Am Dienstag, dem 19. November 2019, finden von 9 bis 14 Uhr Wartungsarbeiten an unseren Servern statt. Bitte beachten Sie, dass die DTA-Seiten in dieser Zeit nicht erreichbar sein werden.
Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Bd. 2. Berlin, 1793.

Bild:
<< vorherige Seite
Acht und dreissigster oder Neujahrs Sektor.

Nachtmusik -- Abschiedsbrief -- mein Zanken und Krankseyn.


Ich hatte auf heute vor Spaß zu machen, meine
Biographie einen gedruckten Neujahrswunsch an
den Leser zu nennen und statt der Wünsche scherz¬
hafte Neuzahrs-Flüche zu thun und dergleichen
mehr. Aber ich kann nicht und werd' es überhaupt
bald gar nicht mehr können. Welches plumpe aus¬
gebrannte Herz müssen die Menschen haben, die
im Angesichte des ersten Tages, der sie unter 364
andre gebückte, ernste, klagende und zerrinnende
hinein führet, die tobende schreiende Freude der
Thiere dem weichen stillen und aus Weinen grän¬
zenden Vergnügen des Menschen vorzuziehen im
Stande sind! Ihr müsset nicht wissen, was die
Wörter erster und letzter sagen, wenn ihr nicht
darüber, sie mögen einem Tage oder einem Buche
oder Jahre gegeben werden, tiefern Athem
zieht; ihr müsset noch weniger wissen, was der Mensch
vor dem Thiere voraus hat, wenn in euch der Zwi¬
schenraum zwischen Freude und Sehnsucht so groß

Acht und dreiſſigſter oder Neujahrs Sektor.

Nachtmuſik — Abſchiedsbrief — mein Zanken und Krankſeyn.


Ich hatte auf heute vor Spaß zu machen, meine
Biographie einen gedruckten Neujahrswunſch an
den Leſer zu nennen und ſtatt der Wuͤnſche ſcherz¬
hafte Neuzahrs-Fluͤche zu thun und dergleichen
mehr. Aber ich kann nicht und werd' es uͤberhaupt
bald gar nicht mehr koͤnnen. Welches plumpe aus¬
gebrannte Herz muͤſſen die Menſchen haben, die
im Angeſichte des erſten Tages, der ſie unter 364
andre gebuͤckte, ernſte, klagende und zerrinnende
hinein fuͤhret, die tobende ſchreiende Freude der
Thiere dem weichen ſtillen und aus Weinen graͤn¬
zenden Vergnuͤgen des Menſchen vorzuziehen im
Stande ſind! Ihr muͤſſet nicht wiſſen, was die
Woͤrter erſter und letzter ſagen, wenn ihr nicht
daruͤber, ſie moͤgen einem Tage oder einem Buche
oder Jahre gegeben werden, tiefern Athem
zieht; ihr muͤſſet noch weniger wiſſen, was der Menſch
vor dem Thiere voraus hat, wenn in euch der Zwi¬
ſchenraum zwiſchen Freude und Sehnſucht ſo groß

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <pb facs="#f0247" n="237"/>
          </div>
        </div>
        <div n="2">
          <head>Acht und drei&#x017F;&#x017F;ig&#x017F;ter oder Neujahrs Sektor.<lb/></head>
          <argument>
            <p rendition="#c">Nachtmu&#x017F;ik &#x2014; Ab&#x017F;chiedsbrief &#x2014; mein Zanken und Krank&#x017F;eyn.</p>
          </argument><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
          <p><hi rendition="#in">I</hi>ch hatte auf heute vor Spaß zu machen, meine<lb/>
Biographie einen gedruckten Neujahrswun&#x017F;ch an<lb/>
den Le&#x017F;er zu nennen und &#x017F;tatt der Wu&#x0364;n&#x017F;che &#x017F;cherz¬<lb/>
hafte Neuzahrs-Flu&#x0364;che zu thun und dergleichen<lb/>
mehr. Aber ich kann nicht und werd' es u&#x0364;berhaupt<lb/>
bald gar nicht mehr ko&#x0364;nnen. Welches plumpe aus¬<lb/>
gebrannte Herz mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en <hi rendition="#g">die</hi> Men&#x017F;chen haben, die<lb/>
im Ange&#x017F;ichte des er&#x017F;ten Tages, der &#x017F;ie unter 364<lb/>
andre gebu&#x0364;ckte, ern&#x017F;te, klagende und zerrinnende<lb/>
hinein fu&#x0364;hret, die tobende &#x017F;chreiende Freude der<lb/>
Thiere dem weichen &#x017F;tillen und aus Weinen gra&#x0364;<lb/>
zenden Vergnu&#x0364;gen des Men&#x017F;chen vorzuziehen im<lb/>
Stande &#x017F;ind! Ihr mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;et nicht wi&#x017F;&#x017F;en, was die<lb/>
Wo&#x0364;rter er&#x017F;ter und letzter &#x017F;agen, wenn ihr nicht<lb/>
daru&#x0364;ber, &#x017F;ie mo&#x0364;gen einem Tage oder einem Buche<lb/>
oder <choice><sic><space dim="horizontal"/></sic><corr type="corrigenda">Jahre</corr></choice> gegeben werden, tiefern Athem<lb/>
zieht; ihr mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;et noch weniger wi&#x017F;&#x017F;en, was der Men&#x017F;ch<lb/>
vor dem Thiere voraus hat, wenn in euch der Zwi¬<lb/>
&#x017F;chenraum zwi&#x017F;chen Freude und Sehn&#x017F;ucht &#x017F;o groß<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[237/0247] Acht und dreiſſigſter oder Neujahrs Sektor. Nachtmuſik — Abſchiedsbrief — mein Zanken und Krankſeyn. Ich hatte auf heute vor Spaß zu machen, meine Biographie einen gedruckten Neujahrswunſch an den Leſer zu nennen und ſtatt der Wuͤnſche ſcherz¬ hafte Neuzahrs-Fluͤche zu thun und dergleichen mehr. Aber ich kann nicht und werd' es uͤberhaupt bald gar nicht mehr koͤnnen. Welches plumpe aus¬ gebrannte Herz muͤſſen die Menſchen haben, die im Angeſichte des erſten Tages, der ſie unter 364 andre gebuͤckte, ernſte, klagende und zerrinnende hinein fuͤhret, die tobende ſchreiende Freude der Thiere dem weichen ſtillen und aus Weinen graͤn¬ zenden Vergnuͤgen des Menſchen vorzuziehen im Stande ſind! Ihr muͤſſet nicht wiſſen, was die Woͤrter erſter und letzter ſagen, wenn ihr nicht daruͤber, ſie moͤgen einem Tage oder einem Buche oder Jahre gegeben werden, tiefern Athem zieht; ihr muͤſſet noch weniger wiſſen, was der Menſch vor dem Thiere voraus hat, wenn in euch der Zwi¬ ſchenraum zwiſchen Freude und Sehnſucht ſo groß

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/paul_loge02_1793
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/paul_loge02_1793/247
Zitationshilfe: Jean Paul: Die unsichtbare Loge. Bd. 2. Berlin, 1793, S. 237. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/paul_loge02_1793/247>, abgerufen am 18.11.2019.