Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Bölsche, Wilhelm: Das Liebesleben in der Natur. Bd. 3. Leipzig, 1903.

Bild:
<< vorherige Seite

[Abbildung]

In altem Klosterraum eine stille Bücherei. Vor der
tiefen schweren Wölbung schwebt das Licht der roten Ampel
wie in einer Wolke. Hinten windet sich die krumme Wendel¬
treppe empor und die Stufenbäuche, vom Halbglanz eben ge¬
weckt, gleichen den Schuppenringeln eines dicken Lindwurms,
der seinen Kopf schon in die Decke gestoßen hat. Durch die
Zickzackscheiben des hohen Fensters ein Fleck Schnee und ein
Blitz Sterne.

Ein bischen riecht es noch nach Gespenstern hier, -- ge¬
storbenen, ausgeräucherten Gespenstern. Aber die Goldtitel der
Bücher auf den Regalen dort haben schon zu helle Augen.

Bücher haben Augen. Manchmal in solcher einsamen
Stunde ist mir, als sei so ein Buch schon ein höherer Orga¬
nismus als wir. Eine Entwickelungsstufe der Natur, die vom
Menschen sich schon nach oben losgerungen, ihn überboten hat.
Nimm diese Bücher fort, -- was ist der Mensch? Ein Haufen
kleiner Kinder, die wieder zu Wilden werden. Ein Idiot ohne
Gedächtnis. Alles, was er ist, ist hier aufgesaugt, und was
er neu schafft, schafft er, damit es in dieser höheren Ordnung
lebe, über seine Vergänglichkeit hinaus lebe.

Und wie stark uns das heute oft wieder packt: die Sehn¬
sucht nach solcher stillen Klosterzelle. Eine rote Ampel und
ein goldener Wein und diese weisen Bücheraugen der Jahr¬

-- 1 --

[Abbildung]

In altem Kloſterraum eine ſtille Bücherei. Vor der
tiefen ſchweren Wölbung ſchwebt das Licht der roten Ampel
wie in einer Wolke. Hinten windet ſich die krumme Wendel¬
treppe empor und die Stufenbäuche, vom Halbglanz eben ge¬
weckt, gleichen den Schuppenringeln eines dicken Lindwurms,
der ſeinen Kopf ſchon in die Decke geſtoßen hat. Durch die
Zickzackſcheiben des hohen Fenſters ein Fleck Schnee und ein
Blitz Sterne.

Ein bischen riecht es noch nach Geſpenſtern hier, — ge¬
ſtorbenen, ausgeräucherten Geſpenſtern. Aber die Goldtitel der
Bücher auf den Regalen dort haben ſchon zu helle Augen.

Bücher haben Augen. Manchmal in ſolcher einſamen
Stunde iſt mir, als ſei ſo ein Buch ſchon ein höherer Orga¬
nismus als wir. Eine Entwickelungsſtufe der Natur, die vom
Menſchen ſich ſchon nach oben losgerungen, ihn überboten hat.
Nimm dieſe Bücher fort, — was iſt der Menſch? Ein Haufen
kleiner Kinder, die wieder zu Wilden werden. Ein Idiot ohne
Gedächtnis. Alles, was er iſt, iſt hier aufgeſaugt, und was
er neu ſchafft, ſchafft er, damit es in dieſer höheren Ordnung
lebe, über ſeine Vergänglichkeit hinaus lebe.

Und wie ſtark uns das heute oft wieder packt: die Sehn¬
ſucht nach ſolcher ſtillen Kloſterzelle. Eine rote Ampel und
ein goldener Wein und dieſe weiſen Bücheraugen der Jahr¬

— 1 —
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0015" n="1"/>
      <figure/>
      <div n="1">
        <p><hi rendition="#in">I</hi>n altem Klo&#x017F;terraum eine &#x017F;tille Bücherei. Vor der<lb/>
tiefen &#x017F;chweren Wölbung &#x017F;chwebt das Licht der roten Ampel<lb/>
wie in einer Wolke. Hinten windet &#x017F;ich die krumme Wendel¬<lb/>
treppe empor und die Stufenbäuche, vom Halbglanz eben ge¬<lb/>
weckt, gleichen den Schuppenringeln eines dicken Lindwurms,<lb/>
der &#x017F;einen Kopf &#x017F;chon in die Decke ge&#x017F;toßen hat. Durch die<lb/>
Zickzack&#x017F;cheiben des hohen Fen&#x017F;ters ein Fleck Schnee und ein<lb/>
Blitz Sterne.</p><lb/>
        <p>Ein bischen riecht es noch nach Ge&#x017F;pen&#x017F;tern hier, &#x2014; ge¬<lb/>
&#x017F;torbenen, ausgeräucherten Ge&#x017F;pen&#x017F;tern. Aber die Goldtitel der<lb/>
Bücher auf den Regalen dort haben &#x017F;chon zu helle Augen.</p><lb/>
        <p>Bücher haben Augen. Manchmal in &#x017F;olcher ein&#x017F;amen<lb/>
Stunde i&#x017F;t mir, als &#x017F;ei &#x017F;o ein Buch &#x017F;chon ein höherer Orga¬<lb/>
nismus als wir. Eine Entwickelungs&#x017F;tufe der Natur, die vom<lb/>
Men&#x017F;chen &#x017F;ich &#x017F;chon nach oben losgerungen, ihn überboten hat.<lb/>
Nimm die&#x017F;e Bücher fort, &#x2014; was i&#x017F;t der Men&#x017F;ch? Ein Haufen<lb/>
kleiner Kinder, die wieder zu Wilden werden. Ein Idiot ohne<lb/>
Gedächtnis. Alles, was er i&#x017F;t, i&#x017F;t hier aufge&#x017F;augt, und was<lb/>
er neu &#x017F;chafft, &#x017F;chafft er, damit es in die&#x017F;er höheren Ordnung<lb/>
lebe, über &#x017F;eine Vergänglichkeit hinaus lebe.</p><lb/>
        <p>Und wie &#x017F;tark uns das heute oft wieder packt: die Sehn¬<lb/>
&#x017F;ucht nach &#x017F;olcher &#x017F;tillen Klo&#x017F;terzelle. Eine rote Ampel und<lb/>
ein goldener Wein und die&#x017F;e wei&#x017F;en Bücheraugen der Jahr¬<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">&#x2014; 1 &#x2014;<lb/></fw>
</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[1/0015] [Abbildung] In altem Kloſterraum eine ſtille Bücherei. Vor der tiefen ſchweren Wölbung ſchwebt das Licht der roten Ampel wie in einer Wolke. Hinten windet ſich die krumme Wendel¬ treppe empor und die Stufenbäuche, vom Halbglanz eben ge¬ weckt, gleichen den Schuppenringeln eines dicken Lindwurms, der ſeinen Kopf ſchon in die Decke geſtoßen hat. Durch die Zickzackſcheiben des hohen Fenſters ein Fleck Schnee und ein Blitz Sterne. Ein bischen riecht es noch nach Geſpenſtern hier, — ge¬ ſtorbenen, ausgeräucherten Geſpenſtern. Aber die Goldtitel der Bücher auf den Regalen dort haben ſchon zu helle Augen. Bücher haben Augen. Manchmal in ſolcher einſamen Stunde iſt mir, als ſei ſo ein Buch ſchon ein höherer Orga¬ nismus als wir. Eine Entwickelungsſtufe der Natur, die vom Menſchen ſich ſchon nach oben losgerungen, ihn überboten hat. Nimm dieſe Bücher fort, — was iſt der Menſch? Ein Haufen kleiner Kinder, die wieder zu Wilden werden. Ein Idiot ohne Gedächtnis. Alles, was er iſt, iſt hier aufgeſaugt, und was er neu ſchafft, ſchafft er, damit es in dieſer höheren Ordnung lebe, über ſeine Vergänglichkeit hinaus lebe. Und wie ſtark uns das heute oft wieder packt: die Sehn¬ ſucht nach ſolcher ſtillen Kloſterzelle. Eine rote Ampel und ein goldener Wein und dieſe weiſen Bücheraugen der Jahr¬ — 1 —

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/boelsche_liebesleben03_1903
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/boelsche_liebesleben03_1903/15
Zitationshilfe: Bölsche, Wilhelm: Das Liebesleben in der Natur. Bd. 3. Leipzig, 1903, S. 1. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/boelsche_liebesleben03_1903/15>, abgerufen am 21.03.2019.