Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 4. Leipzig u. a., 1778.

Bild:
<< vorherige Seite
Erstes Fragment.
Eigne Bemerkungen.

Daß es Nationalphysiognomien wie Nationalcharakter gebe, ist schlechterdings unläugbar. Wer
dran zweifelt, muß nie Menschen von verschiedenen Nationen gesehen, nie die äußersten Enden
zwoer Nationen neben einander gedacht haben. Man denke sich nur neben einander einen Mohren
und einen Engländer; einen Lappen und einen Jtaliäner; einen Franzosen und einen Fue-
goeser
-- und vergleiche ihre Gestalten und Gesichtsbildungen und ihre Geistes- und Gemüths-
charakter. Es ist nichts leichter, als diese erstaunliche Verschiedenheit überhaupt zu erkennen; aber
es ist bisweilen sehr schwer, sie wissenschaftlich zu bestimmen.

Da ich sehr wenig Nationalkenntnisse habe und haben kann, so wird man nicht von mir er-
warten, daß ich in diesem Fache vieles zu leisten im Stande sey. Größtentheils also werde ich andre,
statt meiner müssen reden lassen, und kaum ein Schärfchen eigner Beobachtungen beyzuwerfen ver-
mögend seyn.

Jch werde nicht wiederholen, was schon hin und wieder in diesen Fragmenten über diesen
Punkt gesagt worden; nicht zu sagen nöthig haben: daß alles, was gesagt ist, und hier noch gesagt
werden kann, in keine Vergleichung mit dem kömmt, was über diese äußerst wichtige Sache gesagt
werden könnte. Genug, wenn dieß ganz unbeträchtliche Fragment dazu dient -- die Wichtigkeit
einer tiefern Untersuchung, und genauern Bestimmung dieser Sache fühlbar zu machen! Genug,
wenn man empfindet, daß sie ein eignes ausführliches Werk verdiente, das der ausdrücklichsten und
überlegtesten Veranstaltung einer Akademie und der unmittelbarsten Unterstützung einer fürstlichen
Casse würdig wäre. Bestimmen können, welches Grades und welcher Art von Cultur jede Nation
überhaupt fähig ist -- wie auf jede gewirkt werden kann und soll, wenn sie diesen ihr erreichbaren
Grad von Cultur erreichen soll, ist doch wohl eine Untersuchung -- deren bloße Möglichkeit der
menschlichen Natur Ehre; -- deren Wirklichkeit ihr unbeschreiblichen Nutzen bringen müßte.



Man lernt vielleicht das Nationale eines Gesichtes leichter erkennen, wenn man allererst
nicht die gesammten Nationen sieht, nicht zu ihnen geht; wenn uns die Nation erst nur in einzelnen

Personen
L l 2
Erſtes Fragment.
Eigne Bemerkungen.

Daß es Nationalphyſiognomien wie Nationalcharakter gebe, iſt ſchlechterdings unlaͤugbar. Wer
dran zweifelt, muß nie Menſchen von verſchiedenen Nationen geſehen, nie die aͤußerſten Enden
zwoer Nationen neben einander gedacht haben. Man denke ſich nur neben einander einen Mohren
und einen Englaͤnder; einen Lappen und einen Jtaliaͤner; einen Franzoſen und einen Fue-
goeſer
— und vergleiche ihre Geſtalten und Geſichtsbildungen und ihre Geiſtes- und Gemuͤths-
charakter. Es iſt nichts leichter, als dieſe erſtaunliche Verſchiedenheit uͤberhaupt zu erkennen; aber
es iſt bisweilen ſehr ſchwer, ſie wiſſenſchaftlich zu beſtimmen.

Da ich ſehr wenig Nationalkenntniſſe habe und haben kann, ſo wird man nicht von mir er-
warten, daß ich in dieſem Fache vieles zu leiſten im Stande ſey. Groͤßtentheils alſo werde ich andre,
ſtatt meiner muͤſſen reden laſſen, und kaum ein Schaͤrfchen eigner Beobachtungen beyzuwerfen ver-
moͤgend ſeyn.

Jch werde nicht wiederholen, was ſchon hin und wieder in dieſen Fragmenten uͤber dieſen
Punkt geſagt worden; nicht zu ſagen noͤthig haben: daß alles, was geſagt iſt, und hier noch geſagt
werden kann, in keine Vergleichung mit dem koͤmmt, was uͤber dieſe aͤußerſt wichtige Sache geſagt
werden koͤnnte. Genug, wenn dieß ganz unbetraͤchtliche Fragment dazu dient — die Wichtigkeit
einer tiefern Unterſuchung, und genauern Beſtimmung dieſer Sache fuͤhlbar zu machen! Genug,
wenn man empfindet, daß ſie ein eignes ausfuͤhrliches Werk verdiente, das der ausdruͤcklichſten und
uͤberlegteſten Veranſtaltung einer Akademie und der unmittelbarſten Unterſtuͤtzung einer fuͤrſtlichen
Caſſe wuͤrdig waͤre. Beſtimmen koͤnnen, welches Grades und welcher Art von Cultur jede Nation
uͤberhaupt faͤhig iſt — wie auf jede gewirkt werden kann und ſoll, wenn ſie dieſen ihr erreichbaren
Grad von Cultur erreichen ſoll, iſt doch wohl eine Unterſuchung — deren bloße Moͤglichkeit der
menſchlichen Natur Ehre; — deren Wirklichkeit ihr unbeſchreiblichen Nutzen bringen muͤßte.



Man lernt vielleicht das Nationale eines Geſichtes leichter erkennen, wenn man allererſt
nicht die geſammten Nationen ſieht, nicht zu ihnen geht; wenn uns die Nation erſt nur in einzelnen

Perſonen
L l 2
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0307" n="267"/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Er&#x017F;tes Fragment.</hi><lb/>
Eigne Bemerkungen.</hi> </head><lb/>
            <p><hi rendition="#in">D</hi>aß es Nationalphy&#x017F;iognomien wie Nationalcharakter gebe, i&#x017F;t &#x017F;chlechterdings unla&#x0364;ugbar. Wer<lb/>
dran zweifelt, muß nie Men&#x017F;chen von ver&#x017F;chiedenen Nationen ge&#x017F;ehen, nie die a&#x0364;ußer&#x017F;ten Enden<lb/>
zwoer Nationen neben einander gedacht haben. Man denke &#x017F;ich nur neben einander einen <hi rendition="#fr">Mohren</hi><lb/>
und einen <hi rendition="#fr">Engla&#x0364;nder;</hi> einen <hi rendition="#fr">Lappen</hi> und einen <hi rendition="#fr">Jtalia&#x0364;ner;</hi> einen <hi rendition="#fr">Franzo&#x017F;en</hi> und einen <hi rendition="#fr">Fue-<lb/>
goe&#x017F;er</hi> &#x2014; und vergleiche ihre Ge&#x017F;talten und Ge&#x017F;ichtsbildungen und ihre Gei&#x017F;tes- und Gemu&#x0364;ths-<lb/>
charakter. Es i&#x017F;t nichts leichter, als die&#x017F;e er&#x017F;taunliche Ver&#x017F;chiedenheit u&#x0364;berhaupt zu erkennen; aber<lb/>
es i&#x017F;t bisweilen &#x017F;ehr &#x017F;chwer, &#x017F;ie wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaftlich zu be&#x017F;timmen.</p><lb/>
            <p>Da ich &#x017F;ehr wenig Nationalkenntni&#x017F;&#x017F;e habe und haben kann, &#x017F;o wird man nicht von mir er-<lb/>
warten, daß ich in die&#x017F;em Fache vieles zu lei&#x017F;ten im Stande &#x017F;ey. Gro&#x0364;ßtentheils al&#x017F;o werde ich andre,<lb/>
&#x017F;tatt meiner mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en reden la&#x017F;&#x017F;en, und kaum ein Scha&#x0364;rfchen eigner Beobachtungen beyzuwerfen ver-<lb/>
mo&#x0364;gend &#x017F;eyn.</p><lb/>
            <p>Jch werde nicht wiederholen, was &#x017F;chon hin und wieder in die&#x017F;en Fragmenten u&#x0364;ber die&#x017F;en<lb/>
Punkt ge&#x017F;agt worden; nicht zu &#x017F;agen no&#x0364;thig haben: daß alles, was ge&#x017F;agt i&#x017F;t, und hier noch ge&#x017F;agt<lb/>
werden kann, in keine Vergleichung mit dem ko&#x0364;mmt, was u&#x0364;ber die&#x017F;e a&#x0364;ußer&#x017F;t wichtige Sache ge&#x017F;agt<lb/>
werden ko&#x0364;nnte. Genug, wenn dieß ganz unbetra&#x0364;chtliche Fragment dazu dient &#x2014; die Wichtigkeit<lb/>
einer tiefern Unter&#x017F;uchung, und genauern Be&#x017F;timmung die&#x017F;er Sache fu&#x0364;hlbar zu machen! Genug,<lb/>
wenn man empfindet, daß &#x017F;ie ein eignes ausfu&#x0364;hrliches Werk verdiente, das der ausdru&#x0364;cklich&#x017F;ten und<lb/>
u&#x0364;berlegte&#x017F;ten Veran&#x017F;taltung einer Akademie und der unmittelbar&#x017F;ten Unter&#x017F;tu&#x0364;tzung einer fu&#x0364;r&#x017F;tlichen<lb/>
Ca&#x017F;&#x017F;e wu&#x0364;rdig wa&#x0364;re. Be&#x017F;timmen ko&#x0364;nnen, welches Grades und welcher Art von Cultur jede Nation<lb/>
u&#x0364;berhaupt fa&#x0364;hig i&#x017F;t &#x2014; wie auf jede gewirkt werden kann und &#x017F;oll, wenn &#x017F;ie die&#x017F;en ihr erreichbaren<lb/>
Grad von Cultur erreichen &#x017F;oll, i&#x017F;t doch wohl eine Unter&#x017F;uchung &#x2014; deren bloße Mo&#x0364;glichkeit der<lb/>
men&#x017F;chlichen Natur Ehre; &#x2014; deren Wirklichkeit ihr unbe&#x017F;chreiblichen Nutzen bringen mu&#x0364;ßte.</p><lb/>
            <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
            <p>Man lernt vielleicht das Nationale eines Ge&#x017F;ichtes leichter erkennen, wenn man allerer&#x017F;t<lb/>
nicht die <hi rendition="#fr">ge&#x017F;ammten</hi> Nationen &#x017F;ieht, nicht zu ihnen geht; wenn uns die Nation er&#x017F;t nur in einzelnen<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">L l 2</fw><fw place="bottom" type="catch">Per&#x017F;onen</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[267/0307] Erſtes Fragment. Eigne Bemerkungen. Daß es Nationalphyſiognomien wie Nationalcharakter gebe, iſt ſchlechterdings unlaͤugbar. Wer dran zweifelt, muß nie Menſchen von verſchiedenen Nationen geſehen, nie die aͤußerſten Enden zwoer Nationen neben einander gedacht haben. Man denke ſich nur neben einander einen Mohren und einen Englaͤnder; einen Lappen und einen Jtaliaͤner; einen Franzoſen und einen Fue- goeſer — und vergleiche ihre Geſtalten und Geſichtsbildungen und ihre Geiſtes- und Gemuͤths- charakter. Es iſt nichts leichter, als dieſe erſtaunliche Verſchiedenheit uͤberhaupt zu erkennen; aber es iſt bisweilen ſehr ſchwer, ſie wiſſenſchaftlich zu beſtimmen. Da ich ſehr wenig Nationalkenntniſſe habe und haben kann, ſo wird man nicht von mir er- warten, daß ich in dieſem Fache vieles zu leiſten im Stande ſey. Groͤßtentheils alſo werde ich andre, ſtatt meiner muͤſſen reden laſſen, und kaum ein Schaͤrfchen eigner Beobachtungen beyzuwerfen ver- moͤgend ſeyn. Jch werde nicht wiederholen, was ſchon hin und wieder in dieſen Fragmenten uͤber dieſen Punkt geſagt worden; nicht zu ſagen noͤthig haben: daß alles, was geſagt iſt, und hier noch geſagt werden kann, in keine Vergleichung mit dem koͤmmt, was uͤber dieſe aͤußerſt wichtige Sache geſagt werden koͤnnte. Genug, wenn dieß ganz unbetraͤchtliche Fragment dazu dient — die Wichtigkeit einer tiefern Unterſuchung, und genauern Beſtimmung dieſer Sache fuͤhlbar zu machen! Genug, wenn man empfindet, daß ſie ein eignes ausfuͤhrliches Werk verdiente, das der ausdruͤcklichſten und uͤberlegteſten Veranſtaltung einer Akademie und der unmittelbarſten Unterſtuͤtzung einer fuͤrſtlichen Caſſe wuͤrdig waͤre. Beſtimmen koͤnnen, welches Grades und welcher Art von Cultur jede Nation uͤberhaupt faͤhig iſt — wie auf jede gewirkt werden kann und ſoll, wenn ſie dieſen ihr erreichbaren Grad von Cultur erreichen ſoll, iſt doch wohl eine Unterſuchung — deren bloße Moͤglichkeit der menſchlichen Natur Ehre; — deren Wirklichkeit ihr unbeſchreiblichen Nutzen bringen muͤßte. Man lernt vielleicht das Nationale eines Geſichtes leichter erkennen, wenn man allererſt nicht die geſammten Nationen ſieht, nicht zu ihnen geht; wenn uns die Nation erſt nur in einzelnen Perſonen L l 2

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente04_1778
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente04_1778/307
Zitationshilfe: Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 4. Leipzig u. a., 1778, S. 267. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente04_1778/307>, abgerufen am 24.05.2020.