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Büchner, Georg: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß. Frankfurt (Main), 1879.

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Leute, die in der Praxis tausendfältig mehr gesündigt, als
diese in der Theorie, gleich moralische Gesichter ziehn und
den Stein auf ein jugendliches, tüchtiges Talent werfen. Ich
gehe meinen Weg für mich und bleibe auf dem Felde des
Drama's, das mit all diesen Streitfragen nichts zu thun
hat; ich zeichne meine Charaktere, wie ich sie der Natur und
der Geschichte angemessen halte, und lache über die Leute,
welche mich für die Moralität oder Immoralität derselben
verantwortlich machen wollen. Ich habe darüber meine eignen
Gedanken. .....

..... Ich komme vom Christkindelsmarkt, überall
Haufen zerlumpter, frierender Kinder, die mit aufgerissenen
Augen und traurigen Gesichtern vor den Herrlichkeiten aus
Wasser und Mehl, Dreck und Goldpapier standen. Der
Gedanke, daß für die meisten Menschen auch die armseligsten
Genüsse und Freuden unerreichbare Kostbarkeiten sind, machte
mich sehr bitter. .....

37.


..... Ich begreife nicht, daß man gegen Küchler
etwas in Händen haben soll; ich dachte, er sei mit nichts
beschäftigt, als seine Praxis und Kenntnisse zu erweitern.
Wenn er auch nur kurze Zeit sitzt, so ist doch wohl seine
ganze Zukunft zerstört: man setzt ihn vorläufig in Freiheit,
spricht ihn von der Instanz los, läßt ihn versprechen, das
Land nicht zu verlassen, und verbietet ihm seine Praxis,
was man nach den neusten Verfügungen kann. -- Als sicher
und gewiß kann ich Euch sagen, daß man vor Kurzem in
Bayern zwei junge Leute, nachdem sie seit fast vier Jahren

Leute, die in der Praxis tauſendfältig mehr geſündigt, als
dieſe in der Theorie, gleich moraliſche Geſichter ziehn und
den Stein auf ein jugendliches, tüchtiges Talent werfen. Ich
gehe meinen Weg für mich und bleibe auf dem Felde des
Drama's, das mit all dieſen Streitfragen nichts zu thun
hat; ich zeichne meine Charaktere, wie ich ſie der Natur und
der Geſchichte angemeſſen halte, und lache über die Leute,
welche mich für die Moralität oder Immoralität derſelben
verantwortlich machen wollen. Ich habe darüber meine eignen
Gedanken. .....

..... Ich komme vom Chriſtkindelsmarkt, überall
Haufen zerlumpter, frierender Kinder, die mit aufgeriſſenen
Augen und traurigen Geſichtern vor den Herrlichkeiten aus
Waſſer und Mehl, Dreck und Goldpapier ſtanden. Der
Gedanke, daß für die meiſten Menſchen auch die armſeligſten
Genüſſe und Freuden unerreichbare Koſtbarkeiten ſind, machte
mich ſehr bitter. .....

37.


..... Ich begreife nicht, daß man gegen Küchler
etwas in Händen haben ſoll; ich dachte, er ſei mit nichts
beſchäftigt, als ſeine Praxis und Kenntniſſe zu erweitern.
Wenn er auch nur kurze Zeit ſitzt, ſo iſt doch wohl ſeine
ganze Zukunft zerſtört: man ſetzt ihn vorläufig in Freiheit,
ſpricht ihn von der Inſtanz los, läßt ihn verſprechen, das
Land nicht zu verlaſſen, und verbietet ihm ſeine Praxis,
was man nach den neuſten Verfügungen kann. — Als ſicher
und gewiß kann ich Euch ſagen, daß man vor Kurzem in
Bayern zwei junge Leute, nachdem ſie ſeit faſt vier Jahren

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[363/0559] Leute, die in der Praxis tauſendfältig mehr geſündigt, als dieſe in der Theorie, gleich moraliſche Geſichter ziehn und den Stein auf ein jugendliches, tüchtiges Talent werfen. Ich gehe meinen Weg für mich und bleibe auf dem Felde des Drama's, das mit all dieſen Streitfragen nichts zu thun hat; ich zeichne meine Charaktere, wie ich ſie der Natur und der Geſchichte angemeſſen halte, und lache über die Leute, welche mich für die Moralität oder Immoralität derſelben verantwortlich machen wollen. Ich habe darüber meine eignen Gedanken. ..... ..... Ich komme vom Chriſtkindelsmarkt, überall Haufen zerlumpter, frierender Kinder, die mit aufgeriſſenen Augen und traurigen Geſichtern vor den Herrlichkeiten aus Waſſer und Mehl, Dreck und Goldpapier ſtanden. Der Gedanke, daß für die meiſten Menſchen auch die armſeligſten Genüſſe und Freuden unerreichbare Koſtbarkeiten ſind, machte mich ſehr bitter. ..... 37. Straßburg, den 15. März 1836. ..... Ich begreife nicht, daß man gegen Küchler etwas in Händen haben ſoll; ich dachte, er ſei mit nichts beſchäftigt, als ſeine Praxis und Kenntniſſe zu erweitern. Wenn er auch nur kurze Zeit ſitzt, ſo iſt doch wohl ſeine ganze Zukunft zerſtört: man ſetzt ihn vorläufig in Freiheit, ſpricht ihn von der Inſtanz los, läßt ihn verſprechen, das Land nicht zu verlaſſen, und verbietet ihm ſeine Praxis, was man nach den neuſten Verfügungen kann. — Als ſicher und gewiß kann ich Euch ſagen, daß man vor Kurzem in Bayern zwei junge Leute, nachdem ſie ſeit faſt vier Jahren

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Zitationshilfe: Büchner, Georg: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß. Frankfurt (Main), 1879, S. 363. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/buechner_werke_1879/559>, abgerufen am 09.12.2019.