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Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857.

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Persönlichkeiten eintreten mag, der gleichzeitige Reichthum des Gefühls hat
nun die Bedeutung des Gesammtgefühls dieser Mehrheit, die mannigfache
Weise, dasselbe zu empfinden, erscheint wie ein Wiederhall desselben Gefühls
in verschiedenen Formen der Menschheit; diese Formen erweisen sich in ihren
Haupt-Unterschieden wesentlich als die anthropologischen Typen: anders er-
zittert dieselbe Stimmung im Jüngling, anders im Mann, anders in
den zwei Geschlechtern, anders im Gemüthe des Melancholikers, als des
Sanguinikers, Cholerikers, Phlegmatikers. Man darf dabei nicht nur an
den unmittelbaren Ausdruck der Empfindung in der menschlichen Stimme
denken, die Kunst wird, was in dem natürlichen Organ liegt, durch tech-
nische Verwendung äußern Materials in einem reichen Apparate verviel-
fältigen, auseinanderlegen; hier ist noch nicht von den Mitteln der Dar-
stellung, sondern von der innern Natur der Gefühlsbewegung die Rede.
In ihren gleichzeitigen Unterschieden nun muß Einstimmung sein, allein
die Einstimmung schließt nicht den Fortgang vom bloßen Unterschied zum
Gegensatz und Kampf aus; hier handelt es sich dann um dasselbe System
von einstimmigen und widerstreitenden inneren Schwingungsverhältnissen,
wie im successiven Verlauf einer Stimmung, und wälzt sich nun der Strom
der Empfindung, durch so viele Zuflüsse verstärkt, deren Wasser sich in ihm
noch unterscheiden, reich und mächtig nach dem Meere des Unendlichen.

§. 758.

Diese ganze Welt von Unterschieden liegt im Leben des Gefühls nur ver-
schwimmend und verworren angedeutet, sofern es nicht die Phantasie ist,
die als Ganzes auf dieses eine ihrer Momente sich stellt und die verhüllten
Keime zur vollen Entwicklung bringt. Nur durch diesen Prozeß erhält die
Empfindung Licht und Gestalt, wird der Uebergang in anderweitiges, stoffartiges
Verhalten abgeschnitten und die Bewegung ihrer streitenden Elemente in das
Bett der idealen Reinheit und Harmonie geleitet.

Wir haben es bisher gewagt, den Vorwurf nicht zu scheuen, daß wir
den Cirkel begehen, aus dem Abzuleitenden abzuleiten, um dann erst jenes
aus diesem abzuleiten, indem wir unsere Vermuthungen über das, was
der Formenwelt der Musik im Innern des Gefühls zu Grunde liegt, eben
aus dieser gewinnen, zu der wir dann als dem posterius übergehen. Der
Vorwurf wird jetzt die bestimmtere Wendung nehmen: wenn so die musi-
kalische Formenwelt im Gefühl an sich vorgebildet liegt, wie kommt es,
daß Menschen vom anerkannt tiefsten Gefühle völlig unmusikalisch sind,
während so manches leichte musikalische Talent offenbar oberflächlich fühlt?
Man erkennt jedoch leicht, daß diese Thatsache nimmermehr ein Recht

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Perſönlichkeiten eintreten mag, der gleichzeitige Reichthum des Gefühls hat
nun die Bedeutung des Geſammtgefühls dieſer Mehrheit, die mannigfache
Weiſe, daſſelbe zu empfinden, erſcheint wie ein Wiederhall deſſelben Gefühls
in verſchiedenen Formen der Menſchheit; dieſe Formen erweiſen ſich in ihren
Haupt-Unterſchieden weſentlich als die anthropologiſchen Typen: anders er-
zittert dieſelbe Stimmung im Jüngling, anders im Mann, anders in
den zwei Geſchlechtern, anders im Gemüthe des Melancholikers, als des
Sanguinikers, Cholerikers, Phlegmatikers. Man darf dabei nicht nur an
den unmittelbaren Ausdruck der Empfindung in der menſchlichen Stimme
denken, die Kunſt wird, was in dem natürlichen Organ liegt, durch tech-
niſche Verwendung äußern Materials in einem reichen Apparate verviel-
fältigen, auseinanderlegen; hier iſt noch nicht von den Mitteln der Dar-
ſtellung, ſondern von der innern Natur der Gefühlsbewegung die Rede.
In ihren gleichzeitigen Unterſchieden nun muß Einſtimmung ſein, allein
die Einſtimmung ſchließt nicht den Fortgang vom bloßen Unterſchied zum
Gegenſatz und Kampf aus; hier handelt es ſich dann um daſſelbe Syſtem
von einſtimmigen und widerſtreitenden inneren Schwingungsverhältniſſen,
wie im ſucceſſiven Verlauf einer Stimmung, und wälzt ſich nun der Strom
der Empfindung, durch ſo viele Zuflüſſe verſtärkt, deren Waſſer ſich in ihm
noch unterſcheiden, reich und mächtig nach dem Meere des Unendlichen.

§. 758.

Dieſe ganze Welt von Unterſchieden liegt im Leben des Gefühls nur ver-
ſchwimmend und verworren angedeutet, ſofern es nicht die Phantaſie iſt,
die als Ganzes auf dieſes eine ihrer Momente ſich ſtellt und die verhüllten
Keime zur vollen Entwicklung bringt. Nur durch dieſen Prozeß erhält die
Empfindung Licht und Geſtalt, wird der Uebergang in anderweitiges, ſtoffartiges
Verhalten abgeſchnitten und die Bewegung ihrer ſtreitenden Elemente in das
Bett der idealen Reinheit und Harmonie geleitet.

Wir haben es bisher gewagt, den Vorwurf nicht zu ſcheuen, daß wir
den Cirkel begehen, aus dem Abzuleitenden abzuleiten, um dann erſt jenes
aus dieſem abzuleiten, indem wir unſere Vermuthungen über das, was
der Formenwelt der Muſik im Innern des Gefühls zu Grunde liegt, eben
aus dieſer gewinnen, zu der wir dann als dem posterius übergehen. Der
Vorwurf wird jetzt die beſtimmtere Wendung nehmen: wenn ſo die muſi-
kaliſche Formenwelt im Gefühl an ſich vorgebildet liegt, wie kommt es,
daß Menſchen vom anerkannt tiefſten Gefühle völlig unmuſikaliſch ſind,
während ſo manches leichte muſikaliſche Talent offenbar oberflächlich fühlt?
Man erkennt jedoch leicht, daß dieſe Thatſache nimmermehr ein Recht

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[809/0047] Perſönlichkeiten eintreten mag, der gleichzeitige Reichthum des Gefühls hat nun die Bedeutung des Geſammtgefühls dieſer Mehrheit, die mannigfache Weiſe, daſſelbe zu empfinden, erſcheint wie ein Wiederhall deſſelben Gefühls in verſchiedenen Formen der Menſchheit; dieſe Formen erweiſen ſich in ihren Haupt-Unterſchieden weſentlich als die anthropologiſchen Typen: anders er- zittert dieſelbe Stimmung im Jüngling, anders im Mann, anders in den zwei Geſchlechtern, anders im Gemüthe des Melancholikers, als des Sanguinikers, Cholerikers, Phlegmatikers. Man darf dabei nicht nur an den unmittelbaren Ausdruck der Empfindung in der menſchlichen Stimme denken, die Kunſt wird, was in dem natürlichen Organ liegt, durch tech- niſche Verwendung äußern Materials in einem reichen Apparate verviel- fältigen, auseinanderlegen; hier iſt noch nicht von den Mitteln der Dar- ſtellung, ſondern von der innern Natur der Gefühlsbewegung die Rede. In ihren gleichzeitigen Unterſchieden nun muß Einſtimmung ſein, allein die Einſtimmung ſchließt nicht den Fortgang vom bloßen Unterſchied zum Gegenſatz und Kampf aus; hier handelt es ſich dann um daſſelbe Syſtem von einſtimmigen und widerſtreitenden inneren Schwingungsverhältniſſen, wie im ſucceſſiven Verlauf einer Stimmung, und wälzt ſich nun der Strom der Empfindung, durch ſo viele Zuflüſſe verſtärkt, deren Waſſer ſich in ihm noch unterſcheiden, reich und mächtig nach dem Meere des Unendlichen. §. 758. Dieſe ganze Welt von Unterſchieden liegt im Leben des Gefühls nur ver- ſchwimmend und verworren angedeutet, ſofern es nicht die Phantaſie iſt, die als Ganzes auf dieſes eine ihrer Momente ſich ſtellt und die verhüllten Keime zur vollen Entwicklung bringt. Nur durch dieſen Prozeß erhält die Empfindung Licht und Geſtalt, wird der Uebergang in anderweitiges, ſtoffartiges Verhalten abgeſchnitten und die Bewegung ihrer ſtreitenden Elemente in das Bett der idealen Reinheit und Harmonie geleitet. Wir haben es bisher gewagt, den Vorwurf nicht zu ſcheuen, daß wir den Cirkel begehen, aus dem Abzuleitenden abzuleiten, um dann erſt jenes aus dieſem abzuleiten, indem wir unſere Vermuthungen über das, was der Formenwelt der Muſik im Innern des Gefühls zu Grunde liegt, eben aus dieſer gewinnen, zu der wir dann als dem posterius übergehen. Der Vorwurf wird jetzt die beſtimmtere Wendung nehmen: wenn ſo die muſi- kaliſche Formenwelt im Gefühl an ſich vorgebildet liegt, wie kommt es, daß Menſchen vom anerkannt tiefſten Gefühle völlig unmuſikaliſch ſind, während ſo manches leichte muſikaliſche Talent offenbar oberflächlich fühlt? Man erkennt jedoch leicht, daß dieſe Thatſache nimmermehr ein Recht 53*

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Zitationshilfe: Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Bd. 3,2,4. Stuttgart, 1857, S. 809. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/vischer_aesthetik030204_1857/47>, abgerufen am 26.02.2021.