Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857.

Bild:
<< vorherige Seite

Ausdrucksmittel, in andern Gebieten hat sie auch andere Mittel, wir können
den innern Vorgang klar fassen und nachher den Uebergang zu diesem
Ausdrucksmittel aufzeigen; das Gefühl aber hat eine andere genügende
Sprache außer der Musik nicht, daher bleiben für ihr wissenschaftliches Ver-
ständniß nur diese dunkeln Rückschlüsse. Die Lehre von der Musik ist bisher
nach einer kurzen Bestimmung des Wesens des Gefühls sogleich zum Ma-
terial übergegangen und dann hat sie die psychische Bedeutung der ver-
schiedenen technischen Formen gesucht. Sie hat dasselbe gethan, was wir
hier vornehmen, nur an einer andern Stelle. Sie hat aus der Wirkung
auf die Ursache geschlossen und zu diesem Zweck zunächst die Wirkung dar-
gestellt, wir schicken voran, was aus jenen Schlüssen sich ergibt, um
mindestens einen Anstoß zur genaueren Untersuchung des Gefühls zu geben.
Das Schwere liegt nun wesentlich darin, daß wir hier vor einem Geheim-
nisse stehen, das in der dunkeln Mitte zwischen Physiologie und Psychologie
liegt. Die Wirkung der Tonschwingungen, richtiger die Wahl dieses Mittels,
um sich von außen entgegentreten zu lassen, uns im Innern angelegt ist,
muß ihren Grund darin haben, daß das Gefühl selbst ein Leben von
Schwingungen ist; das Dunkel ruht nun aber in dem doppelten, dem
eigentlichen und uneigentlichen Sinne dieses Wortes. Es ist durchaus
wahrscheinlich, daß den Vorgängen des Gefühls Nervenbebungen als orga-
nische Träger des Geistigen zu Grunde liegen, es muß wesentlich ein
Vibrationsleben sein, aber was heißt Träger? was ist dabei zu denken,
wenn wir nun den geistigen Vorgang selbst nur als ein Schwing-
ungsleben bezeichnen können? Vom Geiste können wir keine Schwingungen
aussagen und doch haben wir kein anderes Wort, keine klarere Vorstellung
als die, daß sich die Nervenschwingung wie eine Art symbolisches Bild in
seinem Innern reflectirt. Wir müssen also bei dieser Vorstellung bleiben
und was sich bei näherer Betrachtung ergibt, ist nun ein Gegensatz von
zweierlei Wogen im Bewegungsstrome des Gefühls, den der §. zu fassen
sucht in der Bestimmung, daß das Gefühl entweder substantiell im allge-
meinen, objectiven Lebensgrunde sich hält oder subjectiv von demselben sich
ablöst. Es ist nicht der Gegensatz von Lust und Unlust; diese beiden
Grundstimmungen bewegen sich in unendlicher Abwechslung durch den Ge-
gensatz, von dem hier die Rede ist: die mächtige, breite Woge, ein Bild
der ungetheilten, Alles in ihrem Urschooß zusammenhaltenden Kraftfülle des
Lebens kann in der Weise heranschwellen, daß ich mich befriedigt in diese
Substanz miteingeschlossen fühle, sie kann aber auch dem subjectiv freier
gelösten Gemüthe wie eine fremde Macht entgegenrollen, umgekehrt kann
das Gefühl der entbundenen Subjectivität im freien Spiele der Lust sich
ergehen oder schmerzvoll bis zur Verzweiflung sich losgerissen empfinden
vom tragenden, haltenden Lebensgrunde. Dieses Tragen und Halten wird

Ausdrucksmittel, in andern Gebieten hat ſie auch andere Mittel, wir können
den innern Vorgang klar faſſen und nachher den Uebergang zu dieſem
Ausdrucksmittel aufzeigen; das Gefühl aber hat eine andere genügende
Sprache außer der Muſik nicht, daher bleiben für ihr wiſſenſchaftliches Ver-
ſtändniß nur dieſe dunkeln Rückſchlüſſe. Die Lehre von der Muſik iſt bisher
nach einer kurzen Beſtimmung des Weſens des Gefühls ſogleich zum Ma-
terial übergegangen und dann hat ſie die pſychiſche Bedeutung der ver-
ſchiedenen techniſchen Formen geſucht. Sie hat daſſelbe gethan, was wir
hier vornehmen, nur an einer andern Stelle. Sie hat aus der Wirkung
auf die Urſache geſchloſſen und zu dieſem Zweck zunächſt die Wirkung dar-
geſtellt, wir ſchicken voran, was aus jenen Schlüſſen ſich ergibt, um
mindeſtens einen Anſtoß zur genaueren Unterſuchung des Gefühls zu geben.
Das Schwere liegt nun weſentlich darin, daß wir hier vor einem Geheim-
niſſe ſtehen, das in der dunkeln Mitte zwiſchen Phyſiologie und Pſychologie
liegt. Die Wirkung der Tonſchwingungen, richtiger die Wahl dieſes Mittels,
um ſich von außen entgegentreten zu laſſen, uns im Innern angelegt iſt,
muß ihren Grund darin haben, daß das Gefühl ſelbſt ein Leben von
Schwingungen iſt; das Dunkel ruht nun aber in dem doppelten, dem
eigentlichen und uneigentlichen Sinne dieſes Wortes. Es iſt durchaus
wahrſcheinlich, daß den Vorgängen des Gefühls Nervenbebungen als orga-
niſche Träger des Geiſtigen zu Grunde liegen, es muß weſentlich ein
Vibrationsleben ſein, aber was heißt Träger? was iſt dabei zu denken,
wenn wir nun den geiſtigen Vorgang ſelbſt nur als ein Schwing-
ungsleben bezeichnen können? Vom Geiſte können wir keine Schwingungen
ausſagen und doch haben wir kein anderes Wort, keine klarere Vorſtellung
als die, daß ſich die Nervenſchwingung wie eine Art ſymboliſches Bild in
ſeinem Innern reflectirt. Wir müſſen alſo bei dieſer Vorſtellung bleiben
und was ſich bei näherer Betrachtung ergibt, iſt nun ein Gegenſatz von
zweierlei Wogen im Bewegungsſtrome des Gefühls, den der §. zu faſſen
ſucht in der Beſtimmung, daß das Gefühl entweder ſubſtantiell im allge-
meinen, objectiven Lebensgrunde ſich hält oder ſubjectiv von demſelben ſich
ablöst. Es iſt nicht der Gegenſatz von Luſt und Unluſt; dieſe beiden
Grundſtimmungen bewegen ſich in unendlicher Abwechslung durch den Ge-
genſatz, von dem hier die Rede iſt: die mächtige, breite Woge, ein Bild
der ungetheilten, Alles in ihrem Urſchooß zuſammenhaltenden Kraftfülle des
Lebens kann in der Weiſe heranſchwellen, daß ich mich befriedigt in dieſe
Subſtanz miteingeſchloſſen fühle, ſie kann aber auch dem ſubjectiv freier
gelösten Gemüthe wie eine fremde Macht entgegenrollen, umgekehrt kann
das Gefühl der entbundenen Subjectivität im freien Spiele der Luſt ſich
ergehen oder ſchmerzvoll bis zur Verzweiflung ſich losgeriſſen empfinden
vom tragenden, haltenden Lebensgrunde. Dieſes Tragen und Halten wird

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <p> <hi rendition="#et"><pb facs="#f0038" n="800"/>
Ausdrucksmittel, in andern Gebieten hat &#x017F;ie auch andere Mittel, wir können<lb/>
den innern Vorgang klar fa&#x017F;&#x017F;en und nachher den Uebergang zu <hi rendition="#g">die&#x017F;em</hi><lb/>
Ausdrucksmittel aufzeigen; das Gefühl aber hat eine andere genügende<lb/>
Sprache außer der Mu&#x017F;ik nicht, daher bleiben für ihr wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaftliches Ver-<lb/>
&#x017F;tändniß nur die&#x017F;e dunkeln Rück&#x017F;chlü&#x017F;&#x017F;e. Die Lehre von der Mu&#x017F;ik i&#x017F;t bisher<lb/>
nach einer kurzen Be&#x017F;timmung des We&#x017F;ens des Gefühls &#x017F;ogleich zum Ma-<lb/>
terial übergegangen und dann hat &#x017F;ie die p&#x017F;ychi&#x017F;che Bedeutung der ver-<lb/>
&#x017F;chiedenen techni&#x017F;chen Formen ge&#x017F;ucht. Sie hat da&#x017F;&#x017F;elbe gethan, was wir<lb/>
hier vornehmen, nur an einer andern Stelle. Sie hat aus der Wirkung<lb/>
auf die Ur&#x017F;ache ge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en und zu die&#x017F;em Zweck zunäch&#x017F;t die Wirkung dar-<lb/>
ge&#x017F;tellt, <hi rendition="#g">wir</hi> &#x017F;chicken voran, was aus jenen Schlü&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ich ergibt, um<lb/>
minde&#x017F;tens einen An&#x017F;toß zur genaueren Unter&#x017F;uchung des Gefühls zu geben.<lb/>
Das Schwere liegt nun we&#x017F;entlich darin, daß wir hier vor einem Geheim-<lb/>
ni&#x017F;&#x017F;e &#x017F;tehen, das in der dunkeln Mitte zwi&#x017F;chen Phy&#x017F;iologie und P&#x017F;ychologie<lb/>
liegt. Die Wirkung der Ton&#x017F;chwingungen, richtiger die Wahl die&#x017F;es Mittels,<lb/>
um &#x017F;ich von außen entgegentreten zu la&#x017F;&#x017F;en, uns im Innern angelegt i&#x017F;t,<lb/>
muß ihren Grund darin haben, daß das Gefühl &#x017F;elb&#x017F;t ein Leben von<lb/>
Schwingungen i&#x017F;t; das Dunkel ruht nun aber in dem doppelten, dem<lb/>
eigentlichen und uneigentlichen Sinne die&#x017F;es Wortes. Es i&#x017F;t durchaus<lb/>
wahr&#x017F;cheinlich, daß den Vorgängen des Gefühls Nervenbebungen als orga-<lb/>
ni&#x017F;che Träger des Gei&#x017F;tigen zu Grunde liegen, es muß we&#x017F;entlich ein<lb/>
Vibrationsleben &#x017F;ein, aber was heißt Träger? was i&#x017F;t dabei zu denken,<lb/>
wenn wir nun den <hi rendition="#g">gei&#x017F;tigen Vorgang &#x017F;elb&#x017F;t</hi> nur als ein Schwing-<lb/>
ungsleben bezeichnen können? Vom Gei&#x017F;te können wir keine Schwingungen<lb/>
aus&#x017F;agen und doch haben wir kein anderes Wort, keine klarere Vor&#x017F;tellung<lb/>
als die, daß &#x017F;ich die Nerven&#x017F;chwingung wie eine Art &#x017F;ymboli&#x017F;ches Bild in<lb/>
&#x017F;einem Innern reflectirt. Wir mü&#x017F;&#x017F;en al&#x017F;o bei die&#x017F;er Vor&#x017F;tellung bleiben<lb/>
und was &#x017F;ich bei näherer Betrachtung ergibt, i&#x017F;t nun ein Gegen&#x017F;atz von<lb/>
zweierlei Wogen im Bewegungs&#x017F;trome des Gefühls, den der §. zu fa&#x017F;&#x017F;en<lb/>
&#x017F;ucht in der Be&#x017F;timmung, daß das Gefühl entweder &#x017F;ub&#x017F;tantiell im allge-<lb/>
meinen, objectiven Lebensgrunde &#x017F;ich hält oder &#x017F;ubjectiv von dem&#x017F;elben &#x017F;ich<lb/>
ablöst. Es i&#x017F;t nicht der Gegen&#x017F;atz von Lu&#x017F;t und Unlu&#x017F;t; die&#x017F;e beiden<lb/>
Grund&#x017F;timmungen bewegen &#x017F;ich in unendlicher Abwechslung durch den Ge-<lb/>
gen&#x017F;atz, von dem hier die Rede i&#x017F;t: die mächtige, breite Woge, ein Bild<lb/>
der ungetheilten, Alles in ihrem Ur&#x017F;chooß zu&#x017F;ammenhaltenden Kraftfülle des<lb/>
Lebens kann in der Wei&#x017F;e heran&#x017F;chwellen, daß ich mich befriedigt in die&#x017F;e<lb/>
Sub&#x017F;tanz miteinge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en fühle, &#x017F;ie kann aber auch dem &#x017F;ubjectiv freier<lb/>
gelösten Gemüthe wie eine fremde Macht entgegenrollen, umgekehrt kann<lb/>
das Gefühl der entbundenen Subjectivität im freien Spiele der Lu&#x017F;t &#x017F;ich<lb/>
ergehen oder &#x017F;chmerzvoll bis zur Verzweiflung &#x017F;ich losgeri&#x017F;&#x017F;en empfinden<lb/>
vom tragenden, haltenden Lebensgrunde. Die&#x017F;es Tragen und Halten wird<lb/></hi> </p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[800/0038] Ausdrucksmittel, in andern Gebieten hat ſie auch andere Mittel, wir können den innern Vorgang klar faſſen und nachher den Uebergang zu dieſem Ausdrucksmittel aufzeigen; das Gefühl aber hat eine andere genügende Sprache außer der Muſik nicht, daher bleiben für ihr wiſſenſchaftliches Ver- ſtändniß nur dieſe dunkeln Rückſchlüſſe. Die Lehre von der Muſik iſt bisher nach einer kurzen Beſtimmung des Weſens des Gefühls ſogleich zum Ma- terial übergegangen und dann hat ſie die pſychiſche Bedeutung der ver- ſchiedenen techniſchen Formen geſucht. Sie hat daſſelbe gethan, was wir hier vornehmen, nur an einer andern Stelle. Sie hat aus der Wirkung auf die Urſache geſchloſſen und zu dieſem Zweck zunächſt die Wirkung dar- geſtellt, wir ſchicken voran, was aus jenen Schlüſſen ſich ergibt, um mindeſtens einen Anſtoß zur genaueren Unterſuchung des Gefühls zu geben. Das Schwere liegt nun weſentlich darin, daß wir hier vor einem Geheim- niſſe ſtehen, das in der dunkeln Mitte zwiſchen Phyſiologie und Pſychologie liegt. Die Wirkung der Tonſchwingungen, richtiger die Wahl dieſes Mittels, um ſich von außen entgegentreten zu laſſen, uns im Innern angelegt iſt, muß ihren Grund darin haben, daß das Gefühl ſelbſt ein Leben von Schwingungen iſt; das Dunkel ruht nun aber in dem doppelten, dem eigentlichen und uneigentlichen Sinne dieſes Wortes. Es iſt durchaus wahrſcheinlich, daß den Vorgängen des Gefühls Nervenbebungen als orga- niſche Träger des Geiſtigen zu Grunde liegen, es muß weſentlich ein Vibrationsleben ſein, aber was heißt Träger? was iſt dabei zu denken, wenn wir nun den geiſtigen Vorgang ſelbſt nur als ein Schwing- ungsleben bezeichnen können? Vom Geiſte können wir keine Schwingungen ausſagen und doch haben wir kein anderes Wort, keine klarere Vorſtellung als die, daß ſich die Nervenſchwingung wie eine Art ſymboliſches Bild in ſeinem Innern reflectirt. Wir müſſen alſo bei dieſer Vorſtellung bleiben und was ſich bei näherer Betrachtung ergibt, iſt nun ein Gegenſatz von zweierlei Wogen im Bewegungsſtrome des Gefühls, den der §. zu faſſen ſucht in der Beſtimmung, daß das Gefühl entweder ſubſtantiell im allge- meinen, objectiven Lebensgrunde ſich hält oder ſubjectiv von demſelben ſich ablöst. Es iſt nicht der Gegenſatz von Luſt und Unluſt; dieſe beiden Grundſtimmungen bewegen ſich in unendlicher Abwechslung durch den Ge- genſatz, von dem hier die Rede iſt: die mächtige, breite Woge, ein Bild der ungetheilten, Alles in ihrem Urſchooß zuſammenhaltenden Kraftfülle des Lebens kann in der Weiſe heranſchwellen, daß ich mich befriedigt in dieſe Subſtanz miteingeſchloſſen fühle, ſie kann aber auch dem ſubjectiv freier gelösten Gemüthe wie eine fremde Macht entgegenrollen, umgekehrt kann das Gefühl der entbundenen Subjectivität im freien Spiele der Luſt ſich ergehen oder ſchmerzvoll bis zur Verzweiflung ſich losgeriſſen empfinden vom tragenden, haltenden Lebensgrunde. Dieſes Tragen und Halten wird

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030204_1857
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030204_1857/38
Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857, S. 800. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030204_1857/38>, abgerufen am 27.02.2024.