durch Langeweile: hier trauren wir nur &#x017F;echs Wochen: länger<lb/>
zu trauern ko&#x017F;tet 100 Dukaten. Wäre ich nur bei dir! Ich<lb/>
werde dir von Mamaens Haaren hier einlegen; weine nur<lb/>
nicht zu &#x017F;ehr! Man kann es mäßigen, und provoziren: man<lb/>
thut das letztere, aber mit Unrecht: man wird &#x017F;elb&#x017F;t alt, häß-<lb/>
lich, und kommt näher dem Tode: nur die Thränen &#x017F;ind &#x017F;chön,<lb/>
deren man &#x017F;ich gar nicht enthalten kann. Dir &#x017F;oll auch die<lb/>
Ta&#x017F;&#x017F;e verwahrt werden, woraus Mama alle Morgen ihren<lb/>
bürgerlichen guten Kaffee trank; und ein Halstuch, was &#x017F;ie<lb/>
in der Krankheit trug, und ich ihr aus Paris mitgebracht habe.<lb/>
Sage mir nur, wie ich es &#x017F;chicken &#x017F;oll. Ver&#x017F;ichere deine Fa-<lb/>
milie, daß wir Alle ihren reinen Antheil und den Ausdruck<lb/>
de&#x017F;&#x017F;elben empfunden haben. Und daß in Leid und Freude,<lb/>
und Hülfe ihr wieder Drei be&#x017F;itzet, die redlich mit euch fühlen,<lb/>
weinen, leiden, und für euch thun. Lebt recht wohl! Macht<lb/>
euch nur mögliche Zer&#x017F;treuung! und du Karl &#x017F;chreibe mir wei-<lb/>
ter von deiner Meinung, deinem Gemüth und deiner Ge&#x017F;und-<lb/>
heit. Ich bin ja nach Ro&#x017F;e deine er&#x017F;te Freundin; und Freun-<lb/>
dinnen &#x017F;ind gut!</p>
          <closer>
            <salute> <hi rendition="#et">Eure Rahel.</hi> </salute>
          </closer><lb/>
          <postscript>
            <p>Le&#x017F;&#x2019;t Goethens neuen Roman! &#x201E;Die Wahlverwandt-<lb/>
&#x017F;chaften.&#x201C; Gei&#x017F;tes&#x017F;tärkung!</p>
          </postscript>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[447/0461] viel Geld zuſammen zu haben, als man zu einer Reiſe braucht, ſo beſuche ich euch, und gehe nach Frankreich. — Du, liebe Roſe, ſchone und pflege deine Geſundheit! das allein ganz Weſentliche, um zu leben: wie unbändig leid iſt es mir, daß die Trauer bei euch ſo ſtrenge iſt, das aggravirt den Schmerz durch Langeweile: hier trauren wir nur ſechs Wochen: länger zu trauern koſtet 100 Dukaten. Wäre ich nur bei dir! Ich werde dir von Mamaens Haaren hier einlegen; weine nur nicht zu ſehr! Man kann es mäßigen, und provoziren: man thut das letztere, aber mit Unrecht: man wird ſelbſt alt, häß- lich, und kommt näher dem Tode: nur die Thränen ſind ſchön, deren man ſich gar nicht enthalten kann. Dir ſoll auch die Taſſe verwahrt werden, woraus Mama alle Morgen ihren bürgerlichen guten Kaffee trank; und ein Halstuch, was ſie in der Krankheit trug, und ich ihr aus Paris mitgebracht habe. Sage mir nur, wie ich es ſchicken ſoll. Verſichere deine Fa- milie, daß wir Alle ihren reinen Antheil und den Ausdruck deſſelben empfunden haben. Und daß in Leid und Freude, und Hülfe ihr wieder Drei beſitzet, die redlich mit euch fühlen, weinen, leiden, und für euch thun. Lebt recht wohl! Macht euch nur mögliche Zerſtreuung! und du Karl ſchreibe mir wei- ter von deiner Meinung, deinem Gemüth und deiner Geſund- heit. Ich bin ja nach Roſe deine erſte Freundin; und Freun- dinnen ſind gut! Eure Rahel. Leſ’t Goethens neuen Roman! „Die Wahlverwandt- ſchaften.“ Geiſtesſtärkung!

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/461
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 447. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/461>, abgerufen am 25.02.2024.