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Büchner, Georg: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß. Frankfurt (Main), 1879.

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Zur Textkritik von "Danton's Tod".

Das Drama "Danton's Tod", obwohl das einzige Werk Georg
Büchner's, dessen Erscheinen der Dichter erlebte und überlebte, ist
doch zugleich dasjenige, das am meisten einer kritischen Ausgabe
bedurfte, welche auf die Original-Manuscripte zurückgriff. Denn
theils äußerer Verhältnisse wegen, denen die früheren Herausgeber
Rechnung tragen mußten, theils aus inneren Gründen, welche für
sie bestimmend waren, lag das Werk dem Publicum bisher in einer
Form vor, welche sich sehr wesentlich von jener unterscheidet, die
ihm der Dichter gegeben. Ich war durch äußere Verhältnisse nicht
mehr gebunden und jene inneren Gründe waren für mich, nach
reiflicher Ueberlegung, nicht bestimmend. Ich habe das Drama
daher genau in jenem Wortlaute abdrucken lassen, welchen der Dichter
niedergeschrieben.

Schon die Art, in der sich der Dichter über die Redaction
des ersten Abdrucks geäußert, mußte mich zu diesem Entschlusse be-
stimmen. Das Werk erschien, nachdem Karl Gutzkow bereits vor-
her im "Phönix" von 1835 Bruchstücke daraus mitgetheilt, zuerst
in Buchform unter dem Titel: "Danton's Tod. Dramatische Bilder
aus Frankreichs Schreckensherrschaft von Georg Büchner. Frank-
furt am Main. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. 1835".
Karl Gutzkow, der es redigirt, hatte hiebei der Censur weitgehende
Concessionen machen müssen; weitere Striche, Zusätze und Ver-
änderungen hatte Eduard Duller daran vorgenommen. Gutzkow
erzählt hierüber im Frankfurter "Telegraph" (1837, Nr. 43, p. 337):
"Ich hatte große Mühe mit dem "Danton". Ich hatte vergessen,
daß solche Dinge, wie sie Büchner dort hingeworfen, solche Aus-
drücke sogar, die er sich erlaubte, heute nicht gedruckt werden dürfen.
Als ich nun, um dem Censor nicht die Lust des Streichens zu
gönnen, selbst den Rothstift ergriff und die wuchernde Demokratie
der Dichtung mit der Scheere der Vorcensur beschnitt, fühlt' ich

Zur Textkritik von "Danton's Tod".

Das Drama "Danton's Tod", obwohl das einzige Werk Georg
Büchner's, deſſen Erſcheinen der Dichter erlebte und überlebte, iſt
doch zugleich dasjenige, das am meiſten einer kritiſchen Ausgabe
bedurfte, welche auf die Original-Manuſcripte zurückgriff. Denn
theils äußerer Verhältniſſe wegen, denen die früheren Herausgeber
Rechnung tragen mußten, theils aus inneren Gründen, welche für
ſie beſtimmend waren, lag das Werk dem Publicum bisher in einer
Form vor, welche ſich ſehr weſentlich von jener unterſcheidet, die
ihm der Dichter gegeben. Ich war durch äußere Verhältniſſe nicht
mehr gebunden und jene inneren Gründe waren für mich, nach
reiflicher Ueberlegung, nicht beſtimmend. Ich habe das Drama
daher genau in jenem Wortlaute abdrucken laſſen, welchen der Dichter
niedergeſchrieben.

Schon die Art, in der ſich der Dichter über die Redaction
des erſten Abdrucks geäußert, mußte mich zu dieſem Entſchluſſe be-
ſtimmen. Das Werk erſchien, nachdem Karl Gutzkow bereits vor-
her im "Phönix" von 1835 Bruchſtücke daraus mitgetheilt, zuerſt
in Buchform unter dem Titel: "Danton's Tod. Dramatiſche Bilder
aus Frankreichs Schreckensherrſchaft von Georg Büchner. Frank-
furt am Main. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. 1835".
Karl Gutzkow, der es redigirt, hatte hiebei der Cenſur weitgehende
Conceſſionen machen müſſen; weitere Striche, Zuſätze und Ver-
änderungen hatte Eduard Duller daran vorgenommen. Gutzkow
erzählt hierüber im Frankfurter "Telegraph" (1837, Nr. 43, p. 337):
"Ich hatte große Mühe mit dem "Danton". Ich hatte vergeſſen,
daß ſolche Dinge, wie ſie Büchner dort hingeworfen, ſolche Aus-
drücke ſogar, die er ſich erlaubte, heute nicht gedruckt werden dürfen.
Als ich nun, um dem Cenſor nicht die Luſt des Streichens zu
gönnen, ſelbſt den Rothſtift ergriff und die wuchernde Demokratie
der Dichtung mit der Scheere der Vorcenſur beſchnitt, fühlt' ich

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[[98]/0294] Zur Textkritik von "Danton's Tod". Das Drama "Danton's Tod", obwohl das einzige Werk Georg Büchner's, deſſen Erſcheinen der Dichter erlebte und überlebte, iſt doch zugleich dasjenige, das am meiſten einer kritiſchen Ausgabe bedurfte, welche auf die Original-Manuſcripte zurückgriff. Denn theils äußerer Verhältniſſe wegen, denen die früheren Herausgeber Rechnung tragen mußten, theils aus inneren Gründen, welche für ſie beſtimmend waren, lag das Werk dem Publicum bisher in einer Form vor, welche ſich ſehr weſentlich von jener unterſcheidet, die ihm der Dichter gegeben. Ich war durch äußere Verhältniſſe nicht mehr gebunden und jene inneren Gründe waren für mich, nach reiflicher Ueberlegung, nicht beſtimmend. Ich habe das Drama daher genau in jenem Wortlaute abdrucken laſſen, welchen der Dichter niedergeſchrieben. Schon die Art, in der ſich der Dichter über die Redaction des erſten Abdrucks geäußert, mußte mich zu dieſem Entſchluſſe be- ſtimmen. Das Werk erſchien, nachdem Karl Gutzkow bereits vor- her im "Phönix" von 1835 Bruchſtücke daraus mitgetheilt, zuerſt in Buchform unter dem Titel: "Danton's Tod. Dramatiſche Bilder aus Frankreichs Schreckensherrſchaft von Georg Büchner. Frank- furt am Main. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer. 1835". Karl Gutzkow, der es redigirt, hatte hiebei der Cenſur weitgehende Conceſſionen machen müſſen; weitere Striche, Zuſätze und Ver- änderungen hatte Eduard Duller daran vorgenommen. Gutzkow erzählt hierüber im Frankfurter "Telegraph" (1837, Nr. 43, p. 337): "Ich hatte große Mühe mit dem "Danton". Ich hatte vergeſſen, daß ſolche Dinge, wie ſie Büchner dort hingeworfen, ſolche Aus- drücke ſogar, die er ſich erlaubte, heute nicht gedruckt werden dürfen. Als ich nun, um dem Cenſor nicht die Luſt des Streichens zu gönnen, ſelbſt den Rothſtift ergriff und die wuchernde Demokratie der Dichtung mit der Scheere der Vorcenſur beſchnitt, fühlt' ich

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Zitationshilfe: Büchner, Georg: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß. Frankfurt (Main), 1879, S. [98]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/buechner_werke_1879/294>, abgerufen am 11.08.2020.