Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Büchner, Georg: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß. Frankfurt (Main), 1879.

Bild:
<< vorherige Seite

für mein Inneres, aber ich habe keinen Schrei für den
Schmerz, kein Jauchzen für die Freude, keine Harmonie für
die Seligkeit. Dies Stummsein ist meine Verdammniß.
Ich habe dir's schon tausendmal gesagt: Lies meine Briefe
nicht, -- kalte, träge Worte! Könnte ich nur über dich
einen vollen Ton ausgießen -- so schleppe ich dich in meine
wüsten Irrgänge. Du sitzest jetzt im dunkeln Zimmer in
deinen Thränen allein, bald trete ich zu dir. Seit vierzehn
Tagen steht dein Bild beständig vor mir, ich sehe dich in
jedem Traum. Dein Schatten schwebt immer vor mir, wie
das Lichtzittern, wenn man in die Sonne gesehen. Ich
lechze nach einer seligen Empfindung, die wird mir bald,
bald, bei dir.

4.


... Ich werde gleich von hier nach Straßburg gehen,
ohne Darmstadt zu berühren; ich hätte dort auf Schwierig-
keiten gestoßen, und meine Reise wäre vielleicht bis zu Ende
der Vakanzen verschoben worden. Ich schreibe dir jedoch vor-
her noch einmal, sonst ertrag' ich's nicht vor Ungeduld; dieser
Brief ist ohnedies so langweilig, wie ein Anmelden in einem
vornehmen Hause: Herr Studiosus Büchner. Das ist Alles!
Wie ich hier zusammenschrumpfe, ich erliege fast unter diesem
Bewußtsein; ja sonst wäre es ziemlich gleichgiltig; wie
man nur einen Betäubten oder Blödsinnigen beklagen mag!
Aber du, was sagst du zu dem Invaliden? Ich wenigstens
kann die Leute auf halbem Sold nicht ausstehen. Nous
ferons un peu de romantique, pour nous tenir a la hauteur
du siecle; et puis me faudra-t-il du fer a cheval pour faire

für mein Inneres, aber ich habe keinen Schrei für den
Schmerz, kein Jauchzen für die Freude, keine Harmonie für
die Seligkeit. Dies Stummſein iſt meine Verdammniß.
Ich habe dir's ſchon tauſendmal geſagt: Lies meine Briefe
nicht, — kalte, träge Worte! Könnte ich nur über dich
einen vollen Ton ausgießen — ſo ſchleppe ich dich in meine
wüſten Irrgänge. Du ſitzeſt jetzt im dunkeln Zimmer in
deinen Thränen allein, bald trete ich zu dir. Seit vierzehn
Tagen ſteht dein Bild beſtändig vor mir, ich ſehe dich in
jedem Traum. Dein Schatten ſchwebt immer vor mir, wie
das Lichtzittern, wenn man in die Sonne geſehen. Ich
lechze nach einer ſeligen Empfindung, die wird mir bald,
bald, bei dir.

4.


... Ich werde gleich von hier nach Straßburg gehen,
ohne Darmſtadt zu berühren; ich hätte dort auf Schwierig-
keiten geſtoßen, und meine Reiſe wäre vielleicht bis zu Ende
der Vakanzen verſchoben worden. Ich ſchreibe dir jedoch vor-
her noch einmal, ſonſt ertrag' ich's nicht vor Ungeduld; dieſer
Brief iſt ohnedies ſo langweilig, wie ein Anmelden in einem
vornehmen Hauſe: Herr Studioſus Büchner. Das iſt Alles!
Wie ich hier zuſammenſchrumpfe, ich erliege faſt unter dieſem
Bewußtſein; ja ſonſt wäre es ziemlich gleichgiltig; wie
man nur einen Betäubten oder Blödſinnigen beklagen mag!
Aber du, was ſagſt du zu dem Invaliden? Ich wenigſtens
kann die Leute auf halbem Sold nicht ausſtehen. Nous
ferons un peu de romantique, pour nous tenir à la hauteur
du siècle; et puis me faudra-t-il du fer à cheval pour faire

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0571" n="375"/>
für mein Inneres, aber ich habe keinen Schrei für den<lb/>
Schmerz, kein Jauchzen für die Freude, keine Harmonie für<lb/>
die Seligkeit. Dies Stumm&#x017F;ein i&#x017F;t meine Verdammniß.<lb/>
Ich habe dir's &#x017F;chon tau&#x017F;endmal ge&#x017F;agt: Lies meine Briefe<lb/>
nicht, &#x2014; kalte, träge Worte! Könnte ich nur über dich<lb/>
einen vollen Ton ausgießen &#x2014; &#x017F;o &#x017F;chleppe ich dich in meine<lb/>&#x017F;ten Irrgänge. Du &#x017F;itze&#x017F;t jetzt im dunkeln Zimmer in<lb/>
deinen Thränen allein, bald trete ich zu dir. Seit vierzehn<lb/>
Tagen &#x017F;teht dein Bild be&#x017F;tändig vor mir, ich &#x017F;ehe dich in<lb/>
jedem Traum. Dein Schatten &#x017F;chwebt immer vor mir, wie<lb/>
das Lichtzittern, wenn man in die Sonne ge&#x017F;ehen. Ich<lb/>
lechze nach einer &#x017F;eligen Empfindung, die wird mir bald,<lb/>
bald, bei dir.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#c">4.</hi> </head><lb/>
            <dateline><hi rendition="#g">Gießen</hi> 1834.</dateline><lb/>
            <p>... Ich werde gleich von hier nach Straßburg gehen,<lb/>
ohne Darm&#x017F;tadt zu berühren; ich hätte dort auf Schwierig-<lb/>
keiten ge&#x017F;toßen, und meine Rei&#x017F;e wäre vielleicht bis zu Ende<lb/>
der Vakanzen ver&#x017F;choben worden. Ich &#x017F;chreibe dir jedoch vor-<lb/>
her noch einmal, &#x017F;on&#x017F;t ertrag' ich's nicht vor Ungeduld; die&#x017F;er<lb/>
Brief i&#x017F;t ohnedies &#x017F;o langweilig, wie ein Anmelden in einem<lb/>
vornehmen Hau&#x017F;e: Herr Studio&#x017F;us Büchner. Das i&#x017F;t Alles!<lb/>
Wie ich hier zu&#x017F;ammen&#x017F;chrumpfe, ich erliege fa&#x017F;t unter die&#x017F;em<lb/><hi rendition="#g">Bewußt&#x017F;ein</hi>; ja &#x017F;on&#x017F;t wäre es ziemlich gleichgiltig; wie<lb/>
man nur einen Betäubten oder Blöd&#x017F;innigen beklagen mag!<lb/>
Aber du, was &#x017F;ag&#x017F;t du zu dem Invaliden? Ich wenig&#x017F;tens<lb/>
kann die Leute auf halbem Sold nicht aus&#x017F;tehen. <hi rendition="#aq">Nous<lb/>
ferons un peu de romantique, pour nous tenir à la hauteur<lb/>
du siècle; et puis me faudra-t-il du fer à cheval pour faire<lb/></hi></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[375/0571] für mein Inneres, aber ich habe keinen Schrei für den Schmerz, kein Jauchzen für die Freude, keine Harmonie für die Seligkeit. Dies Stummſein iſt meine Verdammniß. Ich habe dir's ſchon tauſendmal geſagt: Lies meine Briefe nicht, — kalte, träge Worte! Könnte ich nur über dich einen vollen Ton ausgießen — ſo ſchleppe ich dich in meine wüſten Irrgänge. Du ſitzeſt jetzt im dunkeln Zimmer in deinen Thränen allein, bald trete ich zu dir. Seit vierzehn Tagen ſteht dein Bild beſtändig vor mir, ich ſehe dich in jedem Traum. Dein Schatten ſchwebt immer vor mir, wie das Lichtzittern, wenn man in die Sonne geſehen. Ich lechze nach einer ſeligen Empfindung, die wird mir bald, bald, bei dir. 4. Gießen 1834. ... Ich werde gleich von hier nach Straßburg gehen, ohne Darmſtadt zu berühren; ich hätte dort auf Schwierig- keiten geſtoßen, und meine Reiſe wäre vielleicht bis zu Ende der Vakanzen verſchoben worden. Ich ſchreibe dir jedoch vor- her noch einmal, ſonſt ertrag' ich's nicht vor Ungeduld; dieſer Brief iſt ohnedies ſo langweilig, wie ein Anmelden in einem vornehmen Hauſe: Herr Studioſus Büchner. Das iſt Alles! Wie ich hier zuſammenſchrumpfe, ich erliege faſt unter dieſem Bewußtſein; ja ſonſt wäre es ziemlich gleichgiltig; wie man nur einen Betäubten oder Blödſinnigen beklagen mag! Aber du, was ſagſt du zu dem Invaliden? Ich wenigſtens kann die Leute auf halbem Sold nicht ausſtehen. Nous ferons un peu de romantique, pour nous tenir à la hauteur du siècle; et puis me faudra-t-il du fer à cheval pour faire

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/buechner_werke_1879
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/buechner_werke_1879/571
Zitationshilfe: Büchner, Georg: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß. Frankfurt (Main), 1879, S. 375. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/buechner_werke_1879/571>, abgerufen am 22.09.2020.