Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834.

Bild:
<< vorherige Seite

regt er in schöpferischen Momenten des Lesers vieles an. Halbgesehn
hat er vieles. Die Wanderjahre las ich vor vierzehn Tagen, und hätte
Ihnen damals viel darüber sagen mögen. --



An Alexander von der Marwitz, in Friedersdorf.


Ich habe Ihren Brief vor mir, und will darauf antwor-
ten, als ob Sie mit mir sprächen. So sollten Sie es auch
machen! -- dann ist und bleibt eine Korrespondenz lebendig --
und ist nicht so viel Tod im Leben, ist es selbst nicht eigent-
lich das Ringen mit ihm, daß man es verbreiten, vermehren
soll, wo nur möglich? -- --

Als ich gestern nun beim Zuhausekommen Ihren dicken
Brief fand, getraut' ich mir vor Lust beinah nicht ihn zu er-
brechen, ich las ihn doch hastig, aber er freute mich nicht. Im
Gegentheil, das Herz sank mir; und so ist es noch. Warum
soll ich es nicht sagen? Nein, Lieber! So trübe können Sie
nicht bleiben. In Friedersdorf nicht. Ich sage es Ihnen noch
Einmal, wüßt' ich Sie gut, ich ging es ein, auf immer einen
andern Planeten, als den zu bewohnen, wo Sie sind, und
Sie einen andern, als wo ich bin. Ich kann Ihr Leben nicht
in der Luft erhalten: das ist ausgemacht; dazu gehört Ein-
mal ein anderer Wurf, ein anderes Ereigniß. Aber so dürfen
Sie nicht vereinsamen, auch ein halbes Jahr nicht, auch kei-
nen Sommer durch. In Friedersdorf ist keine Gesellschaft für
Sie; und die müssen Sie haben; lebendigen, alles anregenden
Umgang. Könnten Sie irgend ein strenges Studium vollsüh-

regt er in ſchöpferiſchen Momenten des Leſers vieles an. Halbgeſehn
hat er vieles. Die Wanderjahre las ich vor vierzehn Tagen, und hätte
Ihnen damals viel darüber ſagen mögen. —



An Alexander von der Marwitz, in Friedersdorf.


Ich habe Ihren Brief vor mir, und will darauf antwor-
ten, als ob Sie mit mir ſprächen. So ſollten Sie es auch
machen! — dann iſt und bleibt eine Korreſpondenz lebendig —
und iſt nicht ſo viel Tod im Leben, iſt es ſelbſt nicht eigent-
lich das Ringen mit ihm, daß man es verbreiten, vermehren
ſoll, wo nur möglich? — —

Als ich geſtern nun beim Zuhauſekommen Ihren dicken
Brief fand, getraut’ ich mir vor Luſt beinah nicht ihn zu er-
brechen, ich las ihn doch haſtig, aber er freute mich nicht. Im
Gegentheil, das Herz ſank mir; und ſo iſt es noch. Warum
ſoll ich es nicht ſagen? Nein, Lieber! So trübe können Sie
nicht bleiben. In Friedersdorf nicht. Ich ſage es Ihnen noch
Einmal, wüßt’ ich Sie gut, ich ging es ein, auf immer einen
andern Planeten, als den zu bewohnen, wo Sie ſind, und
Sie einen andern, als wo ich bin. Ich kann Ihr Leben nicht
in der Luft erhalten: das iſt ausgemacht; dazu gehört Ein-
mal ein anderer Wurf, ein anderes Ereigniß. Aber ſo dürfen
Sie nicht vereinſamen, auch ein halbes Jahr nicht, auch kei-
nen Sommer durch. In Friedersdorf iſt keine Geſellſchaft für
Sie; und die müſſen Sie haben; lebendigen, alles anregenden
Umgang. Könnten Sie irgend ein ſtrenges Studium vollſüh-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="3">
              <p><pb facs="#f0534" n="520"/>
regt er in &#x017F;chöpferi&#x017F;chen Momenten des Le&#x017F;ers vieles an. Halbge&#x017F;ehn<lb/>
hat er vieles. Die Wanderjahre las ich vor vierzehn Tagen, und hätte<lb/>
Ihnen damals viel darüber &#x017F;agen mögen. &#x2014;</p>
            </div>
          </div>
        </div><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <div n="2">
          <head>An Alexander von der Marwitz, in Friedersdorf.</head><lb/>
          <dateline> <hi rendition="#et">Dienstag Morgen 9 Uhr, den 28. Juni 1811.<lb/>
Bei der anhaltend&#x017F;ten Hitze, ohne Regen.</hi> </dateline><lb/>
          <p>Ich habe Ihren Brief vor mir, und will darauf antwor-<lb/>
ten, als ob Sie mit mir &#x017F;prächen. So &#x017F;ollten Sie es auch<lb/>
machen! &#x2014; dann i&#x017F;t und bleibt eine Korre&#x017F;pondenz lebendig &#x2014;<lb/>
und i&#x017F;t nicht &#x017F;o viel Tod im Leben, i&#x017F;t es &#x017F;elb&#x017F;t nicht eigent-<lb/>
lich das Ringen mit ihm, daß man es verbreiten, vermehren<lb/>
&#x017F;oll, wo nur möglich? &#x2014; &#x2014;</p><lb/>
          <p>Als ich ge&#x017F;tern nun beim Zuhau&#x017F;ekommen Ihren dicken<lb/>
Brief fand, getraut&#x2019; ich mir vor Lu&#x017F;t beinah nicht ihn zu er-<lb/>
brechen, ich las ihn doch ha&#x017F;tig, aber er freute mich nicht. Im<lb/>
Gegentheil, das Herz &#x017F;ank mir; und &#x017F;o i&#x017F;t es noch. Warum<lb/>
&#x017F;oll ich es nicht &#x017F;agen? Nein, Lieber! So trübe können Sie<lb/>
nicht bleiben. In Friedersdorf nicht. Ich &#x017F;age es Ihnen noch<lb/>
Einmal, wüßt&#x2019; ich Sie gut, ich ging es ein, auf immer einen<lb/>
andern Planeten, als den zu bewohnen, wo Sie &#x017F;ind, und<lb/>
Sie einen andern, als wo ich bin. Ich kann Ihr Leben nicht<lb/>
in der Luft erhalten: das i&#x017F;t ausgemacht; dazu gehört Ein-<lb/>
mal ein anderer Wurf, ein anderes Ereigniß. Aber &#x017F;o dürfen<lb/>
Sie nicht verein&#x017F;amen, auch ein halbes Jahr nicht, auch kei-<lb/>
nen Sommer durch. In Friedersdorf i&#x017F;t keine Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft für<lb/>
Sie; und die mü&#x017F;&#x017F;en Sie haben; lebendigen, alles anregenden<lb/>
Umgang. Könnten Sie irgend ein &#x017F;trenges Studium voll&#x017F;üh-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[520/0534] regt er in ſchöpferiſchen Momenten des Leſers vieles an. Halbgeſehn hat er vieles. Die Wanderjahre las ich vor vierzehn Tagen, und hätte Ihnen damals viel darüber ſagen mögen. — An Alexander von der Marwitz, in Friedersdorf. Dienstag Morgen 9 Uhr, den 28. Juni 1811. Bei der anhaltendſten Hitze, ohne Regen. Ich habe Ihren Brief vor mir, und will darauf antwor- ten, als ob Sie mit mir ſprächen. So ſollten Sie es auch machen! — dann iſt und bleibt eine Korreſpondenz lebendig — und iſt nicht ſo viel Tod im Leben, iſt es ſelbſt nicht eigent- lich das Ringen mit ihm, daß man es verbreiten, vermehren ſoll, wo nur möglich? — — Als ich geſtern nun beim Zuhauſekommen Ihren dicken Brief fand, getraut’ ich mir vor Luſt beinah nicht ihn zu er- brechen, ich las ihn doch haſtig, aber er freute mich nicht. Im Gegentheil, das Herz ſank mir; und ſo iſt es noch. Warum ſoll ich es nicht ſagen? Nein, Lieber! So trübe können Sie nicht bleiben. In Friedersdorf nicht. Ich ſage es Ihnen noch Einmal, wüßt’ ich Sie gut, ich ging es ein, auf immer einen andern Planeten, als den zu bewohnen, wo Sie ſind, und Sie einen andern, als wo ich bin. Ich kann Ihr Leben nicht in der Luft erhalten: das iſt ausgemacht; dazu gehört Ein- mal ein anderer Wurf, ein anderes Ereigniß. Aber ſo dürfen Sie nicht vereinſamen, auch ein halbes Jahr nicht, auch kei- nen Sommer durch. In Friedersdorf iſt keine Geſellſchaft für Sie; und die müſſen Sie haben; lebendigen, alles anregenden Umgang. Könnten Sie irgend ein ſtrenges Studium vollſüh-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/534
Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 520. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/534>, abgerufen am 08.03.2021.