Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.

Bild:
<< vorherige Seite
2.
Horch! plötzlich stört ein Ruf die Einsamkeit:
Klang's nicht aus der Kapelle öden Mauern?
Wer ist es, der so wunderlich dort schreit,
Daß mich's unheimlich faßt mit kaltem Schauern?!
"Herr Gott! wir loben dich -- ha, ha, ha, ha!"
Nun schweigt er still, der grause Gottverächter;
Und donnernd ruft er nun: "Alleluiah!"
Und überdonnernd folgt sein Hohngelächter.
Da stürzt er sich vorbei voll scheuer Hast,
Das wirre Haar von bleicher Wange streifend,
Die Augen wild bewegt und ohne Rast,
Irrlichter, in der Nacht des Wahnsinns schweifend.
Er eilt waldein, von seinem Tritte rauscht
Das dürre Laub im dunkeln Eichenhaine;
Wie sinnend bleibt er plötzlich stehn und lauscht,
Und leise hör' ich's nun, als ob er weine.
2.
Horch! ploͤtzlich ſtoͤrt ein Ruf die Einſamkeit:
Klang's nicht aus der Kapelle oͤden Mauern?
Wer iſt es, der ſo wunderlich dort ſchreit,
Daß mich's unheimlich faßt mit kaltem Schauern?!
„Herr Gott! wir loben dich — ha, ha, ha, ha!“
Nun ſchweigt er ſtill, der grauſe Gottveraͤchter;
Und donnernd ruft er nun: „Alleluiah!“
Und uͤberdonnernd folgt ſein Hohngelaͤchter.
Da ſtuͤrzt er ſich vorbei voll ſcheuer Haſt,
Das wirre Haar von bleicher Wange ſtreifend,
Die Augen wild bewegt und ohne Raſt,
Irrlichter, in der Nacht des Wahnſinns ſchweifend.
Er eilt waldein, von ſeinem Tritte rauſcht
Das duͤrre Laub im dunkeln Eichenhaine;
Wie ſinnend bleibt er ploͤtzlich ſtehn und lauſcht,
Und leiſe hoͤr' ich's nun, als ob er weine.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <pb facs="#f0194" n="180"/>
          </div>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b">2.</hi><lb/>
            </head>
            <lg type="poem">
              <lg n="1">
                <l><hi rendition="#in">H</hi>orch! plo&#x0364;tzlich &#x017F;to&#x0364;rt ein Ruf die Ein&#x017F;amkeit:</l><lb/>
                <l>Klang's nicht aus der Kapelle o&#x0364;den Mauern?</l><lb/>
                <l>Wer i&#x017F;t es, der &#x017F;o wunderlich dort &#x017F;chreit,</l><lb/>
                <l>Daß mich's unheimlich faßt mit kaltem Schauern?!</l><lb/>
              </lg>
              <lg n="2">
                <l>&#x201E;Herr Gott! wir loben dich &#x2014; ha, ha, ha, ha!&#x201C;</l><lb/>
                <l>Nun &#x017F;chweigt er &#x017F;till, der grau&#x017F;e Gottvera&#x0364;chter;</l><lb/>
                <l>Und donnernd ruft er nun: &#x201E;Alleluiah!&#x201C;</l><lb/>
                <l>Und u&#x0364;berdonnernd folgt &#x017F;ein Hohngela&#x0364;chter.</l><lb/>
              </lg>
              <lg n="3">
                <l>Da &#x017F;tu&#x0364;rzt er &#x017F;ich vorbei voll &#x017F;cheuer Ha&#x017F;t,</l><lb/>
                <l>Das wirre Haar von bleicher Wange &#x017F;treifend,</l><lb/>
                <l>Die Augen wild bewegt und ohne Ra&#x017F;t,</l><lb/>
                <l>Irrlichter, in der Nacht des Wahn&#x017F;inns &#x017F;chweifend.</l><lb/>
              </lg>
              <lg n="4">
                <l>Er eilt waldein, von &#x017F;einem Tritte rau&#x017F;cht</l><lb/>
                <l>Das du&#x0364;rre Laub im dunkeln Eichenhaine;</l><lb/>
                <l>Wie &#x017F;innend bleibt er plo&#x0364;tzlich &#x017F;tehn und lau&#x017F;cht,</l><lb/>
                <l>Und lei&#x017F;e ho&#x0364;r' ich's nun, als ob er weine.</l><lb/>
              </lg>
            </lg>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[180/0194] 2. Horch! ploͤtzlich ſtoͤrt ein Ruf die Einſamkeit: Klang's nicht aus der Kapelle oͤden Mauern? Wer iſt es, der ſo wunderlich dort ſchreit, Daß mich's unheimlich faßt mit kaltem Schauern?! „Herr Gott! wir loben dich — ha, ha, ha, ha!“ Nun ſchweigt er ſtill, der grauſe Gottveraͤchter; Und donnernd ruft er nun: „Alleluiah!“ Und uͤberdonnernd folgt ſein Hohngelaͤchter. Da ſtuͤrzt er ſich vorbei voll ſcheuer Haſt, Das wirre Haar von bleicher Wange ſtreifend, Die Augen wild bewegt und ohne Raſt, Irrlichter, in der Nacht des Wahnſinns ſchweifend. Er eilt waldein, von ſeinem Tritte rauſcht Das duͤrre Laub im dunkeln Eichenhaine; Wie ſinnend bleibt er ploͤtzlich ſtehn und lauſcht, Und leiſe hoͤr' ich's nun, als ob er weine.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/lenau_gedichte_1832
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/lenau_gedichte_1832/194
Zitationshilfe: Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/lenau_gedichte_1832/194>, S. 180, abgerufen am 17.08.2017.