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Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1887.

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§ 58. Die Formelsammlungen.
zeichnisse und Zinsbücher darstellen. So entstanden in Salzburg gegen
Ausgang des 8. Jahrhunderts die sog. Breves notitiae, kurze Auszüge
aus den vorhandenen Traditionsurkunden, welche eine nach der Lage
der Grundstücke geordnete Übersicht des kirchlichen Besitzstandes
darbieten wollen 39. Eine der wichtigsten derartigen Arbeiten ist das
in der Zeit Karls d. Gr. angelegte Verzeichnis der Güter, Hintersassen
und Hebungen von St. Germain des Pres 40.

§ 58. Die Formelsammlungen.

Eine abschliessende Ausgabe der Formelsammlungen lieferte K. Zeumer in Mon.
Germ. LL sectio 5, Formulae Merowingici et Karolini aevi, 1886. Eine ältere
systematisch angelegte Ausgabe der einzelnen Formeln ist E. de Roziere, Recueil
general des formules usitees dans l'empire des Francs du Ve au Xe siecle, 3 vol.
1859--1871. Ein systematisches Verzeichnis steht bei Zeumer S IX--XVII. Über
die älteren Gesamtausgaben der Formeln von Bignon, Lindenbruch, Baluze, Canciani
und Walter s. Zeumer, NA VI 98--115.
Zur Litteratur: J. A. L. Seidensticker, Commentatio de Marculfinis simili-
busque formulis, 1815. K. Zeumer, Über die älteren fränkischen Formelsamm-
lungen, NA VI 1--115; derselbe, Über die alamannischen Formelsammlungen,
NA VIII 475; derselbe in den Göttingischen gelehrten Anzeigen 1882 Nr 44. 45,
S 1389--1415; derselbe, Neue Erörterungen über ältere fränk. Formelsammlungen,
NA XI 313; derselbe in den Einleitungen zu den einzelnen Formelsammlungen
und S 726 seiner Ausgabe. R. Schröder, Über die fränk. Formelsammlungen,
Z2 f. RG IV 75. Biedenweg, Commentatio ad formulas Visigothicas, 1856.

Im fränkischen Reiche fehlte ein zünftiger und erblicher Schreiber-
stand, der die hergebrachte Technik des Urkundenwesens durch hand-
werksmässige Einschulung von Lehrlingen fortgepflanzt hätte. Es ergab
sich daher, als und soweit die trotzdem fortlebende Tradition der
römischen Urkundenpraxis nicht mehr ausreichte 1, für die Herstellung

gelegte Sammlung der rechtsgeschichtlich hochbedeutsamen Urkunden des Klosters
Farfa in der Sabina von den Neueren als Registrum bezeichnet. Georgie Bal-
zani,
Regesto di Farfa II. III, 1879. 1883. Vgl. Mittheil. des Inst. f. österr. Ge-
schichtsforschung II 1 ff.
39 Keinz, Indiculus Arnonis und Breves Notitiae Salzburgenses, 1869. Der
Ind. Arn. ist eine bald nach 788 von Erzbischof Arno bewerkstelligte Zusammen-
stellung mündlicher und schriftlicher Zeugnisse über den von den Agilolfingern her-
stammenden Kirchenbesitz, welcher nach diesem Verzeichnis von Karl d. Gr. be-
stätigt wurde.
40 B. Guerard, Polyptyque de l'abbe Irminon ou denombrement des manses,
des serfs et des revenus de l'abbaye de St. Germain-des-Pres, 2 Bde 1844. Bd 1
enthält die Prolegomena, Bd 2 giebt die Texte.
1 S. oben S 392 Anm 2.
Binding, Handbuch. II. 1. I: Brunner, Deutsche Rechtsgesch. I. 26

§ 58. Die Formelsammlungen.
zeichnisse und Zinsbücher darstellen. So entstanden in Salzburg gegen
Ausgang des 8. Jahrhunderts die sog. Breves notitiae, kurze Auszüge
aus den vorhandenen Traditionsurkunden, welche eine nach der Lage
der Grundstücke geordnete Übersicht des kirchlichen Besitzstandes
darbieten wollen 39. Eine der wichtigsten derartigen Arbeiten ist das
in der Zeit Karls d. Gr. angelegte Verzeichnis der Güter, Hintersassen
und Hebungen von St. Germain des Prés 40.

§ 58. Die Formelsammlungen.

Eine abschlieſsende Ausgabe der Formelsammlungen lieferte K. Zeumer in Mon.
Germ. LL sectio 5, Formulae Merowingici et Karolini aevi, 1886. Eine ältere
systematisch angelegte Ausgabe der einzelnen Formeln ist E. de Rozière, Recueil
général des formules usitées dans l’empire des Francs du Ve au Xe siècle, 3 vol.
1859—1871. Ein systematisches Verzeichnis steht bei Zeumer S IX—XVII. Über
die älteren Gesamtausgaben der Formeln von Bignon, Lindenbruch, Baluze, Canciani
und Walter s. Zeumer, NA VI 98—115.
Zur Litteratur: J. A. L. Seidensticker, Commentatio de Marculfinis simili-
busque formulis, 1815. K. Zeumer, Über die älteren fränkischen Formelsamm-
lungen, NA VI 1—115; derselbe, Über die alamannischen Formelsammlungen,
NA VIII 475; derselbe in den Göttingischen gelehrten Anzeigen 1882 Nr 44. 45,
S 1389—1415; derselbe, Neue Erörterungen über ältere fränk. Formelsammlungen,
NA XI 313; derselbe in den Einleitungen zu den einzelnen Formelsammlungen
und S 726 seiner Ausgabe. R. Schröder, Über die fränk. Formelsammlungen,
Z2 f. RG IV 75. Biedenweg, Commentatio ad formulas Visigothicas, 1856.

Im fränkischen Reiche fehlte ein zünftiger und erblicher Schreiber-
stand, der die hergebrachte Technik des Urkundenwesens durch hand-
werksmäſsige Einschulung von Lehrlingen fortgepflanzt hätte. Es ergab
sich daher, als und soweit die trotzdem fortlebende Tradition der
römischen Urkundenpraxis nicht mehr ausreichte 1, für die Herstellung

gelegte Sammlung der rechtsgeschichtlich hochbedeutsamen Urkunden des Klosters
Farfa in der Sabina von den Neueren als Registrum bezeichnet. Georgie Bal-
zani,
Regesto di Farfa II. III, 1879. 1883. Vgl. Mittheil. des Inst. f. österr. Ge-
schichtsforschung II 1 ff.
39 Keinz, Indiculus Arnonis und Breves Notitiae Salzburgenses, 1869. Der
Ind. Arn. ist eine bald nach 788 von Erzbischof Arno bewerkstelligte Zusammen-
stellung mündlicher und schriftlicher Zeugnisse über den von den Agilolfingern her-
stammenden Kirchenbesitz, welcher nach diesem Verzeichnis von Karl d. Gr. be-
stätigt wurde.
40 B. Guérard, Polyptyque de l’abbé Irminon ou dénombrement des manses,
des serfs et des revenus de l’abbaye de St. Germain-des-Prés, 2 Bde 1844. Bd 1
enthält die Prolegomena, Bd 2 giebt die Texte.
1 S. oben S 392 Anm 2.
Binding, Handbuch. II. 1. I: Brunner, Deutsche Rechtsgesch. I. 26
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[401/0419] § 58. Die Formelsammlungen. zeichnisse und Zinsbücher darstellen. So entstanden in Salzburg gegen Ausgang des 8. Jahrhunderts die sog. Breves notitiae, kurze Auszüge aus den vorhandenen Traditionsurkunden, welche eine nach der Lage der Grundstücke geordnete Übersicht des kirchlichen Besitzstandes darbieten wollen 39. Eine der wichtigsten derartigen Arbeiten ist das in der Zeit Karls d. Gr. angelegte Verzeichnis der Güter, Hintersassen und Hebungen von St. Germain des Prés 40. § 58. Die Formelsammlungen. Eine abschlieſsende Ausgabe der Formelsammlungen lieferte K. Zeumer in Mon. Germ. LL sectio 5, Formulae Merowingici et Karolini aevi, 1886. Eine ältere systematisch angelegte Ausgabe der einzelnen Formeln ist E. de Rozière, Recueil général des formules usitées dans l’empire des Francs du Ve au Xe siècle, 3 vol. 1859—1871. Ein systematisches Verzeichnis steht bei Zeumer S IX—XVII. Über die älteren Gesamtausgaben der Formeln von Bignon, Lindenbruch, Baluze, Canciani und Walter s. Zeumer, NA VI 98—115. Zur Litteratur: J. A. L. Seidensticker, Commentatio de Marculfinis simili- busque formulis, 1815. K. Zeumer, Über die älteren fränkischen Formelsamm- lungen, NA VI 1—115; derselbe, Über die alamannischen Formelsammlungen, NA VIII 475; derselbe in den Göttingischen gelehrten Anzeigen 1882 Nr 44. 45, S 1389—1415; derselbe, Neue Erörterungen über ältere fränk. Formelsammlungen, NA XI 313; derselbe in den Einleitungen zu den einzelnen Formelsammlungen und S 726 seiner Ausgabe. R. Schröder, Über die fränk. Formelsammlungen, Z2 f. RG IV 75. Biedenweg, Commentatio ad formulas Visigothicas, 1856. Im fränkischen Reiche fehlte ein zünftiger und erblicher Schreiber- stand, der die hergebrachte Technik des Urkundenwesens durch hand- werksmäſsige Einschulung von Lehrlingen fortgepflanzt hätte. Es ergab sich daher, als und soweit die trotzdem fortlebende Tradition der römischen Urkundenpraxis nicht mehr ausreichte 1, für die Herstellung 38 39 Keinz, Indiculus Arnonis und Breves Notitiae Salzburgenses, 1869. Der Ind. Arn. ist eine bald nach 788 von Erzbischof Arno bewerkstelligte Zusammen- stellung mündlicher und schriftlicher Zeugnisse über den von den Agilolfingern her- stammenden Kirchenbesitz, welcher nach diesem Verzeichnis von Karl d. Gr. be- stätigt wurde. 40 B. Guérard, Polyptyque de l’abbé Irminon ou dénombrement des manses, des serfs et des revenus de l’abbaye de St. Germain-des-Prés, 2 Bde 1844. Bd 1 enthält die Prolegomena, Bd 2 giebt die Texte. 1 S. oben S 392 Anm 2. 38 gelegte Sammlung der rechtsgeschichtlich hochbedeutsamen Urkunden des Klosters Farfa in der Sabina von den Neueren als Registrum bezeichnet. Georgie Bal- zani, Regesto di Farfa II. III, 1879. 1883. Vgl. Mittheil. des Inst. f. österr. Ge- schichtsforschung II 1 ff. Binding, Handbuch. II. 1. I: Brunner, Deutsche Rechtsgesch. I. 26

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Zitationshilfe: Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1887, S. 401. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/brunner_rechtsgeschichte01_1887/419>, abgerufen am 21.10.2019.