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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857.

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thematischer Verarbeitung der Grundgedanken fortgehenden mehrtheiligen
Tonsätzen, beides Formen, welche an die Stelle des Prinzips der Anreihung
entschieden das der Entwicklung setzen.

§. 789.

Die Variation ist die erste Hauptart der auf dem Prinzip der Ent-
wicklung oder thematischen Ausführung beruhenden Form der cyclischen Musik.
Sie steht einerseits dem einfachen homophonen Kunstwerk am nächsten, indem
sie nichts ist als ein in gleicher Tonart mit mannigfachen Veränderungen sich
wiederholender melodischer Satz; sie bildet andrerseits den entschiedensten, an
die polyphone Musik erinnernden Gegensatz zu aller blos durch Aneinander-
reihung von Tonsätzen oder blos durch Erweiterung entstehenden Musik, indem
in ihr der ganze musikalische Inhalt durch Entwicklung des Thema's zu neuen
Formen erzeugt und höchstens am Anfang und Schluß selbständigere, obwohl
mit dem Thema verwandte Sätze angefügt werden.

Die Variation wird zwar blos in der Instrumentalmusik angewendet,
weil sie in vollständiger Durchführung sich für die weniger mannigfaltige
und formenreiche Vocalmusik weniger eignet; aber sie ist doch eine Musik-
form allgemeinern Charakters, da sie ganz auf denselben Prinzipien beruht,
wie alle bisher betrachteten concreten Compositionsformen, und zudem ist
die figurirte Vocalmusik (vgl. S. 924) im Grund bereits eine Variation,
eine Species der letztern, die auch bei Instrumentalvariationen (einfacherer
Art) häufig genug ist. Das eigenthümliche Wesen der Musik tritt eben in
der Variation in ganz sprechender Weise hervor; die Variation ist möglich
durch die Unbestimmtheit und Freiheit der musikalischen Formen im Gegen-
satze zu den plastischen und malerischen; sie ruht darauf, daß ein und derselbe
Gedanke, wenn nur die Ton- und Taktfolge im Allgemeinen festgehalten
wird, doch in verschiedener Figurirung, Rhythmisirung, Stimmenvertheilung,
Stimmenverflechtung, Contrapunctirung, Fugirung erscheinen kann. Die
ursprüngliche Tonfolge scheint hinter allen diesen Veränderungen durch, wie
die Gesammtrichtung einer gewundenen Linie immer sichtbar bleibt, auch
wenn sie an einzelnen Puncten im Kleinen vielfach gebrochen und geschlängelt
dargestellt wird; der Inhalt bleibt derselbe, die Form ändert sich. Zugleich
jedoch ist diese Aenderung der Form nicht schlechthin gleichgültig; mit der
Aenderung der Form wechselt natürlich und soll auch mehr oder weniger
wechseln der Bewegungsmodus, und damit die Stimmung, der Ausdruck,
der Charakter der ursprünglichen Melodie, sie soll sich selbst zu neuen und
Neues enthaltenden Gestaltungen fortentwickeln, und auch der ganze Cyclus
von Variationen soll nicht blos ein Aggregat, eine Kette sein, in der alle

thematiſcher Verarbeitung der Grundgedanken fortgehenden mehrtheiligen
Tonſätzen, beides Formen, welche an die Stelle des Prinzips der Anreihung
entſchieden das der Entwicklung ſetzen.

§. 789.

Die Variation iſt die erſte Hauptart der auf dem Prinzip der Ent-
wicklung oder thematiſchen Ausführung beruhenden Form der cycliſchen Muſik.
Sie ſteht einerſeits dem einfachen homophonen Kunſtwerk am nächſten, indem
ſie nichts iſt als ein in gleicher Tonart mit mannigfachen Veränderungen ſich
wiederholender melodiſcher Satz; ſie bildet andrerſeits den entſchiedenſten, an
die polyphone Muſik erinnernden Gegenſatz zu aller blos durch Aneinander-
reihung von Tonſätzen oder blos durch Erweiterung entſtehenden Muſik, indem
in ihr der ganze muſikaliſche Inhalt durch Entwicklung des Thema’s zu neuen
Formen erzeugt und höchſtens am Anfang und Schluß ſelbſtändigere, obwohl
mit dem Thema verwandte Sätze angefügt werden.

Die Variation wird zwar blos in der Inſtrumentalmuſik angewendet,
weil ſie in vollſtändiger Durchführung ſich für die weniger mannigfaltige
und formenreiche Vocalmuſik weniger eignet; aber ſie iſt doch eine Muſik-
form allgemeinern Charakters, da ſie ganz auf denſelben Prinzipien beruht,
wie alle bisher betrachteten concreten Compoſitionsformen, und zudem iſt
die figurirte Vocalmuſik (vgl. S. 924) im Grund bereits eine Variation,
eine Species der letztern, die auch bei Inſtrumentalvariationen (einfacherer
Art) häufig genug iſt. Das eigenthümliche Weſen der Muſik tritt eben in
der Variation in ganz ſprechender Weiſe hervor; die Variation iſt möglich
durch die Unbeſtimmtheit und Freiheit der muſikaliſchen Formen im Gegen-
ſatze zu den plaſtiſchen und maleriſchen; ſie ruht darauf, daß ein und derſelbe
Gedanke, wenn nur die Ton- und Taktfolge im Allgemeinen feſtgehalten
wird, doch in verſchiedener Figurirung, Rhythmiſirung, Stimmenvertheilung,
Stimmenverflechtung, Contrapunctirung, Fugirung erſcheinen kann. Die
urſprüngliche Tonfolge ſcheint hinter allen dieſen Veränderungen durch, wie
die Geſammtrichtung einer gewundenen Linie immer ſichtbar bleibt, auch
wenn ſie an einzelnen Puncten im Kleinen vielfach gebrochen und geſchlängelt
dargeſtellt wird; der Inhalt bleibt derſelbe, die Form ändert ſich. Zugleich
jedoch iſt dieſe Aenderung der Form nicht ſchlechthin gleichgültig; mit der
Aenderung der Form wechſelt natürlich und ſoll auch mehr oder weniger
wechſeln der Bewegungsmodus, und damit die Stimmung, der Ausdruck,
der Charakter der urſprünglichen Melodie, ſie ſoll ſich ſelbſt zu neuen und
Neues enthaltenden Geſtaltungen fortentwickeln, und auch der ganze Cyclus
von Variationen ſoll nicht blos ein Aggregat, eine Kette ſein, in der alle

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[957/0195] thematiſcher Verarbeitung der Grundgedanken fortgehenden mehrtheiligen Tonſätzen, beides Formen, welche an die Stelle des Prinzips der Anreihung entſchieden das der Entwicklung ſetzen. §. 789. Die Variation iſt die erſte Hauptart der auf dem Prinzip der Ent- wicklung oder thematiſchen Ausführung beruhenden Form der cycliſchen Muſik. Sie ſteht einerſeits dem einfachen homophonen Kunſtwerk am nächſten, indem ſie nichts iſt als ein in gleicher Tonart mit mannigfachen Veränderungen ſich wiederholender melodiſcher Satz; ſie bildet andrerſeits den entſchiedenſten, an die polyphone Muſik erinnernden Gegenſatz zu aller blos durch Aneinander- reihung von Tonſätzen oder blos durch Erweiterung entſtehenden Muſik, indem in ihr der ganze muſikaliſche Inhalt durch Entwicklung des Thema’s zu neuen Formen erzeugt und höchſtens am Anfang und Schluß ſelbſtändigere, obwohl mit dem Thema verwandte Sätze angefügt werden. Die Variation wird zwar blos in der Inſtrumentalmuſik angewendet, weil ſie in vollſtändiger Durchführung ſich für die weniger mannigfaltige und formenreiche Vocalmuſik weniger eignet; aber ſie iſt doch eine Muſik- form allgemeinern Charakters, da ſie ganz auf denſelben Prinzipien beruht, wie alle bisher betrachteten concreten Compoſitionsformen, und zudem iſt die figurirte Vocalmuſik (vgl. S. 924) im Grund bereits eine Variation, eine Species der letztern, die auch bei Inſtrumentalvariationen (einfacherer Art) häufig genug iſt. Das eigenthümliche Weſen der Muſik tritt eben in der Variation in ganz ſprechender Weiſe hervor; die Variation iſt möglich durch die Unbeſtimmtheit und Freiheit der muſikaliſchen Formen im Gegen- ſatze zu den plaſtiſchen und maleriſchen; ſie ruht darauf, daß ein und derſelbe Gedanke, wenn nur die Ton- und Taktfolge im Allgemeinen feſtgehalten wird, doch in verſchiedener Figurirung, Rhythmiſirung, Stimmenvertheilung, Stimmenverflechtung, Contrapunctirung, Fugirung erſcheinen kann. Die urſprüngliche Tonfolge ſcheint hinter allen dieſen Veränderungen durch, wie die Geſammtrichtung einer gewundenen Linie immer ſichtbar bleibt, auch wenn ſie an einzelnen Puncten im Kleinen vielfach gebrochen und geſchlängelt dargeſtellt wird; der Inhalt bleibt derſelbe, die Form ändert ſich. Zugleich jedoch iſt dieſe Aenderung der Form nicht ſchlechthin gleichgültig; mit der Aenderung der Form wechſelt natürlich und ſoll auch mehr oder weniger wechſeln der Bewegungsmodus, und damit die Stimmung, der Ausdruck, der Charakter der urſprünglichen Melodie, ſie ſoll ſich ſelbſt zu neuen und Neues enthaltenden Geſtaltungen fortentwickeln, und auch der ganze Cyclus von Variationen ſoll nicht blos ein Aggregat, eine Kette ſein, in der alle

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857, S. 957. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030204_1857/195>, abgerufen am 26.02.2021.