Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 3. Göttingen, 1749.

Bild:
<< vorherige Seite


Der siebenzehnte Brief.
Eine Fortsetzung des vorigen von Herrn
Lovelacen.

Allein ist es nicht die Göttin Clarissa, (Har-
lowe
will ich sie nicht nennen. Mein Hertz
empöret sich mit Verachtung dagegen, und ehret
nichts Harlowisches, als sie) der ich jetzund drohe?
Wie edel ist sie, wenn der wahre Adel in der Tu-
gend bestehet? und wie würde man durch eine Ver-
bindung mit ihr geadelt werden, wenn nicht die
Familie, von der sie entsprungen ist, und die sie
mir vorziehet, auch ihren wahren Adel entehrete?

Doch wie übereile ich mich? Jst nicht etwas an
diesem göttlichen Kinde auszusetzen, oder auszuse-
tzen gewesen? Wenn auch dieser Fehler für mich
günstig und glücklich gewesen wäre, so frage ich
dich, ob nicht die Erinnerungen dieses Fehlers mich
künftig würde unglücklich machen können, wenn
sie gantz mein Eigenthum ist, und die Neuigkeit auf-
hört meine Liebe zärtlicher zu machen? Wenn es
Leute von freyem Leben mit dem Frauenzimmer ge-
nau nehmen, so nehmen sie es sehr genau: denn
selten pflegt die Tugend der Schönen, die sie auf
die Probe setzen, bewährt zu seyn; und nach dem
Beyspiel dieser gefallenen beurtheilen sie das gantze
schöne Geschlecht. Gegen gute Gelegenheit und
gegen Dreistigkeit kann sich kein Frauenzimmer
wehren, wenn der Liebhaber nur nicht ablässet, und
seine Versuchungen nach dessen herrschender Leyden-

schaft


Der ſiebenzehnte Brief.
Eine Fortſetzung des vorigen von Herrn
Lovelacen.

Allein iſt es nicht die Goͤttin Clariſſa, (Har-
lowe
will ich ſie nicht nennen. Mein Hertz
empoͤret ſich mit Verachtung dagegen, und ehret
nichts Harlowiſches, als ſie) der ich jetzund drohe?
Wie edel iſt ſie, wenn der wahre Adel in der Tu-
gend beſtehet? und wie wuͤrde man durch eine Ver-
bindung mit ihr geadelt werden, wenn nicht die
Familie, von der ſie entſprungen iſt, und die ſie
mir vorziehet, auch ihren wahren Adel entehrete?

Doch wie uͤbereile ich mich? Jſt nicht etwas an
dieſem goͤttlichen Kinde auszuſetzen, oder auszuſe-
tzen geweſen? Wenn auch dieſer Fehler fuͤr mich
guͤnſtig und gluͤcklich geweſen waͤre, ſo frage ich
dich, ob nicht die Erinnerungen dieſes Fehlers mich
kuͤnftig wuͤrde ungluͤcklich machen koͤnnen, wenn
ſie gantz mein Eigenthum iſt, und die Neuigkeit auf-
hoͤrt meine Liebe zaͤrtlicher zu machen? Wenn es
Leute von freyem Leben mit dem Frauenzimmer ge-
nau nehmen, ſo nehmen ſie es ſehr genau: denn
ſelten pflegt die Tugend der Schoͤnen, die ſie auf
die Probe ſetzen, bewaͤhrt zu ſeyn; und nach dem
Beyſpiel dieſer gefallenen beurtheilen ſie das gantze
ſchoͤne Geſchlecht. Gegen gute Gelegenheit und
gegen Dreiſtigkeit kann ſich kein Frauenzimmer
wehren, wenn der Liebhaber nur nicht ablaͤſſet, und
ſeine Verſuchungen nach deſſen herrſchender Leyden-

ſchaft
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0180" n="166"/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <div n="2">
          <head><hi rendition="#fr">Der &#x017F;iebenzehnte Brief.</hi><lb/>
Eine Fort&#x017F;etzung des vorigen von Herrn<lb/><hi rendition="#fr">Lovelacen.</hi></head><lb/>
          <p><hi rendition="#in">A</hi>llein i&#x017F;t es nicht die Go&#x0364;ttin <hi rendition="#fr">Clari&#x017F;&#x017F;a, (Har-<lb/>
lowe</hi> will ich &#x017F;ie nicht nennen. Mein Hertz<lb/>
empo&#x0364;ret &#x017F;ich mit Verachtung dagegen, und ehret<lb/>
nichts Harlowi&#x017F;ches, als &#x017F;ie) der ich jetzund drohe?<lb/>
Wie edel i&#x017F;t &#x017F;ie, wenn der wahre Adel in der Tu-<lb/>
gend be&#x017F;tehet? und wie wu&#x0364;rde man durch eine Ver-<lb/>
bindung mit ihr geadelt werden, wenn nicht die<lb/>
Familie, von der &#x017F;ie ent&#x017F;prungen i&#x017F;t, und die &#x017F;ie<lb/>
mir vorziehet, auch ihren wahren Adel entehrete?</p><lb/>
          <p>Doch wie u&#x0364;bereile ich mich? J&#x017F;t nicht etwas an<lb/>
die&#x017F;em go&#x0364;ttlichen Kinde auszu&#x017F;etzen, oder auszu&#x017F;e-<lb/>
tzen gewe&#x017F;en? Wenn auch die&#x017F;er Fehler fu&#x0364;r mich<lb/>
gu&#x0364;n&#x017F;tig und glu&#x0364;cklich gewe&#x017F;en wa&#x0364;re, &#x017F;o frage ich<lb/>
dich, ob nicht die Erinnerungen die&#x017F;es Fehlers mich<lb/>
ku&#x0364;nftig wu&#x0364;rde unglu&#x0364;cklich machen ko&#x0364;nnen, wenn<lb/>
&#x017F;ie gantz mein Eigenthum i&#x017F;t, und die Neuigkeit auf-<lb/>
ho&#x0364;rt meine Liebe za&#x0364;rtlicher zu machen? Wenn es<lb/>
Leute von freyem Leben mit dem Frauenzimmer ge-<lb/>
nau nehmen, &#x017F;o nehmen &#x017F;ie es &#x017F;ehr genau: denn<lb/>
&#x017F;elten pflegt die Tugend der Scho&#x0364;nen, die &#x017F;ie auf<lb/>
die Probe &#x017F;etzen, bewa&#x0364;hrt zu &#x017F;eyn; und nach dem<lb/>
Bey&#x017F;piel die&#x017F;er gefallenen beurtheilen &#x017F;ie das gantze<lb/>
&#x017F;cho&#x0364;ne Ge&#x017F;chlecht. Gegen gute Gelegenheit und<lb/>
gegen Drei&#x017F;tigkeit kann &#x017F;ich kein Frauenzimmer<lb/>
wehren, wenn der Liebhaber nur nicht abla&#x0364;&#x017F;&#x017F;et, und<lb/>
&#x017F;eine Ver&#x017F;uchungen nach de&#x017F;&#x017F;en herr&#x017F;chender Leyden-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">&#x017F;chaft</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[166/0180] Der ſiebenzehnte Brief. Eine Fortſetzung des vorigen von Herrn Lovelacen. Allein iſt es nicht die Goͤttin Clariſſa, (Har- lowe will ich ſie nicht nennen. Mein Hertz empoͤret ſich mit Verachtung dagegen, und ehret nichts Harlowiſches, als ſie) der ich jetzund drohe? Wie edel iſt ſie, wenn der wahre Adel in der Tu- gend beſtehet? und wie wuͤrde man durch eine Ver- bindung mit ihr geadelt werden, wenn nicht die Familie, von der ſie entſprungen iſt, und die ſie mir vorziehet, auch ihren wahren Adel entehrete? Doch wie uͤbereile ich mich? Jſt nicht etwas an dieſem goͤttlichen Kinde auszuſetzen, oder auszuſe- tzen geweſen? Wenn auch dieſer Fehler fuͤr mich guͤnſtig und gluͤcklich geweſen waͤre, ſo frage ich dich, ob nicht die Erinnerungen dieſes Fehlers mich kuͤnftig wuͤrde ungluͤcklich machen koͤnnen, wenn ſie gantz mein Eigenthum iſt, und die Neuigkeit auf- hoͤrt meine Liebe zaͤrtlicher zu machen? Wenn es Leute von freyem Leben mit dem Frauenzimmer ge- nau nehmen, ſo nehmen ſie es ſehr genau: denn ſelten pflegt die Tugend der Schoͤnen, die ſie auf die Probe ſetzen, bewaͤhrt zu ſeyn; und nach dem Beyſpiel dieſer gefallenen beurtheilen ſie das gantze ſchoͤne Geſchlecht. Gegen gute Gelegenheit und gegen Dreiſtigkeit kann ſich kein Frauenzimmer wehren, wenn der Liebhaber nur nicht ablaͤſſet, und ſeine Verſuchungen nach deſſen herrſchender Leyden- ſchaft

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa03_1749
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa03_1749/180
Zitationshilfe: [Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 3. Göttingen, 1749, S. 166. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa03_1749/180>, abgerufen am 20.11.2019.