Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 1. Bonn, 1888.

Bild:
<< vorherige Seite

Rubens Einfluss auf Velazquez.
dem Eindruck, den er auf Velazquez gemacht haben kann, eine
Vorstellung zu bilden. Man hat neuerdings aus dieser Begeg-
nung einen wichtigen Wendepunkt in seiner Manier abgeleitet,
ja den eigentlichen Velazquezstil auf die Lehren und die Nach-
ahmung des Rubens zurückgeführt, und es wäre nichts erstaun-
liches, wenn er demnächst in Catalogen geradezu bezeichnet
würde als "Schüler des Herrera, Pacheco und Rubens". Da es
unsere Ueberzeugung ist, dass Velazquez das was sein Verdienst
als Maler begründet, nur sich selbst zu verdanken hat, so ist es
für die Biographie von Wichtigkeit, sich hierüber zu verstän-
digen.

Schon Layard (Quarterly Review 1872, October) fand in dem
angeblich damals gemalten Bildniss Philipp IV (Prado 1071) eine
auf Rubens Rath erfolgte Veränderung der Malweise; besonders
in den wärmeren und durchsichtigen Fleischtinten, wenn auch
ohne jenes Glanz.

Jean Rousseau in seinen Peintres flamands en Espagne hat
das Museum zu Madrid den Eindruck gegeben von einem Unter-
schied zwischen den Gemälden vor und nach dem Rubens'schen
Besuch. Offenbar datiren, sagt er, von Rubens seine schönsten
Eigenschaften: die bezaubernde und ritterliche Freiheit der Aus-
führung, die bewunderungswürdige Geschmeidigkeit seiner Tinten,
die köstliche Frische und das Licht, welches sie unter allen Mei-
stern der Welt auszeichnet; der strenge Pacheco habe ihn nichts
derart lehren können. -- Warum muss es ihn denn Jemand ge-
lehrt haben? Um ihn das Licht im sonnverbrannten Spanien
sehen zu lassen, musste also der Mann aus dem nebligen Nieder-
land kommen.

Auch Spanier haben sich diese Hypothese gefallen lassen.
Villaamil in seinem mehrerwähnten Buch (S. 141) glaubt, "der
Einfluss sei klar bewiesen durch das Gemälde, welches er an der
Seite des Rubens zu malen begann und endete; ein Gemälde,
das sowohl durch Gegenstand wie Anordnung, Natürlichkeit,
Kraft des Lichts und Stärke des Ausdrucks, der Farbe und
Zeichnung eine neue Aera im Stil des Velazquez bezeichne,
und sehr an die Macht der glühenden Farben des flämischen
Malers erinnere: die Borrachos."

Diess war natürlich den Panegyristen Wasser auf die Mühle:
"Die nützlichste Unterweisung war das Arbeiten vor seinen Augen,
dem Neophyten (!) die Proceduren zu zeigen, durch welche er den
unvergleichlichen Glanz erreichte. ... Die Borrachos offenbaren

Rubens Einfluss auf Velazquez.
dem Eindruck, den er auf Velazquez gemacht haben kann, eine
Vorstellung zu bilden. Man hat neuerdings aus dieser Begeg-
nung einen wichtigen Wendepunkt in seiner Manier abgeleitet,
ja den eigentlichen Velazquezstil auf die Lehren und die Nach-
ahmung des Rubens zurückgeführt, und es wäre nichts erstaun-
liches, wenn er demnächst in Catalogen geradezu bezeichnet
würde als „Schüler des Herrera, Pacheco und Rubens“. Da es
unsere Ueberzeugung ist, dass Velazquez das was sein Verdienst
als Maler begründet, nur sich selbst zu verdanken hat, so ist es
für die Biographie von Wichtigkeit, sich hierüber zu verstän-
digen.

Schon Layard (Quarterly Review 1872, October) fand in dem
angeblich damals gemalten Bildniss Philipp IV (Prado 1071) eine
auf Rubens Rath erfolgte Veränderung der Malweise; besonders
in den wärmeren und durchsichtigen Fleischtinten, wenn auch
ohne jenes Glanz.

Jean Rousseau in seinen Peintres flamands en Espagne hat
das Museum zu Madrid den Eindruck gegeben von einem Unter-
schied zwischen den Gemälden vor und nach dem Rubens’schen
Besuch. Offenbar datiren, sagt er, von Rubens seine schönsten
Eigenschaften: die bezaubernde und ritterliche Freiheit der Aus-
führung, die bewunderungswürdige Geschmeidigkeit seiner Tinten,
die köstliche Frische und das Licht, welches sie unter allen Mei-
stern der Welt auszeichnet; der strenge Pacheco habe ihn nichts
derart lehren können. — Warum muss es ihn denn Jemand ge-
lehrt haben? Um ihn das Licht im sonnverbrannten Spanien
sehen zu lassen, musste also der Mann aus dem nebligen Nieder-
land kommen.

Auch Spanier haben sich diese Hypothese gefallen lassen.
Villaamil in seinem mehrerwähnten Buch (S. 141) glaubt, „der
Einfluss sei klar bewiesen durch das Gemälde, welches er an der
Seite des Rubens zu malen begann und endete; ein Gemälde,
das sowohl durch Gegenstand wie Anordnung, Natürlichkeit,
Kraft des Lichts und Stärke des Ausdrucks, der Farbe und
Zeichnung eine neue Aera im Stil des Velazquez bezeichne,
und sehr an die Macht der glühenden Farben des flämischen
Malers erinnere: die Borrachos.“

Diess war natürlich den Panegyristen Wasser auf die Mühle:
„Die nützlichste Unterweisung war das Arbeiten vor seinen Augen,
dem Neophyten (!) die Proceduren zu zeigen, durch welche er den
unvergleichlichen Glanz erreichte. … Die Borrachos offenbaren

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0271" n="247"/><fw place="top" type="header">Rubens Einfluss auf Velazquez.</fw><lb/>
dem Eindruck, den er auf Velazquez gemacht haben kann, eine<lb/>
Vorstellung zu bilden. Man hat neuerdings aus dieser Begeg-<lb/>
nung einen wichtigen Wendepunkt in seiner Manier abgeleitet,<lb/>
ja den eigentlichen Velazquezstil auf die Lehren und die Nach-<lb/>
ahmung des Rubens zurückgeführt, und es wäre nichts erstaun-<lb/>
liches, wenn er demnächst in Catalogen geradezu bezeichnet<lb/>
würde als &#x201E;Schüler des Herrera, Pacheco und Rubens&#x201C;. Da es<lb/>
unsere Ueberzeugung ist, dass Velazquez das was sein Verdienst<lb/>
als Maler begründet, nur sich selbst zu verdanken hat, so ist es<lb/>
für die Biographie von Wichtigkeit, sich hierüber zu verstän-<lb/>
digen.</p><lb/>
          <p>Schon Layard (Quarterly Review 1872, October) fand in dem<lb/>
angeblich damals gemalten Bildniss Philipp IV (Prado 1071) eine<lb/>
auf Rubens Rath erfolgte Veränderung der Malweise; besonders<lb/>
in den wärmeren und durchsichtigen Fleischtinten, wenn auch<lb/>
ohne jenes Glanz.</p><lb/>
          <p>Jean Rousseau in seinen <hi rendition="#i">Peintres flamands en Espagne</hi> hat<lb/>
das Museum zu Madrid den Eindruck gegeben von einem Unter-<lb/>
schied zwischen den Gemälden vor und nach dem Rubens&#x2019;schen<lb/>
Besuch. Offenbar datiren, sagt er, von Rubens seine schönsten<lb/>
Eigenschaften: die bezaubernde und ritterliche Freiheit der Aus-<lb/>
führung, die bewunderungswürdige Geschmeidigkeit seiner Tinten,<lb/>
die köstliche Frische und das Licht, welches sie unter allen Mei-<lb/>
stern der Welt auszeichnet; der strenge Pacheco habe ihn nichts<lb/>
derart lehren können. &#x2014; Warum muss es ihn denn Jemand ge-<lb/>
lehrt haben? Um ihn das Licht im sonnverbrannten Spanien<lb/>
sehen zu lassen, musste also der Mann aus dem nebligen Nieder-<lb/>
land kommen.</p><lb/>
          <p>Auch Spanier haben sich diese Hypothese gefallen lassen.<lb/>
Villaamil in seinem mehrerwähnten Buch (S. 141) glaubt, &#x201E;der<lb/>
Einfluss sei klar bewiesen durch das Gemälde, welches er an der<lb/>
Seite des Rubens zu malen begann und endete; ein Gemälde,<lb/>
das sowohl durch Gegenstand wie Anordnung, Natürlichkeit,<lb/>
Kraft des Lichts und Stärke des Ausdrucks, der Farbe und<lb/>
Zeichnung eine neue Aera im Stil des Velazquez bezeichne,<lb/>
und sehr an die Macht der glühenden Farben des flämischen<lb/>
Malers erinnere: die Borrachos.&#x201C;</p><lb/>
          <p>Diess war natürlich den Panegyristen Wasser auf die Mühle:<lb/>
&#x201E;Die nützlichste Unterweisung war das Arbeiten vor seinen Augen,<lb/>
dem Neophyten (!) die Proceduren zu zeigen, durch welche er den<lb/>
unvergleichlichen Glanz erreichte. &#x2026; Die Borrachos offenbaren<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[247/0271] Rubens Einfluss auf Velazquez. dem Eindruck, den er auf Velazquez gemacht haben kann, eine Vorstellung zu bilden. Man hat neuerdings aus dieser Begeg- nung einen wichtigen Wendepunkt in seiner Manier abgeleitet, ja den eigentlichen Velazquezstil auf die Lehren und die Nach- ahmung des Rubens zurückgeführt, und es wäre nichts erstaun- liches, wenn er demnächst in Catalogen geradezu bezeichnet würde als „Schüler des Herrera, Pacheco und Rubens“. Da es unsere Ueberzeugung ist, dass Velazquez das was sein Verdienst als Maler begründet, nur sich selbst zu verdanken hat, so ist es für die Biographie von Wichtigkeit, sich hierüber zu verstän- digen. Schon Layard (Quarterly Review 1872, October) fand in dem angeblich damals gemalten Bildniss Philipp IV (Prado 1071) eine auf Rubens Rath erfolgte Veränderung der Malweise; besonders in den wärmeren und durchsichtigen Fleischtinten, wenn auch ohne jenes Glanz. Jean Rousseau in seinen Peintres flamands en Espagne hat das Museum zu Madrid den Eindruck gegeben von einem Unter- schied zwischen den Gemälden vor und nach dem Rubens’schen Besuch. Offenbar datiren, sagt er, von Rubens seine schönsten Eigenschaften: die bezaubernde und ritterliche Freiheit der Aus- führung, die bewunderungswürdige Geschmeidigkeit seiner Tinten, die köstliche Frische und das Licht, welches sie unter allen Mei- stern der Welt auszeichnet; der strenge Pacheco habe ihn nichts derart lehren können. — Warum muss es ihn denn Jemand ge- lehrt haben? Um ihn das Licht im sonnverbrannten Spanien sehen zu lassen, musste also der Mann aus dem nebligen Nieder- land kommen. Auch Spanier haben sich diese Hypothese gefallen lassen. Villaamil in seinem mehrerwähnten Buch (S. 141) glaubt, „der Einfluss sei klar bewiesen durch das Gemälde, welches er an der Seite des Rubens zu malen begann und endete; ein Gemälde, das sowohl durch Gegenstand wie Anordnung, Natürlichkeit, Kraft des Lichts und Stärke des Ausdrucks, der Farbe und Zeichnung eine neue Aera im Stil des Velazquez bezeichne, und sehr an die Macht der glühenden Farben des flämischen Malers erinnere: die Borrachos.“ Diess war natürlich den Panegyristen Wasser auf die Mühle: „Die nützlichste Unterweisung war das Arbeiten vor seinen Augen, dem Neophyten (!) die Proceduren zu zeigen, durch welche er den unvergleichlichen Glanz erreichte. … Die Borrachos offenbaren

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez01_1888
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez01_1888/271
Zitationshilfe: Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 1. Bonn, 1888, S. 247. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez01_1888/271>, abgerufen am 21.10.2020.