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Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834.

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aber nur meine dritte, tiefste Vermuthung war wahr, er ver-
schiebt's bis auf eine lebendige Stimmung, und hat nichts
mitgenommen, welches ihm die eingiebt, Zwingen Sie sich
nun nicht mehr mir zu schreiben, und machen es ganz nach
Ihrer Bequemlichkeit, Bedürfniß und assiette. Auch ich habe
endlich Ihren Brief nicht in der besten gelesen: und Sie wer-
den es wohl jedem schweren Worte anmerken. Mein Herz ist
steinschwer, und gedrückt mein Gemüth trotz meines Geistes
Muth, heute. -- Wie aus einem tiefen Gefängnisse hinaus
fühl' ich was Sie schreiben. Ich segne mit bestem Herzens-
antheil Ihre Spazirgänge in Sanssouci! Gnädiger Gott,
warum bin ich nicht an solchem Ort! ich habe es nöthiger,
als je. Ja, einen Ort: seit wie lang schon wälzt dies große
Bedürfniß sich mir näher; Sinn und Leben benehmend steht
es nun groß, dunkel, und erdrückend über mich weg! -- vor
mir. Durch dies seh' ich fast nur wie ein Verrückter Ort und
Gegenstände, die mich wirklich umgeben. Gestern unter den
Linden befiel mich ein solcher Zustand: fremd, ganz fremd,
und ruppig, schienen mir Linden, Straße und Häuser; die
Menschen zur Furcht; nicht Einer ein Gesicht, eine Physiono-
mie, der albernste, äußerlichste, hölzernste, zerstreuteste Aus-
druck, albern-eitle Frauen; nicht kokett, auf Neigung sich be-
ziehend, oder im Vollgenuß irgend einer Art. Die Armuth
der Stadt, wo ich jedem berechnen kann, was er hat, verzehrt,
will oder kann; die schreckbare wüste Beziehungslosigkeit, die
nicht an Staat, noch Liebe, Familie, oder irgend eine selbster-
zeugte Religion anreicht. Ihr schwindlender, eitler, nichtiger,
strafbarer Taumel! Ich dadrunter, noch beziehungsloser, mit

aber nur meine dritte, tiefſte Vermuthung war wahr, er ver-
ſchiebt’s bis auf eine lebendige Stimmung, und hat nichts
mitgenommen, welches ihm die eingiebt, Zwingen Sie ſich
nun nicht mehr mir zu ſchreiben, und machen es ganz nach
Ihrer Bequemlichkeit, Bedürfniß und assiette. Auch ich habe
endlich Ihren Brief nicht in der beſten geleſen: und Sie wer-
den es wohl jedem ſchweren Worte anmerken. Mein Herz iſt
ſteinſchwer, und gedrückt mein Gemüth trotz meines Geiſtes
Muth, heute. — Wie aus einem tiefen Gefängniſſe hinaus
fühl’ ich was Sie ſchreiben. Ich ſegne mit beſtem Herzens-
antheil Ihre Spazirgänge in Sansſouci! Gnädiger Gott,
warum bin ich nicht an ſolchem Ort! ich habe es nöthiger,
als je. Ja, einen Ort: ſeit wie lang ſchon wälzt dies große
Bedürfniß ſich mir näher; Sinn und Leben benehmend ſteht
es nun groß, dunkel, und erdrückend über mich weg! — vor
mir. Durch dies ſeh’ ich faſt nur wie ein Verrückter Ort und
Gegenſtände, die mich wirklich umgeben. Geſtern unter den
Linden befiel mich ein ſolcher Zuſtand: fremd, ganz fremd,
und ruppig, ſchienen mir Linden, Straße und Häuſer; die
Menſchen zur Furcht; nicht Einer ein Geſicht, eine Phyſiono-
mie, der albernſte, äußerlichſte, hölzernſte, zerſtreuteſte Aus-
druck, albern-eitle Frauen; nicht kokett, auf Neigung ſich be-
ziehend, oder im Vollgenuß irgend einer Art. Die Armuth
der Stadt, wo ich jedem berechnen kann, was er hat, verzehrt,
will oder kann; die ſchreckbare wüſte Beziehungsloſigkeit, die
nicht an Staat, noch Liebe, Familie, oder irgend eine ſelbſter-
zeugte Religion anreicht. Ihr ſchwindlender, eitler, nichtiger,
ſtrafbarer Taumel! Ich dadrunter, noch beziehungsloſer, mit

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[534/0548] aber nur meine dritte, tiefſte Vermuthung war wahr, er ver- ſchiebt’s bis auf eine lebendige Stimmung, und hat nichts mitgenommen, welches ihm die eingiebt, Zwingen Sie ſich nun nicht mehr mir zu ſchreiben, und machen es ganz nach Ihrer Bequemlichkeit, Bedürfniß und assiette. Auch ich habe endlich Ihren Brief nicht in der beſten geleſen: und Sie wer- den es wohl jedem ſchweren Worte anmerken. Mein Herz iſt ſteinſchwer, und gedrückt mein Gemüth trotz meines Geiſtes Muth, heute. — Wie aus einem tiefen Gefängniſſe hinaus fühl’ ich was Sie ſchreiben. Ich ſegne mit beſtem Herzens- antheil Ihre Spazirgänge in Sansſouci! Gnädiger Gott, warum bin ich nicht an ſolchem Ort! ich habe es nöthiger, als je. Ja, einen Ort: ſeit wie lang ſchon wälzt dies große Bedürfniß ſich mir näher; Sinn und Leben benehmend ſteht es nun groß, dunkel, und erdrückend über mich weg! — vor mir. Durch dies ſeh’ ich faſt nur wie ein Verrückter Ort und Gegenſtände, die mich wirklich umgeben. Geſtern unter den Linden befiel mich ein ſolcher Zuſtand: fremd, ganz fremd, und ruppig, ſchienen mir Linden, Straße und Häuſer; die Menſchen zur Furcht; nicht Einer ein Geſicht, eine Phyſiono- mie, der albernſte, äußerlichſte, hölzernſte, zerſtreuteſte Aus- druck, albern-eitle Frauen; nicht kokett, auf Neigung ſich be- ziehend, oder im Vollgenuß irgend einer Art. Die Armuth der Stadt, wo ich jedem berechnen kann, was er hat, verzehrt, will oder kann; die ſchreckbare wüſte Beziehungsloſigkeit, die nicht an Staat, noch Liebe, Familie, oder irgend eine ſelbſter- zeugte Religion anreicht. Ihr ſchwindlender, eitler, nichtiger, ſtrafbarer Taumel! Ich dadrunter, noch beziehungsloſer, mit

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Zitationshilfe: Varnhagen von Ense, Rahel: Rahel. Bd. 1. Berlin, 1834, S. 534. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/varnhagen_rahel01_1834/548>, abgerufen am 13.04.2024.