Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werthers. Bd. 1. Leipzig, 1774.

Bild:
<< vorherige Seite



fürchterlich, wenn sie so lustig sind. Unter uns,
ich passe die Zeit ab, wenn er zu thun hat,
wutsch! bin ich draus, und da ist mir's immer
wohl, wenn ich sie allein finde.




Jch bitte dich, lieber Wilhelm! Es war gewiß
nicht auf dich geredt, wenn ich schrieb: schafft
mir die Kerls vom Hals, die sagen, ich sollte mich
resigniren. Jch dachte warlich nicht dran, daß du
von ähnlicher Meinung seyn könntest. Und im
Grunde hast du recht! Nur eins, mein Bester, in
der Welt ist's sehr selten mit dem Entweder Oder
gethan, es giebt so viel Schattirungen der Empfin-
dungen und Handlungsweisen, als Abfälle zwischen
einer Habichts- und Stumpfnase.

Du wirst mir also nicht übel nehmen, wenn
ich dir dein ganzes Argument einräume, und mich
doch zwischen dem Entweder Oder durchzustehlen
suche.

Entweder sagst du, hast du Hofnung auf
Lotten, oder du hast keine. Gut! Jm ersten Falle

such



fuͤrchterlich, wenn ſie ſo luſtig ſind. Unter uns,
ich paſſe die Zeit ab, wenn er zu thun hat,
wutſch! bin ich draus, und da iſt mir’s immer
wohl, wenn ich ſie allein finde.




Jch bitte dich, lieber Wilhelm! Es war gewiß
nicht auf dich geredt, wenn ich ſchrieb: ſchafft
mir die Kerls vom Hals, die ſagen, ich ſollte mich
reſigniren. Jch dachte warlich nicht dran, daß du
von aͤhnlicher Meinung ſeyn koͤnnteſt. Und im
Grunde haſt du recht! Nur eins, mein Beſter, in
der Welt iſt’s ſehr ſelten mit dem Entweder Oder
gethan, es giebt ſo viel Schattirungen der Empfin-
dungen und Handlungsweiſen, als Abfaͤlle zwiſchen
einer Habichts- und Stumpfnaſe.

Du wirſt mir alſo nicht uͤbel nehmen, wenn
ich dir dein ganzes Argument einraͤume, und mich
doch zwiſchen dem Entweder Oder durchzuſtehlen
ſuche.

Entweder ſagſt du, haſt du Hofnung auf
Lotten, oder du haſt keine. Gut! Jm erſten Falle

ſuch
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="diaryEntry">
        <p><pb facs="#f0075" n="75"/><milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
fu&#x0364;rchterlich, wenn &#x017F;ie &#x017F;o lu&#x017F;tig &#x017F;ind. Unter uns,<lb/>
ich pa&#x017F;&#x017F;e die Zeit ab, wenn er zu thun hat,<lb/>
wut&#x017F;ch! bin ich draus, und da i&#x017F;t mir&#x2019;s immer<lb/>
wohl, wenn ich &#x017F;ie allein finde.</p><lb/>
      </div>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
      <div type="diaryEntry">
        <dateline> <hi rendition="#et">am 8. Aug.</hi> </dateline><lb/>
        <p><hi rendition="#in">J</hi>ch bitte dich, lieber Wilhelm! Es war gewiß<lb/>
nicht auf dich geredt, wenn ich &#x017F;chrieb: &#x017F;chafft<lb/>
mir die Kerls vom Hals, die &#x017F;agen, ich &#x017F;ollte mich<lb/>
re&#x017F;igniren. Jch dachte warlich nicht dran, daß du<lb/>
von a&#x0364;hnlicher Meinung &#x017F;eyn ko&#x0364;nnte&#x017F;t. Und im<lb/>
Grunde ha&#x017F;t du recht! Nur eins, mein Be&#x017F;ter, in<lb/>
der Welt i&#x017F;t&#x2019;s &#x017F;ehr &#x017F;elten mit dem Entweder Oder<lb/>
gethan, es giebt &#x017F;o viel Schattirungen der Empfin-<lb/>
dungen und Handlungswei&#x017F;en, als Abfa&#x0364;lle zwi&#x017F;chen<lb/>
einer Habichts- und Stumpfna&#x017F;e.</p><lb/>
        <p>Du wir&#x017F;t mir al&#x017F;o nicht u&#x0364;bel nehmen, wenn<lb/>
ich dir dein ganzes Argument einra&#x0364;ume, und mich<lb/>
doch zwi&#x017F;chen dem Entweder Oder durchzu&#x017F;tehlen<lb/>
&#x017F;uche.</p><lb/>
        <p>Entweder &#x017F;ag&#x017F;t du, ha&#x017F;t du Hofnung auf<lb/>
Lotten, oder du ha&#x017F;t keine. Gut! Jm er&#x017F;ten Falle<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">&#x017F;uch</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[75/0075] fuͤrchterlich, wenn ſie ſo luſtig ſind. Unter uns, ich paſſe die Zeit ab, wenn er zu thun hat, wutſch! bin ich draus, und da iſt mir’s immer wohl, wenn ich ſie allein finde. am 8. Aug. Jch bitte dich, lieber Wilhelm! Es war gewiß nicht auf dich geredt, wenn ich ſchrieb: ſchafft mir die Kerls vom Hals, die ſagen, ich ſollte mich reſigniren. Jch dachte warlich nicht dran, daß du von aͤhnlicher Meinung ſeyn koͤnnteſt. Und im Grunde haſt du recht! Nur eins, mein Beſter, in der Welt iſt’s ſehr ſelten mit dem Entweder Oder gethan, es giebt ſo viel Schattirungen der Empfin- dungen und Handlungsweiſen, als Abfaͤlle zwiſchen einer Habichts- und Stumpfnaſe. Du wirſt mir alſo nicht uͤbel nehmen, wenn ich dir dein ganzes Argument einraͤume, und mich doch zwiſchen dem Entweder Oder durchzuſtehlen ſuche. Entweder ſagſt du, haſt du Hofnung auf Lotten, oder du haſt keine. Gut! Jm erſten Falle ſuch

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/goethe_werther01_1774
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/goethe_werther01_1774/75
Zitationshilfe: Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werthers. Bd. 1. Leipzig, 1774, S. 75. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/goethe_werther01_1774/75>, abgerufen am 17.02.2019.