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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857.

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pantomimische Handlung. Die letztere ist nicht mehr zugleich wirklicher
Tanz, wie bei den Alten; zwar wird sie von der Musik begleitet, aber
nicht zu eigentlich orchestischer Bestimmtheit mit jenem geringeren Spielraum
des freien Theils der Bewegungen geregelt, wie bei den Alten. Der Kunst-
tanz der heraustretenden Tänzer und Tänzerinnen ist, wo nicht National-
tänze, wie die spanischen, slavischen, von ihnen ausgeführt werden, fast
ausdrucklos und zum widerlichen Kunststück herabgesunken, welches das
Schwere mit dem Schönen verwechselt; dieß führt nothwendig zum Schweren
auf Kosten des Schönen, zur häßlichen Verrenkung, und für die Beleidigung
der Anmuth entschädigt der Kitzel der Entblößungen, den der Reiz des Ver-
botenen in einer Welt strenger Dezenzbegriffe verdoppelt: ein Zustand, den
die Aesthetik der Sittenpolizei anheimzugeben hat. Am meisten Schönheit
ist noch in den Chortänzen unseres Ballets. Es wäre Zeit, daß aus
diesen Resten ein neuer, edlerer, theatralischer Kunsttanz entwickelt würde.



Berichtigung.

Seite 786 Zeile 3 von unten lies: "lebendige Mitte" statt lebendige Mutter.


pantomimiſche Handlung. Die letztere iſt nicht mehr zugleich wirklicher
Tanz, wie bei den Alten; zwar wird ſie von der Muſik begleitet, aber
nicht zu eigentlich orcheſtiſcher Beſtimmtheit mit jenem geringeren Spielraum
des freien Theils der Bewegungen geregelt, wie bei den Alten. Der Kunſt-
tanz der heraustretenden Tänzer und Tänzerinnen iſt, wo nicht National-
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ausdrucklos und zum widerlichen Kunſtſtück herabgeſunken, welches das
Schwere mit dem Schönen verwechſelt; dieß führt nothwendig zum Schweren
auf Koſten des Schönen, zur häßlichen Verrenkung, und für die Beleidigung
der Anmuth entſchädigt der Kitzel der Entblößungen, den der Reiz des Ver-
botenen in einer Welt ſtrenger Dezenzbegriffe verdoppelt: ein Zuſtand, den
die Aeſthetik der Sittenpolizei anheimzugeben hat. Am meiſten Schönheit
iſt noch in den Chortänzen unſeres Ballets. Es wäre Zeit, daß aus
dieſen Reſten ein neuer, edlerer, theatraliſcher Kunſttanz entwickelt würde.



Berichtigung.

Seite 786 Zeile 3 von unten lies: „lebendige Mitte“ ſtatt lebendige Mutter.


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[1158/0396] pantomimiſche Handlung. Die letztere iſt nicht mehr zugleich wirklicher Tanz, wie bei den Alten; zwar wird ſie von der Muſik begleitet, aber nicht zu eigentlich orcheſtiſcher Beſtimmtheit mit jenem geringeren Spielraum des freien Theils der Bewegungen geregelt, wie bei den Alten. Der Kunſt- tanz der heraustretenden Tänzer und Tänzerinnen iſt, wo nicht National- tänze, wie die ſpaniſchen, ſlaviſchen, von ihnen ausgeführt werden, faſt ausdrucklos und zum widerlichen Kunſtſtück herabgeſunken, welches das Schwere mit dem Schönen verwechſelt; dieß führt nothwendig zum Schweren auf Koſten des Schönen, zur häßlichen Verrenkung, und für die Beleidigung der Anmuth entſchädigt der Kitzel der Entblößungen, den der Reiz des Ver- botenen in einer Welt ſtrenger Dezenzbegriffe verdoppelt: ein Zuſtand, den die Aeſthetik der Sittenpolizei anheimzugeben hat. Am meiſten Schönheit iſt noch in den Chortänzen unſeres Ballets. Es wäre Zeit, daß aus dieſen Reſten ein neuer, edlerer, theatraliſcher Kunſttanz entwickelt würde. Berichtigung. Seite 786 Zeile 3 von unten lies: „lebendige Mitte“ ſtatt lebendige Mutter.

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857, S. 1158. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030204_1857/396>, abgerufen am 28.02.2021.