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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857.

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ausströmen läßt, schöpferische Phantasie, welche alle Arten des Stimmungs-
ausdrucks in vielseitigster Objectivität reproducirt, in jugendlicher Kraft und
Fülle Alles frisch anfaßt und das Tonmaterial in lebendig pulsirende und
schwingende Bewegung versetzt im reinsten Gegensatz zu der besonders in
die Oper eingedrungenen formalistischen Steifigkeit, italienisch plastischer
Sinn, welcher die Kraft mäßigt und sie dadurch am rechten Orte um so
erhabener herantreten läßt, welcher die sprudelnde Raschheit genialer Bewegt-
heit in schönstem Maaß und Gleichgewichte hält und allmälig den Meister
von dem Styl der ersten Periode, in welchem diese Bewegtheit culminirt,
zum maaßvoll, charakteristisch schönen Styl der zweiten, von diesem zum ideal-
schönen Styl der dritten Periode verklärend hinanführt, italienische Anmuth
und Weichheit, französische Schärfe, Dramatik, Kunst zu treffen vereinigen
sich, um nun auch die freie deutsche Musik zu einer ihrer Eigenthümlichkeit
und Universalität vollkommen entsprechenden classischen Form zu erheben;
die freie Schönheit ist für die Musik überhaupt gewonnen, die beiden Styl-
principien zu lebendigster und wirkungsvollster Einheit verschmolzen, unter
den einzelnen Zweigen besonders die Oper zu mustergültiger Gestalt und
zugleich zu einer schönen Mannigfaltigkeit verschiedener Gattungen aus-
gebildet.

2. Der §. hebt die Wendung scharf hervor, welche die Musik wie der
deutsche Geist überhaupt im vorigen Jahrhundert, in der Epoche der frei
werdenden, ebendamit auch zur Genialität sich erhebenden Subjectivität
nimmt; namentlich Mozart ist nur zu begreifen aus dieser Erhebung des
Geistes zur Freiheit und zur vollen Bewegung in ihr, auf deren Höhe er
im Figaro angelangt ist, wie andrerseits später wieder eine komische Oper
(Cosi fan tutte) mit ihrer schon an die Zauberflöte mahnenden harmonisch-
melodischen Weichheit und zartern Gefühlsbewegtheit den Uebergang zu
dieser und damit den Uebergang von der mittlern Periode (Don Juan)
zur dritten, zum idealschönen Styl bezeichnet. In der Instrumentalmusik
ist Mozart am größten in der Symphonie, die von der Haydn'schen gerade
so weit absteht, wie das Dramatische vom Gemüthlichen; sie ist zwar nicht
dramatisch im Sinn von §. 816, 1. sie gehört zur höhern lyrischen Gattung
(ebd.), aber ihre Lyrik hat eine wesentlich dramatisch bewegte und dramatisch
contrastirende Tendenz; bei Haydn ist die Musik, die Form, bei Mozart
auch der Genius, die Subjectivität frei geworden und legt die ganze Erregt-
heit und Kraft ihres Selbstgefühls, ihres reich und stark bewegten Lebens
und Empfindens in ihre Instrumentalwerke nieder. Das Quartett glückt
weniger; es wird Haydn gegenüber auch mehr erwärmt und innerlich belebt,
aber diese Erwärmung gelingt nur ausnahmsweise in einer dem Charakter
dieses Zweiges wirklich entsprechenden Form; auch in der Claviermusik geht
Mozart über die in ihrer Einfachheit Treffendes leistende Art Haydn's

ausſtrömen läßt, ſchöpferiſche Phantaſie, welche alle Arten des Stimmungs-
ausdrucks in vielſeitigſter Objectivität reproducirt, in jugendlicher Kraft und
Fülle Alles friſch anfaßt und das Tonmaterial in lebendig pulſirende und
ſchwingende Bewegung verſetzt im reinſten Gegenſatz zu der beſonders in
die Oper eingedrungenen formaliſtiſchen Steifigkeit, italieniſch plaſtiſcher
Sinn, welcher die Kraft mäßigt und ſie dadurch am rechten Orte um ſo
erhabener herantreten läßt, welcher die ſprudelnde Raſchheit genialer Bewegt-
heit in ſchönſtem Maaß und Gleichgewichte hält und allmälig den Meiſter
von dem Styl der erſten Periode, in welchem dieſe Bewegtheit culminirt,
zum maaßvoll, charakteriſtiſch ſchönen Styl der zweiten, von dieſem zum ideal-
ſchönen Styl der dritten Periode verklärend hinanführt, italieniſche Anmuth
und Weichheit, franzöſiſche Schärfe, Dramatik, Kunſt zu treffen vereinigen
ſich, um nun auch die freie deutſche Muſik zu einer ihrer Eigenthümlichkeit
und Univerſalität vollkommen entſprechenden claſſiſchen Form zu erheben;
die freie Schönheit iſt für die Muſik überhaupt gewonnen, die beiden Styl-
principien zu lebendigſter und wirkungsvollſter Einheit verſchmolzen, unter
den einzelnen Zweigen beſonders die Oper zu muſtergültiger Geſtalt und
zugleich zu einer ſchönen Mannigfaltigkeit verſchiedener Gattungen aus-
gebildet.

2. Der §. hebt die Wendung ſcharf hervor, welche die Muſik wie der
deutſche Geiſt überhaupt im vorigen Jahrhundert, in der Epoche der frei
werdenden, ebendamit auch zur Genialität ſich erhebenden Subjectivität
nimmt; namentlich Mozart iſt nur zu begreifen aus dieſer Erhebung des
Geiſtes zur Freiheit und zur vollen Bewegung in ihr, auf deren Höhe er
im Figaro angelangt iſt, wie andrerſeits ſpäter wieder eine komiſche Oper
(Cosi fan tutte) mit ihrer ſchon an die Zauberflöte mahnenden harmoniſch-
melodiſchen Weichheit und zartern Gefühlsbewegtheit den Uebergang zu
dieſer und damit den Uebergang von der mittlern Periode (Don Juan)
zur dritten, zum idealſchönen Styl bezeichnet. In der Inſtrumentalmuſik
iſt Mozart am größten in der Symphonie, die von der Haydn’ſchen gerade
ſo weit abſteht, wie das Dramatiſche vom Gemüthlichen; ſie iſt zwar nicht
dramatiſch im Sinn von §. 816, 1. ſie gehört zur höhern lyriſchen Gattung
(ebd.), aber ihre Lyrik hat eine weſentlich dramatiſch bewegte und dramatiſch
contraſtirende Tendenz; bei Haydn iſt die Muſik, die Form, bei Mozart
auch der Genius, die Subjectivität frei geworden und legt die ganze Erregt-
heit und Kraft ihres Selbſtgefühls, ihres reich und ſtark bewegten Lebens
und Empfindens in ihre Inſtrumentalwerke nieder. Das Quartett glückt
weniger; es wird Haydn gegenüber auch mehr erwärmt und innerlich belebt,
aber dieſe Erwärmung gelingt nur ausnahmsweiſe in einer dem Charakter
dieſes Zweiges wirklich entſprechenden Form; auch in der Claviermuſik geht
Mozart über die in ihrer Einfachheit Treffendes leiſtende Art Haydn’s

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[1144/0382] ausſtrömen läßt, ſchöpferiſche Phantaſie, welche alle Arten des Stimmungs- ausdrucks in vielſeitigſter Objectivität reproducirt, in jugendlicher Kraft und Fülle Alles friſch anfaßt und das Tonmaterial in lebendig pulſirende und ſchwingende Bewegung verſetzt im reinſten Gegenſatz zu der beſonders in die Oper eingedrungenen formaliſtiſchen Steifigkeit, italieniſch plaſtiſcher Sinn, welcher die Kraft mäßigt und ſie dadurch am rechten Orte um ſo erhabener herantreten läßt, welcher die ſprudelnde Raſchheit genialer Bewegt- heit in ſchönſtem Maaß und Gleichgewichte hält und allmälig den Meiſter von dem Styl der erſten Periode, in welchem dieſe Bewegtheit culminirt, zum maaßvoll, charakteriſtiſch ſchönen Styl der zweiten, von dieſem zum ideal- ſchönen Styl der dritten Periode verklärend hinanführt, italieniſche Anmuth und Weichheit, franzöſiſche Schärfe, Dramatik, Kunſt zu treffen vereinigen ſich, um nun auch die freie deutſche Muſik zu einer ihrer Eigenthümlichkeit und Univerſalität vollkommen entſprechenden claſſiſchen Form zu erheben; die freie Schönheit iſt für die Muſik überhaupt gewonnen, die beiden Styl- principien zu lebendigſter und wirkungsvollſter Einheit verſchmolzen, unter den einzelnen Zweigen beſonders die Oper zu muſtergültiger Geſtalt und zugleich zu einer ſchönen Mannigfaltigkeit verſchiedener Gattungen aus- gebildet. 2. Der §. hebt die Wendung ſcharf hervor, welche die Muſik wie der deutſche Geiſt überhaupt im vorigen Jahrhundert, in der Epoche der frei werdenden, ebendamit auch zur Genialität ſich erhebenden Subjectivität nimmt; namentlich Mozart iſt nur zu begreifen aus dieſer Erhebung des Geiſtes zur Freiheit und zur vollen Bewegung in ihr, auf deren Höhe er im Figaro angelangt iſt, wie andrerſeits ſpäter wieder eine komiſche Oper (Cosi fan tutte) mit ihrer ſchon an die Zauberflöte mahnenden harmoniſch- melodiſchen Weichheit und zartern Gefühlsbewegtheit den Uebergang zu dieſer und damit den Uebergang von der mittlern Periode (Don Juan) zur dritten, zum idealſchönen Styl bezeichnet. In der Inſtrumentalmuſik iſt Mozart am größten in der Symphonie, die von der Haydn’ſchen gerade ſo weit abſteht, wie das Dramatiſche vom Gemüthlichen; ſie iſt zwar nicht dramatiſch im Sinn von §. 816, 1. ſie gehört zur höhern lyriſchen Gattung (ebd.), aber ihre Lyrik hat eine weſentlich dramatiſch bewegte und dramatiſch contraſtirende Tendenz; bei Haydn iſt die Muſik, die Form, bei Mozart auch der Genius, die Subjectivität frei geworden und legt die ganze Erregt- heit und Kraft ihres Selbſtgefühls, ihres reich und ſtark bewegten Lebens und Empfindens in ihre Inſtrumentalwerke nieder. Das Quartett glückt weniger; es wird Haydn gegenüber auch mehr erwärmt und innerlich belebt, aber dieſe Erwärmung gelingt nur ausnahmsweiſe in einer dem Charakter dieſes Zweiges wirklich entſprechenden Form; auch in der Claviermuſik geht Mozart über die in ihrer Einfachheit Treffendes leiſtende Art Haydn’s

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857, S. 1144. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030204_1857/382>, abgerufen am 04.03.2024.