Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Gutzkow, Karl: Die Zeitgenossen. 1. Bd. 2. Aufl. Pforzheim, 1842.

Bild:
<< vorherige Seite
Das Moderne.

Die Mode entspricht den massenhaften Bestrebungen unsrer Zeit. Sie gibt dem Einzelnen eine Auszeichnung und drängt ihn doch wieder in ein größeres Niveau zurück. Die Mode bindet und löset, ist eben so sehr Freiheit wie Gesetz und entspricht vollkommen dem konstitutionellen Charakter unsrer Zeit..

Den Quellen der Mode nachzuforschen, ist eine schwierige Aufgabe. Wie sie unmöglich von einem Einzelnen ausgeht, so scheint sie auch aus keiner Verabredung zu entstehen. Es ist, als müßt' es in der Luft liegen, daß es plötzlich allgemein heißt: Rosahut mit schwarzem Krepp, Sammtröcke mit seidnem Zubehör, Brillen in Facon einer Schlange, die eine arabische Acht bildet, Schuhe mit abgestumpften Spitzen und dergleichen Bestimmungen der Mode mehr. Möglich, daß eine einzige Originalität vorangeht, ein erfinderischer Modist oder ein Gentleman, der seine eignen Launen hat; allein, daß ihm die Andern blindlings folgen, daß sie, indem sie doch selbst Geschmack haben, dem seinigen unbedingt gehorchen, das ist auffallend genug in einem Zeitalter, wo

Das Moderne.

Die Mode entspricht den massenhaften Bestrebungen unsrer Zeit. Sie gibt dem Einzelnen eine Auszeichnung und drängt ihn doch wieder in ein größeres Niveau zurück. Die Mode bindet und löset, ist eben so sehr Freiheit wie Gesetz und entspricht vollkommen dem konstitutionellen Charakter unsrer Zeit..

Den Quellen der Mode nachzuforschen, ist eine schwierige Aufgabe. Wie sie unmöglich von einem Einzelnen ausgeht, so scheint sie auch aus keiner Verabredung zu entstehen. Es ist, als müßt’ es in der Luft liegen, daß es plötzlich allgemein heißt: Rosahut mit schwarzem Krepp, Sammtröcke mit seidnem Zubehör, Brillen in Façon einer Schlange, die eine arabische Acht bildet, Schuhe mit abgestumpften Spitzen und dergleichen Bestimmungen der Mode mehr. Möglich, daß eine einzige Originalität vorangeht, ein erfinderischer Modist oder ein Gentleman, der seine eignen Launen hat; allein, daß ihm die Andern blindlings folgen, daß sie, indem sie doch selbst Geschmack haben, dem seinigen unbedingt gehorchen, das ist auffallend genug in einem Zeitalter, wo

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0181" n="153"/>
        <head> <hi rendition="#b">Das Moderne.</hi> </head><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <p>Die Mode entspricht den massenhaften Bestrebungen unsrer Zeit. Sie gibt dem Einzelnen eine Auszeichnung und drängt ihn doch wieder in ein größeres Niveau zurück. Die Mode bindet und löset, ist eben so sehr Freiheit wie Gesetz und entspricht vollkommen dem konstitutionellen Charakter unsrer Zeit..</p>
        <p>Den Quellen der Mode nachzuforschen, ist eine schwierige Aufgabe. Wie sie unmöglich von einem Einzelnen ausgeht, so scheint sie auch aus keiner Verabredung zu entstehen. Es ist, als müßt&#x2019; es in der Luft liegen, daß es plötzlich allgemein heißt: Rosahut mit schwarzem Krepp, Sammtröcke mit seidnem Zubehör, Brillen in Façon einer Schlange, die eine arabische Acht bildet, Schuhe mit abgestumpften Spitzen und dergleichen Bestimmungen der Mode mehr. Möglich, daß eine einzige Originalität vorangeht, ein erfinderischer Modist oder ein Gentleman, der seine eignen Launen hat; allein, daß ihm die Andern blindlings folgen, daß sie, indem sie doch selbst Geschmack haben, dem seinigen unbedingt gehorchen, das ist auffallend genug in einem Zeitalter, wo
</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[153/0181] Das Moderne. Die Mode entspricht den massenhaften Bestrebungen unsrer Zeit. Sie gibt dem Einzelnen eine Auszeichnung und drängt ihn doch wieder in ein größeres Niveau zurück. Die Mode bindet und löset, ist eben so sehr Freiheit wie Gesetz und entspricht vollkommen dem konstitutionellen Charakter unsrer Zeit.. Den Quellen der Mode nachzuforschen, ist eine schwierige Aufgabe. Wie sie unmöglich von einem Einzelnen ausgeht, so scheint sie auch aus keiner Verabredung zu entstehen. Es ist, als müßt’ es in der Luft liegen, daß es plötzlich allgemein heißt: Rosahut mit schwarzem Krepp, Sammtröcke mit seidnem Zubehör, Brillen in Façon einer Schlange, die eine arabische Acht bildet, Schuhe mit abgestumpften Spitzen und dergleichen Bestimmungen der Mode mehr. Möglich, daß eine einzige Originalität vorangeht, ein erfinderischer Modist oder ein Gentleman, der seine eignen Launen hat; allein, daß ihm die Andern blindlings folgen, daß sie, indem sie doch selbst Geschmack haben, dem seinigen unbedingt gehorchen, das ist auffallend genug in einem Zeitalter, wo

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Gutzkow Editionsprojekt: Bereitstellung der Texttranskription. (2013-09-13T12:39:16Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Frederike Neuber: Bearbeitung der digitalen Edition. (2013-09-13T12:39:16Z)
Google Books: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2013-09-13T12:39:16Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • langes s (ſ): als s transkribiert
  • Vokale mit übergest. e: als ä/ö/ü transkribiert



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_zeitgenossen01_1842
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_zeitgenossen01_1842/181
Zitationshilfe: Gutzkow, Karl: Die Zeitgenossen. 1. Bd. 2. Aufl. Pforzheim, 1842, S. 153. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/gutzkow_zeitgenossen01_1842/181>, abgerufen am 11.08.2020.